war der gute Geist , der darin waltete , auf immer dahin . Die Welt schien ihm ausgestorben . Er kehrte sich ab und weinte bitterlich . Niemand sah diesen Schmerz , welchen er bei seinem Einzug in das Zuchthaus , obgleich ihn der Gedanke an sein Weib und sein Kind beinahe zu Boden drückte , hinter einer dumpfen Gleichgültigkeit verbarg . 27 Ein stiller Herbstabend breitete seinen Frieden über die Welt . Vom Brunnen , wo sie sich satt getrunken , wurden Pferde und Kühe heimgetrieben , wobei einige Füllen und Kälber munter um sie her sprangen und wohl auch hie und da eine Kuh , deren Alter ein gesetzteres Betragen erwarten ließ , zu ein paar Bockssprüngen verführten . Nachdem das Vieh den Trog verlassen hatte , kamen Weiber und Mädchen , um ihre Wassergelten unter dem Rohr zu füllen ; sie plauderten und lachten unter sich oder mit den Leuten , die vor den Häusern Feierabend machten . Allmählich wurde es am Brunnen und auf der Straße leer , die Menschen gingen in die Häuser , da und dort hörte man das Vieh in den Ställen brüllen , aber immer tiefer sank das Dorf , schon während der Dämmerung , in die Stille der Nacht , so daß endlich der gesellige Brunnen für sich allein murmelte , doch nicht ganz von den Stimmen des Lebens verlassen , denn ihn begleitete das Plätschern des vorüberziehenden Flüßchens und das Rauschen des Neckars , der unfern über seine Kiesel dahinzog . Die Schatten verdichteten sich mehr und mehr , da kam noch eine Nachzüglerin zum Brunnen , um Wasser zu holen ; entweder hatte sie sich über häuslichen Geschäften verspätet , oder scheute sie die Gesellschaft , die zu einer früheren Stunde am Brunnen nicht zu vermeiden war , denn ihre Tracht , die von der Tracht des Dorfes abwich , bezeichnete sie als eine Fremde , die sich vielleicht unter den andern nicht heimisch fühlte ; das um den Kopf geschlungene dunkelblaue Tuch ließ nicht erraten , ob sie ein Weib oder Mädchen sei . Sie stand mit dem Leib über die nachlässig gefalteten Hände übergebeugt am Brunnen und wartete in dieser geduldigen Haltung , welche meist von überstandenen Leiden zeugt , auf das Vollwerden ihres Gefäßes . Ein tiefer Seufzer sprach es aus , daß sie in ihrem Innern nicht unbeschäftigt war . Während sie so am Brunnen träumte , erscholl ein rascher , zuversichtlicher Schritt durch das schlummernde Tal . Er schien sich zu verlieren , wenn die Straße sich senkte ; dann schlug er wieder deutlicher an das Ohr . Bald hatte der Wanderer das Dorf erreicht ; er ging langsamer , verweilte hie und da und setzte dann seine Schritte wieder fort . Wie er näher kam , ein kräftiger , untersetzter Mann , entdeckte er die Gestalt am Brunnen und trat , wie um sie zu fragen , auf sie zu . Kaum aber hatte er sie voll ins Auge gefaßt , so umschlang er sie und drückte sie heftig an sich . Mit einem leisen Schrei des Schreckens und Unwillens suchte sie sich loszumachen , da sagte er mit unterdrückter Stimme : » Christine ! « Sie sah ihm in das Gesicht und stürzte mit einem zweiten Schrei an seine Brust , die Arme um ihn schlagend . Nach einer langen Umarmung , in welcher sie zuweilen tief Atem holte , sagte sie weinend : » Mein Frieder , mein Frieder ! Was für ein Engel führt dich zu mir ? Wo kommst denn her ? « » Von Hohentwiel , von Frankfurt , von Ebersbach , aus dem Gefängnis , aus der Welt , aus der Heimat - woher du willst ! « antwortete er fröhlich . » Daß du von Hohentwiel entkommen bist « , sagte sie , » ist das letzt , was ich von dir weiß .. Das hat einen solchen Lärmen durch ' s Land geben , daß ich ' s sogar im Zuchthaus erfahren hab . Kannst dir vorstellen , wie mich ' s gefreut hat . « » Im Zuchthaus ! « versetzte er . » Ich weiß , daß sie dich dorthin getan haben . Oh , ' s ist scheußlich ! scheußlich ! « » Sie haben gesagt , sonst werd eine erst beim dritten Kind so gestraft , mir aber müß man ' s schon beim zweiten andiktieren , für meinen Umgang mit dir , weil du dich so aufgeführt habest , daß man dich lebenslänglich hab auf die Festung sperren müssen . « Er lachte wild . Sie fiel ihm abermals um den Hals ; dann sah sie sich scheu um , ob niemand ihr Tun bemerkt habe . Hierauf fragte sie hastig : » Und von Ebersbach kommest , sagst ? Was machen meine Kinder ? « » Sie sind ganz wohl « , antwortete er : » das Kleine hat all seine Zähn , du mußt ' s ja gesehen haben , wie du letzt dort gewesen bist , und lauft ganz allein ; und der Groß hat vorgestern zum erstenmal in die Schule dürfen zum Zuhören . Er hat mir aufgeben , ich solle die Mutter schön grüßen . « Sie schluchzte . » Aber ich vergeß mich ganz « , sagte sie dann erschrocken . » Meine Herrschaft ist im Pfarrhaus , sie sind oft nach ' m Nachtessen dort , und die Kinder sind allein . Die Schulmeisterin tät mir ' s nicht verzeihen , und ich möcht ' s ihr auch nicht zuleid tun , daß einem von den Kindern etwas geschah . « » Hat die Kathrine Kinder ? « fragte er , sie aufhaltend . » Ha , was meinst ? « antwortete sie , » drei , und das ältest davon ist schier fünf Jahr alt . « » Was man nicht erleben kann ! « sagte er : » ist mir ' s doch , als hätt sie erst gestern noch im