Meisterschaft und künstlerischen Vernunftmäßigkeit war , wenn man es unbefangen betrachten durfte , das wurde als aufgedrungene gegenwärtige Realität mit einem Schlage zu einem beängstigenden Unsinn , und es ward mir zu Mute , wenn Ich den widerspruchlosen Ernst sah , mit welchem ohne Mienenverzug das Fabelhafte behandelt wurde , als ob von alten Leuten ein Kinderspiel mit Blumen getrieben würde , bei welchem jeder Fehler und jedes Lächeln Todesstrafe nach sieh zog . Welchen Boden die ausgestreute Lehre in dem Herzen jedes einzelnen fand , war Nicht zu merken . Alle hatten von Kindheit auf die gleichen Worte und Bilder des Christentumes gehört , immer ein wenig deutlicher ; alle fühlten jetzt , daß man nun das wahre Verständnis von ihnen verlange als ein Hauptkennzeichen ihrer Menschlichen Tauglichkeit und als eine Hauptbedingung ihrer Glückseligkeit , aber alle setzten dem beredten Lehrer ein farbloses und stummes Schweigen entgegen , durch ihre knappen Antworten nur dürftig unterbrochen . Die starrsinnigen Knüppelstirnen sowohl wie die glatten und heiteren , die engherzig schmalen und niederen wie die hohen freien Wölbungen , diejenigen Stirnen , welchen in der Mitte nur ein Knöpfchen fehlte , um ganz ein viereckiges Schublädchen vorzustellen , wie diejenigen , welche in edler Rundung eine ganze runde Welt abbildeten , alle waren in der gleichen kühlen Ruhe gesenkt ; weder der künftige Freigeist noch der künftige Fanatiker gaben ein Zeichen ihrer Natur von sich , weil der größte Proselytenmacher , das Menschenschicksal , nicht mit in der Stube war . Doch waren alle einstweilen aufmerksam , und ich selbst merkte wohl auf die inneren christlichen Grundlehren , während ich auf das wunderbare Gewand derselben , auf die biblischen Gestaltungen der göttlichen Persönlichkeiten , nicht achtete , und ich weiß mich nicht einmal einer Zeit zu entsinnen , wo ich darauf geachtet oder angefangen hätte , nicht daran zu glauben . Desto mehr hatte ich in meinem Herzen gegen jenen innern Gehalt zu eifern , welcher uns einzig unter der Bedingung zu gut kommen sollte , daß wir an die äußere Gestalt glaubten , und mein Herz behauptete , daß es jenen Gehalt mit auf die Welt gebracht habe , soweit er brauchbar sei , und daß der Erlöser in ihm erwache , sobald nur ein zweites Herz hinzukomme . Meine unchristliche und ungeistliche Gesinnung war mir damals nicht klar , und ich hielt mich halb und halb selbst für unfromm und lachte dazu , indem ich dabei doch keinerlei Schuld empfand . Die Sache war aber die , daß ich schon lebhaft fühlte , daß jener angeborene und berechtigte Gehalt viel zu zarter Natur war , als daß er in eine Staatsreligion gespannt oder auch nur mit einem andern als dem schlechtweg menschlichen oder göttlichen Namen bezeichnet werden könnte . Das erste , was uns der Lehrer als christliches Erfordernis bezeichnete und worauf er eine weitläufige Wissenschaft gründete , war das Erkennen und Bekennen der Sündhaftigkeit . Diese Lehre traf auf eine verwandte Richtung in mir , welche tief in meiner Natur begründet ist , wie in derjenigen jedes ordentlichen Menschen ; sie besteht darin , daß man jeden Augenblick sich selbst klaren Wein einschenken soll , nie und in keiner Weise sich einen blauen Dunst vormachen , sondern das Unzulängliche und Fratzenhafte , das Schwache und Schlimme sich und andern offen eingestehen . Der natürliche Mensch betrachtet sich selbst als einen Teil vom Ganzen und darum ebenso unbefangen wie dieses oder einen andern Teil desselben ; daher darf er sich ebenso wichtig und erbaulich vorkommen wie alles andere , sich selbst unbedenklich hervorkehren , wenn er nur zu gleicher Zeit jedes kranke Pünktchen an sich selbst ebenso genau sieht und ins Licht setzt . Ferner muß man die besonderen Umstände seiner Fehler oder Vergehen in Betracht ziehen und die jedesmalige Verantwortlichkeit feststellen , welche immer eine andere ist ; denn das gleiche Vergehen kann bei dem einen Menschen fast unbedeutend sein , während es für den andern eine Sünde ist ; ja für ein und denselben Menschen ist es zu der einen Stunde unverzeihlicher und schwerer als zu der anderen Stunde . Das richtige und augenblickliche Erkennen ist nicht eine weitläufige und schwerfällige Kunst oder Übung , sondern eine ganz leichte , flüssige und schmiegsame , weil jeder alsbald recht wohl weiß , wo ihn der Schuh drückt . Das eine Mal besteht unser Vergehen nur darin , daß wir nicht auf der Hut waren und in der selbstbeherrschenden Haltung , welche wir uns nach dem Grade unserer Einsicht , Fähigkeit und Erfahrung zu eigen gemacht und welche bei jedem wieder einen andern Maßstab verlangt , nachgelassen haben , ohne dessen innezuwerden ; das andere Mal besteht aber das Vergehen so recht in und durch sich selbst , indem wir es uns in der vollen Gegenwart unserer Einsicht und Erfahrung zuschulden kommen lassen . Alsdann geht die Sünde sozusagen mit der Erkenntnis und Reue zusammen , und es gibt allerdings eine Hälfte Menschen , welche ihr Leben hindurch an der einen Hand die Sünde , an der anderen Hand die Reue gleichzeitig fahren , ohne sich je zu ändern ; aber ebenso gewiß gibt es eine Hälfte , welche im Verhältnis zu ihrer Erfahrung und Verantwortlichkeit in einem gewissen Grade von Schuldlosigkeit lebt , und jeder einzelne , wenn er sich recht besinnen will , kennt gewiß einzelne , bei welchen diese Schuldlosigkeit zu völliger Reinheit wird . Möge nun dieses auch eine bloße Folge von zusammengetroffenen glücklichen Umständen sein , so daß solche Erscheinungen zum Beispiel durch ein passives Fernsein vom Bösen von jeher schuldlos blieben warum denn nicht ebenso gern an eine Unschuld des Glückes , ja der Geburt glauben als an eine Schuld des Mißgeschickes , der Vorherbestimmung ? Solchen Glücklichen , welche , ohne zu wissen warum und wie , gerecht und rein sind , die Phantasie verderben und verunreinigen mit dem Gedanken angeborener ekler Sündlichkeit , ist im höchsten Grade unnütz und abgeschmackt , und wenn man nicht zu ihnen gehört , für sich