obgleich es mir nie so wohl geworden ist , so zu leben ; aber die langen Jahre des Duldens , des Zornes , des Kummers haben mein Herz verhärtet und mit Bitterkeit erfüllt ; es wird mir deßhalb nicht so leicht , wie Du glaubst , zu den Empfindungen der Jugend zurückzukehren , die Du die besseren nennst . Hätte ich früher nur einen einzigen Menschen angetroffen , der mir großmüthige Liebe bewiesen hätte , so würde ich den Glauben an die Menschen nicht verloren haben . Sein Auge traf , indem er dieß sagte , den kummervollen , von Thränen umschleierten Blick der Gattin ; er bot ihr die Hand und sagte nicht ohne Rührung : Dich habe ich freilich getroffen , Du gute , treue Seele ; ein Befehl bestimmte Dich , Dein Geschick mit dem meinen zu verknüpfen , und dennoch ist Deine Liebe und Treue in unwandelbarer Sanftmuth mein eigen geblieben auf dem langen , dornenvollen Wege des Lebens , den wir mit einander wandeln mußten ; aber Deine Liebe konnte nicht mein Schicksal bezwingen , Du konntest mir keine Hülfe bieten . Die Bewegung des Gemüths und das viele Sprechen erregte den gefährlichen Husten des Kranken , so daß der Arzt herbeieilte und , nachdem der Anfall vorüber war , das häufige Sprechen untersagte und vor allen Dingen Ruhe des Gemüths empfahl . Als die Familie wieder allein war , sagte der Kranke spöttisch : Die Ruhe des Gemüths hat er mir immer ganz besonders empfohlen , und jetzt wird es mir auch möglich , dieß Recept zu benutzen . Aber wenn die täglichen Sorgen des Lebens mich niederbeugten , und ich den Meinigen weder Nahrung noch Kleider , so wie sie es bedurften , verschaffen konnte , wenn an jedem Posttage zwanzig Mahnbriefe und gerichtliche Verfolgungen mich ängstigten , wenn ich mich meiner Dürftigkeit wegen überall verachtet und selbst von den Bedienten vernachläßigt sah , wenn ich in unserer drückenden Noth immer neue Verluste entstehen sah , weil ich sie auch nicht durch die kleinste Auslage abwenden konnte : wie sollte ich es denn da möglich machen , die Gemüthsruhe mir anzueignen , die der gute Arzt so nothwendig findet ? Der Sohn bat den Vater , sich jetzt aller Sorgen zu entschlagen und , da nun hoffentlich Alles besser gehen würde , der Vorschrift des Arztes zu folgen und auch das Sprechen zu vermeiden , um nicht den Husten zu reizen . Der Kranke fügte sich willig dieser Bitte , und der Sohn verließ das Krankenzimmer nicht ungern , weil die Denkungsart seines Vaters ihn im innersten Herzen verwundete . Er hielt es jetzt für seine Pflicht , das angefangene Werk zu vollenden und nach der Anleitung seines Oheims Ordnung in alle Zweige der Wirthschaft zu bringen ; er ließ also den Verwalter rufen , der willig mit ihm in alle Zweige der Verwaltung einging und ihm mit herzlichem Bedauern alle Nachtheile zeigte , die im Laufe des Jahres durch den Mangel aller Vorräthe und durch die Unmöglichkeit , Auslagen zu machen , hatten entstehen müssen , und der junge Graf konnte leicht berechnen , daß die Familie seines Vaters allein von dem , was auf diese Weise verloren worden war , anständig hätte leben können . Der Verwalter stimmte seiner Ansicht mit vollkommener Ueberzeugung bei und machte ihn noch auf die Nachtheile aufmerksam , die dadurch hatten entstehen müssen , daß keiner von den Beamten hatte bezahlt werden können . Der junge Graf nahm hiebei Gelegenheit zu fragen , wie viel er selbst zu fordern habe . Es ergab sich , daß er seit vier Jahren keinen Gehalt bekommen hatte , und er versicherte , er würde dem gnädigen Herrn gewiß nicht beschwerlich gefallen sein , wenn die Noth ihn nicht dazu gezwungen , und da man gehört habe , daß die Güter verpachtet werden sollten , so habe er als Vater von acht Kindern die Pflicht gehabt , für diese zu sorgen . Der junge Graf verstand ihn nicht und fragte ihn , ob er etwas von seinem Vater erhalten habe . Mein gnädiger Herr Graf , erwiederte der alte Mann , seit vier Jahren nicht einen Heller , deßhalb zwang mich die Noth und Sorge für acht unerzogene Kinder , unbescheiden zu sein . Es fiel dem jungen Manne wohl auf , ihn trotz der so oft erwähnten Noth so überaus gut gekleidet zu sehen , indeß da er in allen Verhältnissen so wohl unterrichtet schien und so guten Willen zeigte , so entließ er ihn mit der Versicherung , er würde ihn bald in seiner Wohnung aufsuchen , um das Nähere mit ihm zu verabreden . Er schickte ihn hinweg , um ihm nicht seinen Geldvorrath sehen zu lassen , weil er für ' s Erste nur die Hälfte seiner Forderung zu befriedigen gedachte , denn die Berichtigung der ganzen Rechnung würde eine zu empfindliche Lücke in seinen kleinen Schatz gemacht haben . Er folgte also dem Verwalter nach einer Viertelstunde und suchte ihn in seiner Wohnung auf , um die Noth des guten Alten , von der er ihm so viel vorgesprochen , sogleich zu mildern . Er traf ihn mit acht sehr wohlgekleideten Kindern , die ein Privatlehrer eben in verschiedenen Wissenschaften unterrichtete , und es drängte sich dem verwunderten jungen Grafen die Bemerkung auf , daß der gute , rechtliche Verwalter , wie er sich selbst nannte , andere Mittel haben müsse , den Aufwand seiner Haushaltung zu bestreiten , als seinen rückständigen Gehalt . Er konnte die große Verlegenheit des Alten nicht begreifen , mit der er seinen zweijährigen Gehalt als die Hälfte seiner Forderungen empfing , so wenig als die wiederholten Versicherungen , daß er den gnädigen Herrn Grafen nicht gedrängt haben würde , wenn die Güter nicht hätten verpachtet werden sollen . Wenige Stunden darauf löste sich aber dieses Räthsel . Es traf nämlich eine gerichtliche Zuschrift an den alten Grafen ein , die Mutter und Sohn zu lesen beschlossen , ohne sie