um seinen Sohn die Unbekanntschaft mit ihr zu ersparen , die der einzige Grund seines verfehlten Daseyns und aller seiner frühern Leiden gewesen war . Beschluß des oben abgebrochenen Briefes von Albert an seinen Bruder Bernhard . In dieser großen lebensreichen Handelsstadt , in welcher ich nun schon seit zwölf Jahren einheimisch bin , denke ich auch den Rest meiner Tage vollends abzuspinnen , so lange es Gott gefällt . Wenn aber nun wirklich meine letzte Thräne geweint , mein letzter Seufzer verhallt ist , und ich vom Fiebertraum des Lebens nun endlich unter dem Rasenhügel ausruhe , den ich unfern meiner bescheidenen Wohnung im duftigen Schatten einer uralten Linde mir längst zum letzten Asyl erwählt habe , dann , mein Bruder , mein hochgeliebter Bernhard , dann wird ein Dir unbekannter Jüngling vor Dich hintreten und Du wirst wähnen , Dich selbst durch ein Wunder wieder in neu erblühter Jugend zu sehen . Nimm ihn in Deine Arme , an Dein Herz , denn dieser Jüngling ist mein Sohn , ist Dein Neffe Bernhard Raimund von Leuen . Vergönnt es die ewige Weisheit , welche das unsichtbare Reich dort drüben , wie hier unten das sichtbare allmächtig beherrscht , so umschwebt in jener heiligen Stunde mein entfesselter Geist Euch , theure Beide ! und Du fühlst das Wehen seiner , unbegreifliche aber gewisse Seligkeit verkündenden Nähe . Von jenem Augenblicke an lege ich die Bestimmung des künftigen Geschicks meines Raimunds in Deine Hände , des einzigen Wesens , das mein sonst so freudenarmes Daseyn durch einen Hoffnungsstrahl zu erheitern vermochte . Raimund entwickelt schon jetzt mit jedem Tage die treffendste Aehnlichkeit mit Dir , mein Bernhard , und täuscht mich nicht die Liebe des Vaters zum Sohne , die so oft und gern unsern Blick verblendet , so ist es nicht nur die edle schöne Gestalt , die er von Dir ererbte , sondern es glüht auch ein unsterblicher Funken Deines Geistes in seinem Innern und in seiner Brust schlägt ein Herz , dem Deinen gleich . Liebe mich in ihm , wie ich Dich in ihm immer geliebt habe . Ach sein Anblick allein erleichterte mir den herben Schmerz unserer hoffnungslosen Trennung , und wenn er sprach , drang mir in seiner Stimme der milde tröstende Ton der Deinen tief ins Herz , der Stimme , die nie , nie wieder hören zu dürfen mein trauriges Loos auf Erden ist . Mein Sohn bringt das elfenbeinerne Kästchen Dir wieder zurück , das Du von Maltha aus an mich sandtest . In den nur Dir und mir bekannten geheimen Fächern desselben lege ich diese letzten Bekenntnisse eines schon längst der Welt Abgestorbenen nieder , nebst allem was einst dazu dienen kann , meinem Sohne das Anrecht an den alten edlen Namen zu erhalten , den seine Geburt ihm verlieh . Er selbst kennt sich bis jetzt nur als Raimund Holm , und Dir mein Bruder bleibt es überlassen zu entscheiden : ob er jemals erfahren soll , welch einem ehrwürdigen Stamme er entsprossen ist , oder ob er noch ferner nur auf sich selbst zurückgewiesen , als der Sohn eines unbekannten dunkeln Bürgers , für den er sich hält , die Bahn verfolgen soll , für die ich ihn erzogen habe . Auch auf ihr kann er einst als ein geachtetes , nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft sich Ehre , Ansehn und alles , was man im gewöhnlichen Leben Glück nennt , erwerben ; es wird ihm dieses sogar leichter gelingen können , als es dem nicht reichen , jüngsten Sohne eines alten adlichen Hauses gelingen könnte . Noch ein Bekenntniß bin ich Dir schuldig und warum sollte ich länger anstehen , es Dir freimüthig abzulegen ? Ich habe meinen Sohn im Glauben der Kirche erzogen , die seines Vaters Hause jetzt am nächsten steht . Raimund ist Protestant , ich selbst bin es in meinem Herzen schon seit ich die Universität verließ , obgleich ich nie öffentlich zu jener Kirche überging . In meinem jetzigen Wohnorte konnte kein äußeres Bedingniß zu einem solchen Schritte mich zwingen , gegen den ich immer eine Abneigung fühlte , und warum sollte der Mensch das Heiligste was er hat , seinen Glauben , ohne Noth und ohne Beruf den Augen der Welt darlegen wollen ? Dich aber , mein Bruder ! und Deinen milden vorurtheilsfreien Sinn kenne ich zu gut , um zu fürchten daß Du mir zürnen könntest , weil ich hier von der Bahn unsrer Väter und auch von der Deinen abgewichen bin . Du traust mir gewiß zu , daß nur wahre innere Ueberzeugung mich bestimmen konnte , und Du wirst auch meinen Raimund nicht weniger lieben , weil sein Vater bei dessen Erziehung dieser Ueberzeugung gefolgt ist . Ob Du aber aus Familienrücksichten es nun nicht gerathner finden wirst , Raimund , den ersten Protestanten in unserem Hause , in der Dunkelheit seines bürgerlichen Namens verharren zu lassen , darüber vermag ich , aus Unbekanntschaft mit den Gründen , die dabei vorwalten könnten , nicht zu entscheiden . Du wirst wie immer das Beste zu wählen wissen und ich überlasse Dich hierin mit der vollkommensten Ruhe Deiner freien Wahl , denn ich weiß , daß Raimunds wahres Glück nicht von der Veränderung seines Namens abhängig ist . Nur Deiner Liebe bedarf er , wenn er nun ohne mich allein in der Welt steht , nur diese entziehe ihm nicht , und möge er immer , wenn Du es so willst , dem süßen Wahn überlassen bleiben , daß er sie nur Deinem Herzen verdanke und nie erfahren , daß in diesem auch die Stimme , des Bluts für ihn spreche . Indessen könnten aber doch einst Zustände eintreten , die Dich bestimmten Raimund als den , der er seiner Geburt nach ist , in der Welt auftreten zu lassen . Ist dieses jemals der Fall , so beschwöre ich Dich , mein Bruder , bei allem was Dir heilig ist , bei Deiner künftigen Ruhe , bei Deiner