je länger ich in der Welt lebe , je mehr sehe ich die Rechtmäßigkeit und Klugheit ihres Verfahrens ein . Krieg gegen Krieg , List gegen List , Kälte gegen Kälte ! Wer am längsten aushält , ist der Glücklichere , und dann auch in seinen und der Welt Augen der Bessere , der Verständigere . Ist nicht in der ganzen Natur das Recht des Stärkern gültig ? So denn auch in der gesitteten Welt , nur mit dem Unterschied , daß hier Verstand und Geschicklichkeit statt der körperlichen Kraft eintritt . Hier ist der Klügere der Stärkere . So laß uns denn klug seyn , und nichts als klug , so lange das Flämmchen des Lebens brennt . Dann faßt uns die Urne , und wir sind Staub , wir mögen für uns allein gesorgt , oder uns um Anderer willen hingeopfert haben . Als ich dich verließ , als ich mit frohem Muthe das Schiff bestieg - o warum hat kein Gott mir damals mein Geschick verkündet , kein unglückliches Wahrzeichen mich zurückgehalten an dem vaterländischen Ufer ! Zu welchen Erfahrungen bin ich nach Bythinien gekommen ? Die ich liebe , muß ich entbehren und verlieren , die ich hasse , verfolgen mich , die ich vergessen möchte , ruft mir das Schicksal mit immer neuer Lebhaftigkeit zurück . Agathokles ist verheirathet , und lebt in Synthium . O wie viele Erinnerungen drängen sich in das einige Wort ! Um seines Vaters Einwilligung zu seiner Heirath zu erhalten , hat er seinem Erbtheil entsagt . Du weißt , ich bin nicht habsüchtig , aber es ist keine Kleinigkeit , wenn man im Ueberfluß erzogen worden ist , alle die tausend Bequemlichkeiten und Genüsse zu entbehren , die der Reichthum sichtbar und unsichtbar um seine Günstlinge verbreitet . Sein Vater hat dies Opfer nicht um ihn verdient , schon darum nicht , weil er diese Forderung machen konnte : dennoch bringt es Agathokles . Ich konnte seinen Schritt nicht billigen , als ich es hörte , aber ich mußte ihn achten . Noch war die Bewegung , die jene Nachricht in meinem Innern erregt hat , nicht ganz gestillt , als neue Kränkungen und neue Erinnerungen mir sein Bild in einem noch glänzendern , noch gefährlichern Lichte vor die Seele riefen . Ich bin ihm sehr verpflichtet geworden , und daß diese Schuld , die ich einst so gern übernommen haben würde , mich nun drückt , kannst du wohl denken . Der verächtliche Marcius Alpinus , von dem ich nun bestimmt weiß , daß er in Nicäa niedrige Absichten auf Theophanien gehabt hat , hat vermuthlich berechnet , daß es nicht so übel wäre , den Proconsul Lucius Piso zum Schwiegervater zu haben , und ist seit jenem unseligen Abend , wo er mich auf dem Wege nach Nikomedien fand , mein erklärter Verehrer und Freier . Er peinigte mich mit seiner Zudringlichkeit , er wandte sich an meinen Vater , an den Bruder , an einige Freunde , ich wurde von allen Seiten mit thörichten Erzählungen von seiner Leidenschaft , von den Qualen , die er um meinetwillen , und durch meine Härte leide , geplagt . Als mir diese Art von Peinigung zu viel wurde - o ich war in dieser Zeit so wenig gestimmt , mit Anderer Bosheit oder Thorheit Geduld zu haben ! - erklärte ich ihm ein Mal geradezu , daß ich nun und nimmer die Seinige werden könnte . Ich war im Anfange ganz artig , aber der niedrige Mensch glaubte in dieser Schonung eine geheime Neigung , oder Furcht zu sehen - die Götter mögen wissen , was - genug , er wurde zudringlich , ungestüm ; er trotzte auf Rechte , er wollte Ansprüche geltend machen . Da übermannte mich der Unwille , und ich zeigte ihm meine ganze tiefe Abneigung und Verachtung . Glaubst du , daß der Bösewicht dadurch beleidigt oder entrüstet worden wäre ? Nicht im Geringsten ! Lächelnd , mit einer Miene , die mein ganzes Wesen empörte , neigte er sich , und sagte : » Die schöne Calpurnia kleidet auch der Zorn , aber ich bitte sie nicht zu vergessen , daß diejenige , die in Männerkleidern einem grausamen Geliebten nachläuft , kein Recht hat , in diesem Tone mit einem Manne zu sprechen , der ehrliche Absichten auf sie hat . Bisher habe ich aus Schonung geschwiegen , aber die Geschichte dieser Verkleidung ist zu lustig , um sie der schönen Welt in Nikomedien länger zu entziehen . « Er neigte sich und ging . Mich hatte Schaam , Zorn , und Erstaunen stumm gemacht . Erst als er entfernt war , vermochte ich den ganzen Umfang seiner Bosheit , und meine Gefahr einzusehen . Ich war außer mir . Ich wagte nicht mit meinem Vater zu sprechen , ich zitterte vor seiner gerechten Ahndung , und fürchtete zugleich , daß vielleicht irgend eine gewaltsame Maaßregel , die ihn die Sorge für die Ehre seiner Tochter ergreifen machen würde , das Uebel ärger machen könnte . Am Abend des folgenden Tages kam Quintus mit glühendem Gesicht und funkensprühenden Augen zu mir . Der Bösewicht Marcius hatte seine Drohung bereits ausgeführt , und in einer lustigen Gesellschaft seiner Zechbrüder meine Geschichte , meinen und Agathokles Namen preisgegeben . Einer von den Gästen hatte es unter dem Scheine des Zweifels , und als ein unglaubliches Mährchen meinem Bruder erzählt . Ich brachte die Nacht in einem qualvollen Zustande zu , nicht besser war der folgende Tag . Ich zitterte , so oft Jemand eintrat , so oft man meinem Vater einen Besuch meldete , daß jetzt wieder die unselige Geschichte erwähnt werden würde . Plötzlich am dritten Tage war Marcius aus Nikomedien verschwunden , doch nicht ohne vorher seine vorige Erzählung als einen Scherz , dessen Veranlassung eigentlich eine tolle Wette unter ihm und einem seiner Freunde gewesen wäre , ernstlich und feierlich widerrufen zu haben . So war das Gewitter diesmal vorübergegangen , und