aus mir werden kann , denn ich bin ernsthaft und unbefangen . Was man erkennen kann , erwäge ich und gebe ich mir mit Sorgfalt und Verstand , und alles , was über den Menschen schwimmt , wie die Luft über der Pflanze , giebt mir das Leben : ich bin fromm und andächtig , es zu empfangen , denn fromm ist der , der das Schöne und Reine mit Liebe sucht und emsig betet , wenn er vor der Natur und schönen Werken steht , und andächtig ist der , welcher über seinem Denken nicht ein trennendes Ende fühlt , sondern einen leisen Übergang in die unendliche Liebe . Die Andacht ist ein gelinder Rausch , der unsre geschlossene Gestalt von allen Seiten eröffnet , und uns unsere Verwandtschaft zeigt mit vielem , das wir nie sahen , noch wußten . So sind die halben Töne in der Musik , und die milden Farben des Übergangs in der Malerei , und die Wellenlinie in der Gestalt fromme Züge , denn alle sie stehen an der göttlichen Pforte des Überganges . - So auch ist mein ganzes Herz ein frommes Herz , denn ich stehe zwischen meinem Leben und Wallpurgis Tod - o ! lasse mich diesem Herzen ruhig folgen . Ich fühle auch schon , wie ich mich ins Leben zurückwende , und bald ganz froh sein werde . Sicher hat dir die Gräfin schon geschrieben , wie mein Mut wohl oft zum Mutwillen wächst - daß ich durch den Tod eines lieben Mädchens so geworden bin , ist nicht wunderbar , denn durch ihn habe ich erfahren , was ich erdulden muß - ich bin in meiner Jugend schon mit meinem Tode verbunden , und stiftete Freundschaft und Vertraulichkeit mit ihm , damit er einstens wie mein Spielgeselle zu mir komme , wenn er kömmt . Lasse mich bei der Gräfin ; die arme Frau hat niemand auf der Welt , und sie liebt mich . Es ist vor einigen Tagen ein italiänischer Lautenist hierhergekommen , und hat vor der Gräfin gespielt . Sie wünschte , daß ich es lerne , und der Mann bleibt nun einige Wochen hier , mir Unterricht zu geben . Die Gräfin hat mir eine schöne Laute dazu geschenkt , und ich werde dir einmal viel Freude damit machen . Ich lese der Gräfin viel aus dem Shakespeare vor , und finde es sehr nützlich , denn es härtet mich gegen meine Empfindlichkeit ab . - Ich fürchte mich ordentlich vor seinen Personen , und vor denen immer am meisten , die ich besonders liebe . Wenn ich abends allein im Garten gehe , gehe ich oft schnell oder langsam , und möchte beides zugleich , denn irgend ein Wesen aus diesen Gedichten geht mir entgegen , und verfolgt mich . In vielen einzelnen finde ich mich wieder , und erkenne eine ganze Welt in ihnen . Könnte ich das nur zusammenstellen und richtig aussprechen , so würden Begriffe und Erfahrungen draus werden . Nun aber bleibt es immer Empfindung , denn die ganze Natur um mich her wirkt eben so auf mich , und noch stärker , jede ihrer Erscheinungen strömt mit diesen Empfindungen zusammen , und dadurch scheinen sie mir so drückend werden zu können . Jede Beleuchtung des Himmels und jede berührendere Zusammenstellung von Landschaft erhält für mich ein phantastischeres Leben , indem sie sich mit diesen Männern und Frauen Shakespeares verwebt , und nicht mehr allein wie ein hingebotener Genuß daliegt , sondern in eine Art von Handlung , von dramatischem Leben tritt . Sogar meine Empfindungen selbst bestehen so , ja selbst in diesem Briefe sind Anklänge dieser Hinneigung zu einem bloßen allgemeinen Verkehr mit allem , was lebt , und einer völligen Unfähigkeit , mich bestimmt zu einem einzelnen Wesen zu wenden . Lieber Vater , ich hoffte nicht , daß es dich schmerzen wird , dies so aufrichtig von mir zu hören , denn es ist mir sehr wohl , indem ich es schreibe , auch will ich nur immer an dich schreiben , du kannst dann Marien vorlesen , was dir gut dünkt , daß sie es wisse . Lebe herzlich wohl . Annonciata Obschon für Wellner viel Unverständliches und Fantastisches in diesem Briefe war , so rührte ihn doch das Vertrauen Annonciatens , und er entschloß sich , sie noch bei der Gräfin zu lassen . Der Italiäner war weggereist , ohne Abschied zu nehmen , das verdroß Wellnern , und es tat ihm nun doppelt wohl , keiner Verbindungen mehr zu bedürfen , da er mit Mariens Glück auf dem Reinen war , und auch Annonciata glücklich und zufrieden schien . Sein Leben mit Marien währte so einige Monate fort , in einer einsamen Stille . Dann und wann unterbrachen es die Briefe Josephs , die der Vater mit Marien freundlich teilte . Annonciatens Briefe wurden seltener , kürzer , und hatten weniger Verhältnis zueinander , in einigen war sie helle Glut , in andern schien sie zu verlöschen , und dann schrieb sie wieder ruhig und getröstet . Von Joseph erhielt Marie den letzten Brief aus England , in dem er seine Überfahrt nach Amerika meldete . Dieser Brief war sehr rührend , und Marie war lange nicht zu trösten . Sie beschäftigte sich nachher meistens mit Bildern aus diesem Weltteil , sie las ihrem Vater nichts als Reisebeschreibungen durch Amerika vor . Ihren Geliebten suchte sie unter jeden Umständen dieses Landes auf , und lebte in der Neuen Welt . Dies gab ihrer Phantasie ein bestimmtes Übergewicht über ihre Ruhe , und neigte sie zu einem anderen sehnsüchtigen Dasein hin . Wellner bemerkte mit Verdruß diese Veränderung , die doch bloß eine höhere Entfaltung war , denn sie ward so mannichfacher , und machte auf ihrer Gedankenreise viele merkwürdige Entdeckungen für ihre Liebe . Sie lernte nun erst wissen , daß sie liebe , berechtigte sich dazu , und beschützte sich dies Recht . Da ihre Einsamkeit aber immer tiefer ward