die durchaus wissen wollte , was ihren » Liebling « so sehr erschreckt habe , setzte Gisela sich wieder auf die Bank . ... Nein , sie ging nicht ! ... Soviel hatte sie aus seinen dunkeln Reden verstanden , er wollte hier einen überlegenen Feind angreifen ... Was er auch vorhatte , wer auch der Feind sein mochte , sie ließ den geliebten Mann nicht allein in einem Augenblicke , wo vielleicht alle diese Menschen dort drohend und feindselig ihm gegenüberstanden ... Sie war ja nun auf den niederfahrenden Blitzstrahl vorbereitet , sie wollte ihn hinnehmen , ohne mit den Wimpern zu zucken ; welche Schrecknisse er ihr auch zeigen mochte , nach den folternden Schmerzen , die sie jetzt erduldete , konnte nichts Schlimmeres kommen ... Er wußte jetzt , wie er geliebt wurde , er hatte ihr ein Bekenntnis zugeflüstert , das ihr einen ganzen Himmel voll Glückseligkeit erschloß ; und dennoch hatte er sich von ihr losgerissen um einer dunklen Macht willen , die ihre ewige Trennung heischte ... Sie wollte dieser Macht ins Auge sehen ; sie wollte wissen , ob es wirklich eine Gewalt auf Erden gebe , die zwei in innigster Liebe verbundene Herzen auseinanderreißen durfte . Das lange , rauschende , endlos scheinende Musikstück schloß mit einigen schmetternden Akkorden . Man verließ die geplünderten Büfette ; auch der Fürst erhob sich und schritt in Begleitung des Ministers über die Wiese . » Mein Herr von Oliveira , « sagte er sehr heiter zu dem Portugiesen , der plötzlich in seiner Nähe zwischen zwei Eichen hervortrat , » Sie erscheinen sehr pünktlich ; aber schelten muß ich Sie doch , daß Sie meinen vortrefflichen Champagner nicht besser zu würdigen wissen – ich habe Sie nicht unter meinen Gästen gesehen ... Ist Ihnen übel ? ... Sie sehen bleich , fast möchte ich sagen erregt aus , wenn es nicht widersinnig wäre , sich einen Herkules , wie Sie , nervenerschüttert zu denken . « Ein Windstoß fuhr in diesem Augenblick rauschend durch die Eichenblätter und bog die Flammen der Fackeln tief seitwärts . » Ach , es scheint wahrhaftig Ernst zu werden ! « rief der Fürst verdrießlich . » Ich werde Sie wohl bitten müssen , lieber Baron , mir für den Rest des Festes Ihren Saal einzuräumen ; die jungen Leute dürfen doch nicht um ihren › Tanz ‹ kommen ! « Der Minister berief sofort einen Lakaien zu sich und schickte ihn mit den nötigen Befehlen nach dem weißen Schlosse . » Ein halbes Stündchen Zeit wird uns ja wohl der Isegrim in den Lüften noch lassen « , meinte der Fürst lächelnd zu den Damen , die sich um ihn scharten . » Ich bin der Ansicht , daß die Erzählung des Herrn von Oliveira inmitten der Waldbäume und unter drohenden Wetterwolken weit mehr pikanten Reiz erhalten wird , als im wohlgeschützten Ballsaale – Sie haben das Wort , Herr von Oliveira ! « Der Fürst ließ sich unweit der Büste des Prinzen Heinrich nieder . Mit vielem Geräusch und abermals laut aufbrausender Fröhlichkeit wurden Stühle und Bänke herbeigetragen ; ein weiter Kreis bildete sich um den Fürsten – noch einige Minuten schwirrten die Stimmen durcheinander , rauschten die Seidenroben und klapperten die zusammenrückenden Stühle – dann wurde es plötzlich so erwartungsvoll still , daß man das Knistern der Fackel hören konnte . Der Portugiese hatte sich mit verschränkten Armen an die Rotbuche gelehnt , welche die Büste des Prinzen Heinrich beschattete . Die unruhigen Lichter spielten über sein Gesicht hin – es schien vollkommen unbewegt , wenn auch noch eine tiefe Blässe auf seinen braunen Wangen lag . In diesem Moment erhob sich auch Gisela ; sie schritt unbemerkt am Saum des Waldes hin und blieb neben einem mit Geschirr beladenen Tisch stehen , auf dem noch der Kasten mit Oliveiras Juwelen stand ... Obgleich sie lautlos unter den einen tiefen Schatten werfenden Ästen hingeglitten war – der Portugiese hatte sie doch gesehen . Er konnte eine tiefe Bewegung in seinen Zügen nicht ganz verbergen ; ein heißer , angstvoll bittender Blick flog zu ihr hinüber . Sie lächelte ihm zu und stützte die Hand fest auf den Tisch – das süße Lächeln , die ganze Gestalt mit dem hochgetragenen Haupt waren beseelt von dem Gedanken : » Mag kommen , was da will ! Ich bin stark und mutig und halte unerschütterlich zu dir , den ich liebe ! « Oliveira wandte sein Gesicht von ihr weg ; dann hob er mit lauter , fester Stimme an . » Der vorige Besitzer des Papageien war ein Deutscher . Er hat mir die seltsame Geschichte mitgeteilt , und ihn will ich selbst reden lassen : › Ich war Arzt bei Dom Enriquez , einem Mann von wunderlichem Charakter , der sich auf ein einsames Schloß zurückgezogen hatte und in glühendem Haß gegen seine Anverwandten schwelgte , weil sie ihn , wie er meinte , nicht verstanden ... Nicht weit von diesem Schlosse lebte die Frau Marquise , ein Wunder von Schönheit , eine Aspasia an Geist und Anmut . Sie verstand die Wunderlichkeiten des Dom Enriquez vortrefflich und gab ihnen öffentlich und wiederholt die Bezeichnung , mit denen er sie insgeheim in den tiefsten Tiefen seiner Seele selbst belegte : die Originalität und die Genialität ... Sie hatte wundervolles , bernsteingelbes Haar . Lächelnd und unvermerkt knüpfte sie die goldenen Fäden aneinander , und aus den millionenfachen wunderfeinen Fädchen und Knötchen wurde ein Netz , das Dom Enriquez weit strenger von der Welt schied , als die dicken Mauern seines einsamen Schlosses . Er konnte nicht mehr leben ohne die funkelnden , schwarzen Augen der schönen Freundin ; und dafür , daß sie ihn so vortrefflich verstand , wußte er keine andere Belohnung , als daß er ihr all sein Hab und Gut zu Füßen legte – er verstieß testamentarisch seine ihn nicht verstehende Familie und machte das Wunder von Schönheit , die geistvolle Aspasia , zu seiner