Valmaseda . « – Ein richtiger Instinkt hielt sie ab , dieser geschiedenen Frau jetzt schon , in einem Augenblick der Aufregung , zu sagen , daß sie Felix Lucians Stiefschwester sei . Eine derartige Annahme schien aber auch der Majorin vollkommen fern zu liegen . Sie forschte nicht weiter , weil sie offenbar mit brennender Ungeduld eine andere Frage zu lösen wünschte . Man sah , sie rang nach einem möglichst unverfänglichen Ausdruck , und plötzlich sagte sie : » Die Person , die da eben fortgefahren ist – « » Sie meinen Lucile Lucian , geborene Fournier ? « Die Augen der Majorin glühten erbittert auf – für ihr Ohr war diese Namenverbindung jedenfalls noch genau so verhaßt , wie an jenem Abend , da sie den einzigen Sohn um seiner Wahl willen verstoßen hatte . Aber sie bezwang sich . » Ich wollte fragen , ob sie getrennt lebt von – von ihrem Mann ? « Donna Mercedes fühlte , wie ihr vor Erschütterung alles Blut zum Kerzen zurücktrat – sie schauderte . Diese Mutter da , in der sich Liebe und Reue aufbäumten und sie unwiderstehlich auf den Weg der Umkehr drängten , sie war völlig ahnungslos , daß es zur Buße zu spät sei , daß sie keinen Sohn mehr habe , zu dem sie in beglückender Verzeihung sagen konnte : » Komm an das Mutterherz zurück ! « – Mit weggewendetem Blick , barsch und rauh , hatte sie die Frage hingeworfen – noch wogte ein starker Rest von Trotz und Unbeugsamkeit in dem Gefühlssturm mit – aber ein kaum zu unterdrückendes Frohlocken sprach aus ihren Zügen , lag in der atemlosen Spannung , mit der sie auf die bejahende Antwort horchte . Sie glaubte das unwürdige Band gelöst , sie hoffte auf eine doppelt frohe Wiedervereinigung mit dem Sohn , nachdem das verhaßte störende Element ausgestoßen war ... Da hob sie betroffen die Lider , weil keine Antwort erfolgte , und sah die plötzliche Veränderung in den Zügen der jungen Dame . » Nun , warum sprechen Sie nicht ? « fragte sie heftig und trat so dicht an Donna Mercedes heran , daß diese meinte , sie höre das starke , stürmisch bewegte Herz der Frau klopfen . » Hörten Sie denn nicht , was ich fragte ? – Ich will wissen , ob er sich von jenem unseligen Geschöpf getrennt hat – « » Ja – aber in anderer Weise als Sie denken , « versetzte Donna Mercedes stockend – ein unsägliches Mitleiden , ein inniges Erbarmen umflorte diese schwachen Töne . Das Gesicht der Majorin wurde plötzlich fahlweiß bis in die Lippen , und die hochgehobenen Brauen falteten sich wie in wildem Entsetzen über den weit aufgerissenen Augen ... Donna Mercedes ergriff ihre Hände und zog sie mit einem tränenfeuchten Aufblick an sich . » Glauben Sie , Felix würde seine Kinder allein hierhergeschickt haben ? – Er würde , nachdem sein Knabe das Zeichen Ihrer Verzeihung heimgebracht , nicht sofort hinübergestürzt sein – « » Tot ! « stöhnte die Majorin auf . Sie riß sich los , fuhr mit beiden Händen nach dem Kopfe und schlug plötzlich auf den Boden hin , wie ein Baum niederschmettert , den die Säge an der Wurzel durchschnitten hat . Die zusammengelaufenen Leute des Hauses hatten sich inzwischen entfernt , nur Deborah war dageblieben . Sie kam erschrocken herbei und half ihrer Herrin , die Gestürzte aufzurichten . Sie war nicht bewußtlos – es war die grauenvolle Wucht des unerwarteten Schlages gewesen , die ihr plötzlich alle seelische Herrschaft über den Körper geraubt hatte . Sie setzte sich empor und sah mit leeren , tränenlosen Augen stier in die Weite ... Da lag alles in Scherben , der Wolframsche Starrkopf , die wütende Eifersucht , die eingebildete , auf vertrocknete Prinzipien gestützte Unfehlbarkeit – aber auch das letzte beseligende , aus furchtbaren Seelenkämpfen wiedergeborene Hoffen ! » Ich will dich nie wieder sehen – selbst nach dem Tode nicht ! « hatte sie dem scheidenden Sohn in unerhörtem Frevel zugerufen , und nun – nun hätte sie büßend in die weite Welt hinein bis zu ihm pilgern und die Erde , die ihn deckte , mit ihren Fingernägeln aufscharren mögen , um ihn nur noch ein einziges Mal wiederzusehen , dessen herrliches Aufblühen und Emporwachsen sie einst mit strengverschwiegener Mutterlust erfüllt hatte ... Nun wollte sie den aufgespeicherten Schatz von mütterlicher Liebe und Zärtlichkeit vergeudend über den Hügel ihres Kindes ausschütten , gegen das sie zeitlebens mit Worten und Liebkosungen erbarmungslos gekargt , um des Prinzipes willen ... War sie nicht selbst schuld gewesen , daß er sein junges , enthusiastisches , zur Entbehrung grausam verurteiltes Herz schwärmerisch an das erste weich und liebend sich anschmiegende weibliche Wesen hingegeben hatte ? ... Sie erhob sich von der Erde , auf die die furchtbar züchtigende Hand der Vergeltung sie niedergestürzt hatte , und blickte um sich wie verirrt , als habe sie alle Wegzeichen verloren , als sei sie das selbst nicht mehr , die Frau , die sich da mit kraftlosen Armen an dem Fichtenstamme emporhalf – es war ihr , als könne kein Blut mehr in ihren Adern rinnen , kein Herz mehr in der Brust klopfen , denn – wozu ? Zu welchem Zweck ? Für was denn in der Welt weiter leben ? – Und hatte sie sich nicht auch den Himmel verschlossen mit ihrem Frevelwort ? Eine entsetzlichere Wandlung , als die wenigen kurzen Augenblicke an dieser Frau vollzogen hatten , ließ sich nicht denken . Majestätisch , in sicherer Würde war sie herbeigekommen , und jetzt klammerte sie sich wie hilflos an den harten Stamm , ein tiefgebeugtes , an Leib und Seele gebrochenes Weib . Donna Mercedes hob erschüttert die kleine Paula vom Boden auf . » Nimm die Großmama in deine Arme , mein Kind , « sagte sie . Die Kleine hatte vorhin beim Zusammenbrechen der großen , starten Gestalt erschrocken aufgeschrien und sich