zogen sich willig zurück . Es war ja ein gar so schöner , angenehmer Herr , der es von ihnen forderte ! Auch der Pfarrer verabschiedete sich , nur der Lehrer blieb auf einen Wink Johannes ’ . Auf der Straße gab es viel zu fragen und zu antworten : Wie es oben stünde und wie das sonst so flinke Käthchen unter den Wagen gekommen sei . Es war ein zu braves Kind , denn man hatten endlich herausgebracht , daß es schon in Sicherheit noch einmal umgekehrt war und ein kleineres Nachbarsbübchen hatte wegreißen wollen , welches allein mitten auf der Straße stehen geblieben . Der Bub kam noch glücklich vorbei , aber die arme kleine Retterin war von den Pferden niedergeworfen und so das Opfer geworden . „ ’ S ist ein Weltskind , das Käthchen , “ sagten die Männer bedauernd und die Weiber klagten : „ Wer es jetzt in seinem Bettchen gesehen habe , der könne sich nicht darüber täuschen , daß es schon halb im Himmel sei ! “ Im Himmel war es denn auch , so weit als jede reine Kindesseele es ist , denn es spannt sich ein lichter bunter Himmel so nieder auf die Erde , daß nur die Kinder unter seinem Zelte wandeln können . Wir Großen sind darüber hinausgewachsen , seine Herrlichkeiten sind uns verhüllt — er liegt unter uns wie die Wolken , wenn wir auf dem Gipfel eines hohen Berges stehen . „ Nun Käthchen , wie geht es Dir ? “ fragte Johannes zu ihm tretend . „ Danke , gut ! “ sagte Käthchen pflichtschuldigst und seiner Gewohnheit gemäß . Es lag etwas unbeschreiblich Rührendes in dieser kindlichen , halb unbewußten Selbstbeherrschung . Johannes wurden die Augen feucht . Er barg sich nieder und drückte einen Kuß auf des Kindes Lippen . „ Noch einen ! “ bat die Kleine und schlang zärtlich das unverletzte Ärmchen um den breiten Nacken des liebreichen Mannes . „ Unser Käthchen , “ sagte der Lehrer , „ ist ein beherztes Mädchen . Denken Sie , Herr Professor , sie war neulich die Einzige in der ganzen Schule , die dem Fräulein von Hartwich einen Kuß gab . “ Ein leichtes Rot ergoß sich über Johannes Gesicht bei Nennung dieses Namens . Er setzte sich auf den Rand des Bettes und blickte das Kind seelenvoll an . „ Wirklich ? Tatest Du das , Du Engel ? “ flüsterte er und drückte den schönen Mund nochmals auf die Lippen des Kindes . Er neigte das Haupt zu dem reizenden Köpfchen nieder und versank in ein süßes Nachdenken . Er sah Ernestine mit dem Kinde im Arme vor sich , dann wurde es aber allmählich ein anderes , das ihre Züge trug ! Er liebte das fremde Kind , seit er es in Beziehung zu Ernestinen gebracht — wie würde er erst das Ihre — das Seine lieben ! — Tiefe Stille herrschte in dem niederen Gemach . Die Eltern schauten schweigend auf die Gruppe . Herr Leonhardt rührte sich nicht , er allein verstand , was in Johannes vorging . Der Kleinen Brust senkte und hob sich immer ruhiger und regelmäßiger , er stützte ihr Köpfchen mit seiner weichen , warmen Hand und sie entschlummerte unter dem milden Blicke ihres Beschützers . Johannes sah nach der Uhr , die Ärzte , welche die Gräfin schicken sollte , konnten noch lange nicht hier sein . Dennoch wollte er sie erwarten . „ Mann , “ flüsterte Frau Keller dem Gatten zu . „ Mir ist so eben ein sonderbarer Gedanke gekommen . Als der Schulmeister vorhin sagte , Käthi habe die Hartwich geküßt , da ist mir ’ s erst wieder eingefallen , wie das Kind damals heimkehrte und den Vorfall erzählte und sich beklagte , die Andern hätten gespottet , es werde ihm nun sicher was zustoßen , die Hartwich werde ihm was anhexen ! — St , Sei still , daß es der Schulmeister nicht hört , — er würde böse ! Aber ich kann mir nun einmal nicht helfen — sonderbar ist ’ s doch ! “ Der Mann sah die Frau nachdenklich an und kratzte sich hinter den Ohren . Nach einer kleinen Pause murmelte er : „ Man soll auf so etwas nichts geben , aber Du hast Recht , ein eigentümliches Zusammentreffen ist ’ s. Der Kuckuck hole die Hartwich — was braucht sie unser Kind zu küssen ! Man hat bei ihr immer ein Aber . “ „ Sprich doch mit dem Pfarrer darüber , — was der wohl meint . Aber laß ja den Lehrer nichts merken . Geh , sag , Du wolltest einen Schoppen trinken . Das Kind schläft ja jetzt . “ Der Mann schlich sich , so leise er mit seinen schweren Nagelschuhen konnte , hinaus , um in diesem bedenklichen Fall den Rat des Pfarrers einzuholen . Zweites Kapitel Volkes Stimme Gottes Stimme ! ? 59 Als Keller an dem Wirtshause vorbeikam , wollte er seinen trockenen Gaumen mit einem Schlucke anfeuchten und fand den geistlichen Herrn in der Gaststube , umgeben von einem Kreis der Honoratioren des Dorfes und benachbarter Ortschaften . Auch der protestantische Pfarrer war dabei , denn eine so außerordentliche Begebenheit mußte doch gemeinschaftlich durchgesprochen werden . Der Wirt trug fleißig Schoppen und Flaschen ab und zu und lobte heimlich das geschehene Unglück , weil noch nie so viel getrunken worden war , wie gerade heute . „ Ah , da ist ja der arme Vater ! Nun , wie geht ’ s , wie steht ’ s ? “ tönte es dem Keller entgegen , als er eintrat . „ Schlimm , “ sagte er , „ das Kind wird gewiß ein Krüppel werden . “ Ein bedauerndes Gemurmel erhob sich . Keller wandte sich an den katholischen Pfarrer mit der Bitte , ihm ein Wort allein sagen zu dürfen . Dieser lieh ihm bereitwillig sein Ohr . „ Hochwürden , “