Haus und Hof zu verteidigen , wie es seit undenklichen Zeiten seines Geschlechts Recht und Aufgabe war , so werden auch wir Frauen uns wieder derjenigen zu erinnern haben , die die Natur selbst uns gestellt hat , und sie auf uns nehmen nicht wie eine Last , unter der wir uns nur widerwillig beugen , sondern wie eine heilige Verpflichtung , in der wir uns selbst erfüllen werden . Die Wunden , die ein Krieg schlägt , solch ein Krieg , wie er zwar noch verhüllt , aber doch in dem Tritt seiner eisernen gigantischen Sohlen sich schon ankündigend , hinter dem Vorhang der Weltbühne erscheint , sind nicht nur die in die Körper der Kämpfer grausam gerissenen , die unsere Hände verbinden und heilen sollen . Wo der Mann ins Feld zieht und die Seinen zurückläßt , werden Not und Armut nach unserer Fürsorge schreien ; wo die Arbeit stockt , werden wir eingreifen müssen ; ach , und wo die vielen , vielen Kinder darben , werden wir keinen Augenblick mehr Zeit haben , etwas anderes zu sein als Mütter ! « Ein Murmeln freudigen Beifalls unterbrach sie , alle Mienen belebten sich , in Augen , die verschleiert gewesen waren , kehrte ein Glanz von Hoffnung , von Mut und Glauben zurück . Sie stand da , verklärt von einer Aureole demütig-stolzer Weiblichkeit . Konrads Blick hing an ihr . Ein Gefühl von tiefer , innerer Zusammengehörigkeit übermannte ihn , das er sich nicht zu deuten wußte , da es mit Liebe , mit verlangender Mannesliebe gar nichts zu tun hatte . Im weiteren Verlauf ihrer Rede entwickelte Else jeden einzelnen ihrer Gedanken und entwarf in großen Zügen den Plan einer Organisation , die alle den Kriegsdienst der Frau in sich schließenden Tätigkeitsgebiete umfassen sollte . Immer lebhafter wurde der Ausdruck der Zustimmung von allen Seiten . Da schien sie plötzlich zu stocken . In diesem Augenblick war es Konrad , als habe ihr Auge ihn entdeckt , als erblasse ihr Antlitz wie vor einer Erscheinung , als zucke ein jähes Erschrecken durch ihren Körper . » Wir wollen fort , « flüsterte er Warburg zu ; » sie ist gewiß eine glückliche Frau . Es wäre ein Verbrechen , wenn ich sie durch meinen Anblick entsetzen wollte . « Aber schon klang ihre Stimme , nur fester und voller noch , wieder an sein Ohr , und ihre Augen waren über alle Köpfe hinweg mit einem Ausdruck des Ergriffenseins in die Ferne gerichtet . » Eine alte Geschichte , die in uns allen vergessen ruht , wie so viele Geschichten aus heiligen Büchern , für die wir keine Feierstunde mehr hatten , weiß ich noch . Als die Stunde der großen Not aufgegangen war über seinem Volke , kam Mardochai , der Prophet , zu Esther , der Königin , und forderte von ihr , daß sie um der Bedrohten willen hintrete vor den König . Sie aber zauderte . Denn mit dem Tode wurde bestraft , wer ungerufen den Stufen des Thrones sich näherte . Doch Mardochai sagte zu ihr : Vielleicht bist du um eines solchen Tages willen Königin geworden , o Esther . Da schmückte sie sich mit allen Kleinodien , salbte ihren Körper , flocht Perlen in ihr Haar , wie damals , als sie erhoben wurde , und ging ... « Und abermals suchte das Auge der Rednerin den stillen Mann in der Menge . Ganz leise , als wollte sie nur zu seinem Ohre sprechen , wiederholte sie : » Vielleicht bist du um eines solchen Tages willen Königin geworden , o Esther . « Sie traten schweigend in die Nacht hinaus , die beiden Freunde . » Die Gedanken der Fernsten klingen heut zusammen . Es ist eine große Harmonie , « sagte Konrad schließlich . Stimmengewirr , Pferdegetrappel , Rufe , Geschrei - schienen im gleichen Moment seine Worte widerlegen zu wollen . Ein Zug von Arbeitern kreuzte die Linden - waren es Hunderte , Tausende ? Ließ nur die Nacht ihn so endlos erscheinen ? » Nieder der Krieg ! « tönte es vorn - » nieder der Krieg ! « klang das Echo vier- , fünfmal , weit am Ende der Straße verhallend . Und berittene Polizisten durchbrachen die Reihen . Die blanke Scheide eines Säbels blitzte . Konrad und Walter sahen sich in einen Torweg gedrängt , ein Haufen Verfolgter schob nach , so daß sie bis in einen engen , dunklen Hof gelangten , über den als einziges Licht der Schein einer kleinen Lampe lag , die im Erdgeschoß hinter rot verhangenem Fenster brannte . Die Versprengten sprachen leise mit dem verhaltenen Zischen äußerster Heftigkeit , bis einer , der den anderen bekannt zu sein schien , auf ein umgestürztes Faß stieg und Ruhe gebot . » Bewahrt euch euren Zorn und euren Eifer auf die Stunde , wo es not tut , « rief er . » Unsere Söhne sind kein Kanonenfutter , « kreischte eine Frauenstimme aus dem Dunkel . » Noch fordert sie keiner , « suchte der erste Sprecher sie zu beruhigen . » Überall sind unsere Genossen an der Arbeit . In Rußland bedroht die Revolution die Hetzer , in Frankreich schützt unser Freund , der größte Apostel des Friedens , dessen Stimme selbst unsere Feinde nicht überhören , die Sicherheit des arbeitenden Volkes : Jean Jaurès ! « » Hoch , hoch Jaurès ! « Laut klang es und prallte an den hohen Mauern ab und hallte wieder . Der Vorhang des erleuchteten Fensters bewegte sich ein wenig . Dann erlosch die Lampe . Man suchte stolpernd den Ausgang . Da bahnte sich einer von draußen her mit den Ellenbogen einen Weg durch die Masse : » Jaurès ist tot ! « Keiner rührte sich mehr vom Fleck . » Wer sagt das ? ! « Ein weißes Papier schien über den Köpfen zu flattern bis zu dem , der gefragt hatte . Nun blitzte ein Streichholz