schluchzten , oder gar die Höheren aus dem geflügelten Reich , Lerche und Nachtigall , ihre klagenden Stimmen hören ließen , so war er eifrig dabei , sie zu befreien , sie für einige Tage in sein Vogelhaus zu bringen und sie dann auffliegen zu lassen , wie weiland Lionardo da Vinci ... Seine Frau Susanne war vor allem Hausfrau . Sie räumte , kochte und schaffte den ganzen Tag . In der kleinen Wohnung herrschte eine Ordnung , die in Wahrheit das gewöhnliche Beiwort » peinlich « verdiente . Wenn sich ein Gegenstand im Gebrauch auch nur im mindesten verschob , gleich mußte er wieder in die einmalfestgesetzte Lage gebracht werden . Diese peinliche Hausfrau hatte Schicksale hinter sich , die nichts weniger als geeignet schienen , sie zu dem zu machen , was sie war . Als Kind schon wurde sie in die Tiefe gestoßen . Aus ursprünglich wohlhabend bürgerlicher Familie , war sie durch den Tod der Eltern früh verwaist . Eine Tante in Amerika hatte sie zu sich genommen . Dort , wo die Kinderarbeit erlaubt ist , hatten die kleinen Finger der kaum Zwölfjährigen in einer Zündhölzerfabrik ihr Brot verdient . Aber das kleine Geschöpf dachte nicht daran , sich hier zufrieden zu geben . Sie hatte Talent für Gesang und Tanz und arbeitete sich aus der Fabrik zum Variété hinauf . Hier hatte sie einmal eine mimische Szene , in der eine so starke dramatische Begabung sich ausdrückte , daß ein einflußreicher Theatermann , der zugegen war , sie von da fortnahm und sie für die Bühne ausbilden ließ . Susanne war ein überwacher Intellekt , ein ungebärdiges , unbeeinflußbares Temperament und zum übrigen von einer Art Exaktheitswahn beschwert . Mit all diesen Eigenschaften zusammen vermochte sie sich am Theater nicht zu halten . In schweren Zeiten , da sie ohne Brot war , geriet sie auf dunkle Wege , -schließlich in die Hände eines Mädchenhändlers , der sie in ein Haus nach Tunis brachte . Von hier entfloh sie , auf einem europäischen Schiff , dessen Kapitän sie sich zu Füßen geworfen hatte . Bruno hatte sie in Berlin kennen gelernt . Dort war sie im Geschäft eines Tapazierers und Dekorateurs untergekommen . Mit augenblicklichem Entschluß hatte er in ihr seine Herrin und darum seine Gefährtin erkannt und gefunden . Und wirklich war diese Ehe eine selten glückliche . Es fehlte ihr nur eines , um vielleicht ganz eine Ehe zu heißen , - die Reibung der Persönlichkeiten aneinander , die die beste Schule des Lebens ist , für die - die sie bestehen . Diese beiden Leutchen tolerierten gegenseitig alle ihre Sonderlingsgewohnheiten . Susanne hatte niemals , auch in der tiefsten Tiefe , in die sie das Schicksal gestoßen , ihre kompromißlose Herrschsucht eingebüßt , die sich mit vollkommener Güte in ihr einte . Sie hatte auch nie ihre exakte Hausfrauennatur verleugnen können . Nie die Umständlichkeit , mit welcher sie von kleinen Dingen sich große Wege versperren ließ . Hier , als unbedingte Herrscherin eines Mannes , dessen Leben sie , mit seinen Neigungen rechnend , leitete , als absolute Regentin einer winzigen Häuslichkeit , war sie an ihrem Platz . Zwischen all den vielen kleinen Obliegenheiten , mit denen sie ihr Leben belud , verfolgte sie zeitweilig auch Pläne größerer Art ; so war sie jetzt entschlossen , den Haushalt auf Capri bald aufzugeben und nach Berlin zurückzukehren . Hier wollte sie sich in der Kunstfertigkeit der Dekorateurin weiter bilden und mit der ihr eigenen Geschicklichkeit im Arrangieren von Stoffmassen Brot für sich und Bruno schaffen . Da waren sie wieder , denen Olga entflohen zu sein glaubte , - jene , die innerhalb der Zone der bürgerlichen Welt doch ihre eigenen Wege liefen , - manchmal krumme und absonderliche Wege , - die nicht mitten durchs Leben durch , sondern neben dem Leben lagen ... Und doch - sie waren ihr verwandter als andere , und sie hatte sie auf ihrer Wanderschaft schon ehrlich entbehrt . Die Ostertage waren vorbei . Olga genoß noch , im April , die phantastische Pracht der Rosenblüte , die in riesigen , leuchtenden Büschen stand . Duftströme überfluteten Campanien . Über den Mauern der Gärten , zwischen denen sich die engen , krummen Gäßchen durchwinden , reckten und rankten sich Wein und Lorbeer , Kaktus und Myrte . Der Himmel hing hoch , und war nächtlich besternt , daß er erschien , wie ein schimmerndes Riesennetz , auf dunklem Grunde . Da kam ein Brief von Frau Wallentin . Ob sie denn nicht bald wiederkäme ? Und Eva habe einen Sohn geboren , ein schönes , starkes Kind ; und beide wären wohl . Und da war auch in ihr , in Olga , etwas , das geboren werden wollte , - aber nicht in diesem Blütenlande ; eine andere Wiege brauchte das . Jener Gedanke , den Manfred in sie versenkt hatte , - war langsam , keimend , in ihr gewachsen , - und wollte zutage treten . So entsagte sie dem südlichen Frühling , der ihre Seele in Träumereien hielt und rüstete zur Heimkehr . Wie Bangigkeit kam es über sie , als sie in München wieder auf deutscher Erde stand . War sie auch stark genug , - zurückzukehren ? Ihr war , als brauchte sie noch einige Tage einsamer Sammlung . Sie fuhr über Thüringen und unterbrach hier ihre Reise . Sie wanderte von der Bahnstation , auf der sie ausgestiegen war , bis zu dem Städtchen , in dem sie nächtigen wollte ; über ein weites Hügelland , mit flachen Mulden , Schonungen , Wiesen und Wäldern , wanderte sie ; Gold und Sonne , in frischer Waldluft war alles . Die Zweige der Birken schienen in der feuchten Luft rötlich-violett und hoben sich von dem herben Grün der Tannen . Zeitweilig schwieg der Tannenduft , und der der Kräuter wurde stark . So wanderte sie einen halben Tag . Sie begegnete einer Schule , einer Kinderschar