mich auf und fühle mehr Kraft als zuvor . Muß wohl geschlafen haben , seit die Schüsse fielen . Hat hier ein Kampf stattgefunden ? Und liegt hier wer verwundet ? - Von neuem das Stöhnen , und jetzt weiß ich , etliche Schritte seitwärts muß ein hilfloser Mensch liegen . Ich greife mir an den Kopf , der ist mit einem nassen Tuch verbunden . Um mich tastend , find ich einen Krug mit Wasser . Zitternd heb ich ihn empor und trinke . Nun fühl ich mich gestärkt und krieche , den Krug mit mir nehmend , zum Verwundeten . Ich betaste ihn , er stöhnt . Der Oheim ist es nicht , dieser Mensch hat langes Haar und einen breiten Spitzenkragen . » Wer bist du ? « raune ich , doch er antwortet nur mit Stöhnen , dann höre ich wieder das Flehen um Wasser . Es gelingt mir , ihn ein wenig aufzurichten und zu tränken . Doch von der Anstrengung ermattet , werde ich selber hilflos , und ächzend liegen wir nun beide nebeneinander . Hilfe ! Bin ich hier ganz verlassen ? Wo sind meine Leute ? » Tobias ! « rufe ich . Doch es antwortet nur des Höhlenbaches Tosen . Da kommt mir in den Sinn , wie ich schon einmal so verzweifelt lag , am Ufer der Elbe , durch Zetteritz in Fesseln geschlagen , zu den Wölfen ausgesetzt . Damals flehte mein Herz zum Himmel , er möge mir vergönnen , nur einmal noch den Frieden der Bergeinsamkeit zu atmen und die Abendburg zu schauen . Meinem Geistesaug erschien damals mein Vater , verheißend , ich werde gewißlich zur Abendburg gelangen . Und nun lieg ich hier , aufgetan hat sich die Abendburg und gar ihr heimlich Gold mir dargereicht . Gleichwohl bin ich nicht besser dran als in jener Nacht , da den Gefesselten die Wölfe umheulten . Todwund bin , meine Stunden sind gezählt , und von neuem ist mir die kaum gefundene Thekla entrissen . Ist das nun der Schatz , der mir verheißen ward und mich seit jungen Jahren lockte , als könne mein Leben nichts Würdigeres finden ? - Und siehe , wiederum schwebt vor mir mein Vater , ich sehe den Reinen , wie er in der Schulstube das Evangelium auslegt , sehe das gütige , traurigmilde Antlitz , die ernste klare Stirn , die träumenden Augen , und sanft spricht seine Stimme , als hauche in ihr Gottes Friede : » Merket , Kinder , was die Welt einen Schatz heißet , ist Staub und tut dem Menschen nicht anders , als daß ihm Herz wie Hand mit Staube besudelt wird . Einen andern Schatz weiset unser Heiland . Nennet ihn einen Schatz im Himmelreich , den nicht die Motten und der Rost fressen . Es ist aber selbiges Himmelreich nicht ferne von einem jeglichen , maßen ja das ewige Licht offenbaret : Inwendig in euch ist das Himmelreich ! So haben wir denn in uns selber den wahren Schatz . Nicht in der Erde Tiefen wühle - lieber steige hinunter zu deines Herzens Grunde . « So mein edler Vater . O du weiser Deuter , wie närrisch ist dein Kind von deinem Worte abgefallen ! Und bin doch ein Weilchen allbereits auf rechtem Wege gewesen . Die letzten Jahre , da ich als armer Eremit allhie hausete , ward mir jene Gnade , die dem Johanniskinde bei der Abendburg widerfahren soll : Die Allnatur ward mir kenntlich als meine Abendburg und hat sich magisch umgewandelt zum wundervollen Königsschlosse . » Ja , weil du reinen Herzens warst , mein Kind « , so höre ich meinen Vater in mein Sinnen hineinreden . » Aufs Herz kommt alles an ; die wahre Abendburg , davon das Märlein gilt , ist das Menschenherz . Es ist verwunschen gemeiniglich , verstört vom bösen Geiste . Erlöse drum dein armes Herz , Johannes , den rauhen Felsen wandle zum Palast , in dem du König bist . « - » O Vater , wie gerne möcht ich , hilf mir nur , o Hilfe ! « Und aber wähn ' ich mich in der Lateinschule zu Hirschberg , lese auf Vaters Geheiß die heiligen Worte : » Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen , von ganzer Seele , von allen Kräften und von ganzem Gemüt , und deinen Nächsten als dich selbst . Jesus aber sprach : Du hast recht geantwortet , tue das , so wirst du leben . Er aber wollte sich rechtfertigen und sprach : Wer ist denn mein Nächster ? Da antwortete Jesus : Es war ein Mensch , der ging von Jerusalem hinab gen Jericho und fiel unter die Mörder ; die zogen ihn aus und schlugen ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen .... « Das Wimmern neben mir mahnte mich , daß nicht bloß von Jerusalem und Jericho die Rede galt , sondern daß ich hier zu dieser Stunde erweisen solle , ob ich ein töricht plappernder Heide sei oder in mir jenen Christus habe , der da verheißet : » Tue das , so wirst du leben ! « Und ich wußte auf einmal : keinen andern vermeinet der Heiland als mich , wie er weiter erzählt : » Ein Samariter aber reisete und kam dahin . Und da er ihn sahe , jammerte ihn sein , ging zu ihm , verband seine Wunden und goß drein Öl und Wein und hub ihn auf sein Tier und führte ihn in die Herberge und pflegte sein . « Wiewohl das Fieber mich kalt durchschauerte , war mir im Herzen , als erblühe tief innen die lieblichste Sonne . Mein Nächster und ich sind eins ! sprach es in mir , und mir war wie einem , der sich den Schlaf aus den Augen reibt und durch zerreißende Schleier die heilige Wahrheit erschaut . O Menschenkind , was ist das nur mit dir