unter anderm , » und muß dir gestehen , daß mich noch niemals ein Buch dermaßen im Innersten aufgewühlt hat . Ich kann seitdem nichts andres denken , und es flieht mich der Schlaf . Weiß Caspar Hauser selbst von dieser Schrift ? Und wie stellt er sich dazu ? Was äußert er darüber ? « Frau von Imhoff versäumte es , über den Punkt Bescheid zu geben ; es fiel ja auch schwer , Caspar zu befragen . Hat er das Buch nicht gelesen so ist es peinlich und sonderbar , ihn darüber in Unwissenheit zu sehen , dachte sie ; noch peinlicher und sonderbarer , wenn er es gelesen hat ; peinlich und sonderbar sein Aufenthalt hier , sein Kopistenamt auf dem Gericht , sein ganzes Treiben ; und wie ist es möglich , eine Aussprache herbeizuführen ? Jedes offene Wort kann unheilvoll werden . Trotzdem unternahm es Frau von Imhoff , Caspar vorsichtig auszuholen , ob er überhaupt von der Sache wisse oder davon reden gehört . Und er wußte davon . Nicht im entferntesten aber hegte er den Wunsch , sich Klarheit zu verschaffen . Erstens aus Furcht ; die Furcht ließ ihn vor jedem Schritt zurückbeben , der auf eine Veränderung seiner Lage zielte , seine Gedanken von der krankhaft umklammerten Gegenwart ablenken konnte ; und dann , weil er wahrscheinlich annahm , es handle sich bei der Schrift des Präsidenten auch nur um das bodenlose Gerede , das er in- und auswendig wußte und von dem ihm , wie er zu sagen pflegte , bloß Kopf- und Herzweh und ein dummes Nachschauen blieb . Er hatte dergleichen oft genug erfahren , und aus lauter Überdruß daran war er am Ende so unneugierig geworden , daß eine einzige Andeutung , während eines Gesprächs etwa , hinreichte , um seinem Gesicht den Ausdruck schalster Langweile zu geben . Wie er schließlich doch dazu gelangte , das für ihn und um seinetwillen geschaffene Werk kennenzulernen , das hatte eine eigentümliche Bewandtnis . Es war an einem unfreundlichen Vormittag im März , da verbreitete sich plötzlich im Appellgerichtsgebäude und bald darauf in der ganzen Stadt die Nachricht , der Präsident sei im großen Gerichtssaal während einer Verhandlung , die er leitete , ohnmächtig vom Stuhl gestürzt . Alle Beamten liefen sofort aus ihren Zimmern und standen alsbald auf den Treppen und Korridoren . Auch Caspar hatte seinen Arbeitstisch verlassen und gesellte sich zu den übrigen . Er schlich aber absichtlich wieder davon , um nicht Zeuge sein zu müssen , wie man den Präsidenten von oben heruntertrug . Als er sich in das Zimmer zurückbegab , in welchem er an allen Vormittagen von acht bis zwölf Uhr schrieb , und zwar nur in Gesellschaft eines alten Kanzlisten , eines gewissen Dillmann , war dieser sein Amtsgefährte noch nicht wieder da . Caspar , sehr traurig und erschrocken , stellte sich zum Fenster und malte , schmerzlich versonnen , wie er war , mit dem Finger den Namen Feuerbach in die beschweißte Scheibe . Indes trat Dillmann ein und ging händeringend auf seinen Platz zu . Bis auf diesen Tag hatte der alte Kanzlist , und Caspar befand sich nun über neun Wochen auf dem Amt , noch nicht ein Dutzend überflüssiger Worte mit dem neuen Kollegen gewechselt ; er hatte sich im mindesten nicht um ihn gekümmert und eine grämliche Gleichgültigkeit gegen ihn zur Schau getragen . Im Verlauf der dreißig Jahre , während welcher er Akten , Erlässe , Verordnungen und Urteile kopierte , hatte er es zu einer besonderen Geschicklichkeit im Schlafen gebracht , und es war komisch zu sehen , wenn er , den Federkiel aufs Papier gespießt , leise schnarchend seine Siesta hielt und sogleich die Hand schreibend weiterbewegte , wenn sich draußen der Schritt eines Vorgesetzten vernehmen ließ , da er die Gangart jedes einzelnen Herrn genau studiert und sozusagen im Kopf hatte . Um so verwunderter war Caspar , als Dillmann auf ihn zuschritt und mit zitternder Stimme sagte : » Der unvergleichliche Mann ! Wenn ihm nur nichts zustößt ! Wenn ihm nur nichts Menschliches passiert ! « Caspar drehte sich um , entgegnete aber nichts . » Na , Hauser , und für Sie wäre es gar ein unersetzlicher Verlust , « fuhr der Alte seltsam keifend und zänkisch fort ; » wo gibts denn in dieser lummerigen Welt einen Menschen , der sich so für einen andern Menschen einsetzt ? Sollte mich nicht erstaunen , wenn das ein schlimmes Ende nähme . Ja , es wird ein schlimmes Ende nehmen , ein schlimmes Ende . « Caspar hörte schweigend zu ; seine Augen blinzelten . » So ein Mann ! « rief Dillmann aus . » Ich hab , seit ich hier sitze , schon sieben Präsidenten und zweiundzwanzig Regierungsräte zum Grab geleitet , Hauser , aber so einer war nicht dabei . Ein Titan , Hauser , ein Titan ! Die Sterne könnt er vom Himmel reißen um der Gerechtigkeit willen . Man muß ihn nur betrachten ; haben Sie ihn mal genau betrachtet ? Der Buckel über der Nase ! Das deutet , wie man sagt , auf eine genialische Konzeption ; diese Jupiterstirn ! Und das Buch , Hauser , das er für Sie geschrieben hat ! Das ist ein Buch ! Ein wahrer Scheiterhaufen ists ! Die Zähne muß man zusammenbeißen und die Fäuste ballen , wenn mans liest . « Caspar machte ein mürrisches Gesicht . » Ich habs nicht gelesen « , sagte er kurz . Dem alten Kanzlisten gab es einen Ruck . Er riß den Mund auf und schnappte . » Nicht gelesen ? « stotterte er . » Sie - nicht gelesen ? Ja wie ist denn das möglich ? Da soll mich doch gleich der Teufel holen ! « Eilig trippelte er zu seinem Tisch , schob eine Lade auf , suchte herum und brachte das Büchlein zum Vorschein . Er reichte es Caspar hin , stieß es ihm