noch nie einen so mächtigen Saal gesehen . Der war höchstens zu vergleichen mit der verdeckten Reitbahn in der Kaserne . Der Raum wurde erleuchtet durch einzelne runde Lampen , die , in der Höhe schwebend , das Ganze mit mildem weißlichen Licht übergossen , so hell , daß man jedes einzelne Gesicht bis in die entfernteste Ecke des riesenhaften Raumes erkennen konnte . Tausende waren da versammelt . Man saß an Tischen , hatte sein Glas Bier vor sich stehen . Viele , die keinen Platz zum Sitzen gefunden hatten , stauten sich unter den Galerien , die ebenfalls bis zur dritten Empore mit Menschen gefüllt waren . Und am unteren Ende des Saales , auf einem erhöhten Platze , wie auf einer freien Bühne , saßen einige Männer , die Einberufer der Versammlung , neben ihnen ein Polizist ; die einzige Uniform in der großen , schwarzen Menge . Gustav verstand nichts von den Vorgängen . Häschke erklärte ihm , daß sie » ein Komitee bildeten « . - Es schienen alles Männer aus dem Volke zu sein , ihrer Sprache und Kleidung nach zu urteilen . Auch der Mann , der jetzt sich zum Worte meldete , war ein Arbeiter , ein » Entlassener und Arbeitsloser « , wie er selbst sagte . Er sprach wohl eine Stunde lang . Die Tausende lauschten seinen Worten mit atemloser Spannung ; man konnte nicht andächtiger einer Predigt zuhören . Gustav ward es zumute , als befände er sich in der Kirche . Da brach die Menge auf einmal in ein Gelächter aus über eine Bemerkung des Redners ; darauf Beifallsrufe aus Hunderten von Kehlen . Von da ab wurde der Vortrag häufig unterbrochen durch Zustimmung . Hin und wieder hörte man auch ein Zischen , aber das wurde sogleich durch verstärktes Bravorufen , Trampeln und Händeklatschen übertäubt . Als der Redner endlich geschlossen hatte , brach ein solcher Lärm los , daß Gustav Schlimmes zu fürchten begann . Das Tosen legte sich im Nu , als der Vorsitzende sich erhob zu ein paar Worten . » Jetzt hat er die Diskussion eröffnet , « erklärte Häschke dem Neuling . Verschiedene aus der Versammlung traten auf das Podium . Wieder waren es nur ganz einfache Leute . Mancher unter ihnen sah ärmlich aus und herabgekommen . Die meisten erklärten sich als » arbeitslos « . Und wie sprachen diese Männer ! - Gustav konnte es gar nicht begreifen . Bettler und Stromer schienen es zu sein , wie er manchen von seines Vaters Tür gewiesen hatte . Und nun mußte er mit Beschämung erkennen , wie ihm diese einfachen Männer überlegen waren . Wie wußten sie die Worte zu setzen , ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen ! Sie schilderten ihr Elend , berichteten von den Erfahrungen , die sie in der Fabrik , im Bergwerk , auf der Straße gesammelt hatten . Von der Unbarmherzigkeit der Reichen sprachen sie und der Härte der Arbeitgeber . Dann schilderten sie den Jammer in ihren Familien . Und von diesem düsteren Hintergrund hob sich um so leuchtender ab das Bild der Zukunft : ihre Forderungen , die kühnen Hoffnungen und Erwartungen dessen , was da kommen sollte , der Ausgleich , die Vergeltung , das Glück , das irdische Paradies , welches ihnen prophezeit worden war von ihren Lehrern , dessen Glanz sich in ihren glühenden Augen spiegelte . Die Worte dieser Männer griffen Gustav ans Herz . Er fühlte die Not , die sie schilderten , als sei es seine eigene . Er war ganz auf ihrer Seite . Eine Ahnung ging ihm auf von dem , was sie beseelte . Es war die gemeinsame Sache . Ein Geist , eine Hoffnung , eine Idee sprach aus ihren Blicken , beherrschte ihre Mienen , Bewegungen und Zungen . Eine Idee erfüllte sie , stärkte ihren Mut , entflammte ihre Begeisterung , ihr Hoffen , erhob sie über sich selbst , ließ jeden einzelnen mehr erscheinen , als er war . Es lag etwas Ansteckendes in dem gleichen Fühlen so vieler ; als habe sich der Luft etwas mitgeteilt von dem Empfinden eines jeden Kopfes , das vereinigt wieder zurückwirkte auf den einzelnen . Auch Gustav verspürte diese geheimnisvolle Wirkung des Massengeistes auf sich . Es lebte Großes und Erhebendes in dem Bewußtsein , sich eins zu wissen in Hoffen und Wollen mit Tausenden . Auch ihn erfaßte die Sehnsucht nach dem , was jene erstrebten , das sich mit Worten kaum ausdrücken ließ , und das doch unausgesprochen aus jedem Auge hier leuchtete . Sie tappten unsicher umher , ihre Worte widersprachen sich ; sie widersprachen auch einander gegenseitig in ihren Reden , stammelnd suchten sie nach Ausdrücken , um das zu sagen , was in ihrem Herzen lebte , unklar und verworren , was in jedem dieser Köpfe eine andere Gestalt angenommen . Und doch war etwas Gemeinsames da , das in der Tiefe der Gemüter schlummerte : die Sehnsucht nach dem Glück . Elend waren sie und verkommen . Die Gegenwart war für sie eine dunkle Höhle , weit abgelegen von aller Schönheit der Oberwelt . Ihre Augen waren starr auf jenes kleine ferne Loch in der Höhe gerichtet , durch welches Licht und Sonnenwärme zu ihnen drang ; dort hinauf wollten sie . - Gustav übersah die Versammlung . So viel ernste Männerköpfe ! Die meisten bleich , sorgenvoll , schmerzgeprüft . Konnte man sich vorstellen , daß diesen nicht ihr Recht werden sollte ? - Eines war ihm an diesem Abende klar geworden : schlecht waren diese Menschen nicht . Nicht Bosheit und Niedertracht beherrschte sie ; sie trieb ein Streben , das auch ihn beseelte wie jeden anderen Sterblichen : das Verlangen nach Besserung . Inzwischen hatte ein neuer Redner das Wort erhalten . Es war ein kleiner , kränklich aussehender Mann . Er sprach mit heiserer Stimme , die dort , wo Gustav saß , kaum zu vernehmen war . Er schien erregt und leidenschaftlich ;