ihm jetzt wieder gegenwärtig , die ihm jenes letzte gemeinschaftliche Theatervergnügen verbitterte : das Brennen in der Magengrube , der Druck im Genick , der gallige Geschmack auf der Zunge . Was er aber in jener Nacht in der Verschwiegenheit des ehelichen Schlafgemachs über sich ergehen lassen mußte , das überstieg alles Maß der Erinnerungsfähigkeit ... Leopoldine hatte sich seitdem verbessert ; sie trieb die Unart nicht mehr so weit , ihm seinen Bettschweiß und schlechten Geruch ins Gesicht vorzuwerfen und damit ihren Ekel vor seinen zärtlichen Annäherungen zu rechtfertigen ; sie begründete ihre Kälte und ihren Widerstand mit der Rücksicht auf seinen gesundheitlichen Zustand und auf das ärztliche Gebot , sich ja aller tieferen Aufregungen zu enthalten . Das ließ sich eher hören und erleichterte eine Verständigung . Zuweilen hatte ihm ihr Widerstand sogar Spaß gemacht , besonders in der letzten Zeit , wo sie wieder mit ihrer angebornen Verschämtheit kokettierte und steif behauptete , daß sie gar keine sinnliche Natur sei und kein Bedürfnis nach männlichem Umgang habe ... Daß ihr auch das Glück der Mutterschaft versagt sein mußte ! ... Das Isarwehr war aufgezogen , so daß der Schwall des Wassers mit vermindertem Geräusch thalwärts abströmte . Auch von der Straße her kündigte sich die abendliche Stille an . Die von acht zu acht Minuten verkehrende Pferdebahn klirrte heller auf den Eisenschienen und das Schellengebimmel war in der Einsamkeit klarer , als im Lärmkonzert des Tages . Die hohen Schornsteine der Bräuereien und weiter zurück der Ziegeleien von Haidhausen wälzten ungeheure schwarze Rauchschwaden durch die Abendluft ; getrieben von einem leichten Südost , nahm das kohlendunstige Gewölke seine Richtung über das Isarthal in die innere Stadt . Raßler pochte an den Fensterrahmen , ob er auch gut geschlossen ; er fühlte sich so beengt auf der Brust , es war ihm , als müsse er selbst in dieser erstickenden Rauchatmosphäre atmen ... Von den Schlöten seiner eigenen Fabrik konnte Raßler vom Fenster aus nichts gewahren . Wenn er heute doch hinausgefahren wäre ! Vielleicht befände er sich wohler . Mußte ihm dieser Pfaffenzeller in die Quere kommen ... Ein merkwürdiger Mensch , eine Kraft - und für das Geschäft jedenfalls einmal von großem Wert . Was der alle Biswanger zu diesem Mitarbeiter sagen wird ? Wo jetzt Leo mit den Kindern herumspazieren mag ? Ach , Leo ... So wirbelte dem Kommerzienrat alles bunt durch den Kopf . Es duldete ihn nicht mehr im Zimmer . Wenn er zum Nachbar Schmerold hinüberginge und sich erkundigte , ob der Herr Konsul schon von der Reise zurück sei ? Die Angelegenheiten der Isarbaugesellschaft , die Vorlagen des Architekten Zwerger und die Wühlereien des Bankiers Weiler machen eine mündliche Unterredung dringend notwendig . Schmerolds sind nur so förmlich , die ungewöhnliche Besuchsstunde wird ihnen auffallen . Und Raßler mochte heute keinem kritischen Blick , keinem kritischen Wort mehr begegnen . Ja , die Schmerolds , die haben noch ein strenges Familienleben , das Respekt einflößt ... Er trat aus Balkonfenster und öffnete es leise , um die Abendlust zu prüfen . Der Wind wehte das Abendgebetläuten vom Giesinger Berg in die Stadt ; jetzt ertönten die Glocken von der Mariahilferkirche in der An dazu , es war ein feierlicher Zusammenklang , und nach und nach sielen die ehernen Stimmen der näheren Kirchen ein , vom Gasteig , von Haidhausen , vom Lehel , von Bogellhausen - die Lust des ganzen Isarthals schien sich in Glockenklang anfzulösen , über den rauschenden Wassern und frühlingsgrünen Wipfeln wogten die feierlichen Harmonieen dahin , bald wie ein heller Psalm , bald wie klagende Geisterchöre ... Raßler lauschte . Er unterschied zuerst die hohen und die tiefen Klänge der einzelnen Glocken , ihre Einsätze , ihren kürzeren oder breiteren Rhythmus , dann ihr Aussetzen und Verstummen . Am mächtigsten summte es vom Haidhauser Thurm . Schließlich war er selbst so bewegt von der ergreifenden Schönheit des Gebetläutens , daß er noch lange lauschend stand , als die letzten tönenden Schwingungen verhallt waren . Hob er nicht langsam die Hand zu den Augen , eine Thräne auszuwischen ? Zitterte es nicht wie ein Nachhall frommer Empfindung durch seine Seele , wie ein verwehtes Gebet aus seiner Jugendzeit ? Liebster Mensch , was mag ' s bedeuten Dieses Abendglockenläuten ? Es bedeutet abermal Deines Lebens Ziel und Zahl . Dieser Tag hat abgenommen , Bald wird auch der Tod herkommen ... Wie ging ' s weiter ? Er erinnerte sich der übrigen Verse nicht mehr . War ' s nicht unheimlich , daß sie ihm überhaupt heute in den Sinn gekommen ? Sein Vater hatte sie ihm einst gelehrt ; sein Vater hatte sie auch in den letzten Zügen gesprochen , als er unter dem Geläute der Abendglocken seinen Geist aushauchte - nach fürchterlicher Krankheit , nach fürchterlichem Todeskampfe . Er hatte ein böses Wüstlingsleben auf langem Schmerzenslager abzubüßen ... Der Geistliche hatte traurig den Kopf geschüttelt , als er seine letzte Beichte gehört . Dienstboten , junge Mädchen und Frauen , nichts war vor seiner Gewaltthätigkeit sicher gewesen . Das wußten die Kinder - und schämten sich des eigenen Vaters . Ein besudeltes Familienleben ! Weg mit den Erinnerungen ! Nein , er mochte heute nichts mehr von Geschäften wissen ... Zu Schmerold konnte er morgen hinübergehen . Er wollte seine Kinder und seine Frau erwarten . Unter den alten Kastanienbäumen vor dem Raßlerschen Hause wandelte seit einer Viertelstunde Max von Drillinger unschlüssig auf und ab . Die tiefhängenden Äste mit den halbentfalteten Blätterknospen verbargen ihn dem Auge der Frau , die mit den Kindern vorübergegangen war . Ihr Anblick hatte ihn nicht gerührt . Eine völlig Fremde hätte er nicht gleichgültiger betrachten können . Er hat die Probe bestanden . Es war aus . Diese Episode , seines Lebens hatte ferner keine Macht mehr über seine Entschlüsse ... Seiner Unterredung mit dem Bankier Weiler waren noch schlimme Wahrnehmungen im Café Paul gefolgt . Er hatte dort den Baron Polly getroffen , den unleidlichen Schwätzer ,