auf der Heide und weine , statt bei meiner Braut zu sein und mich mit ihr zu freuen . « Er blickte um sich . Noch schimmerte die Heide in satter , roter Farbenglut , aber die Sonne war im Sinken , im Osten glitt eben die weiße Mondsichel empor . Er sprang auf und schritt der Stadt zu , anfangs rasch , dann immer langsamer . » Halt « , dachte er , » meine Braut wird sie erst morgen . Ich will sie auch heute gleichsam zufällig treffen . Anders freilich werden wir schon jetzt miteinander sprechen als sonst - jetzt , wo ich weiß - « Er lächelte . » Wie sie sich verstellt hat ! Was so ein Mädchen kann ! Über jedes freundliche Wort war sie ordentlich böse . « Er fühlte eine Empfindung des Unbehagens , der Unsicherheit in sich aufsteigen . Aber er schüttelte sie ab , » Unsinn - jetzt , wo sie es Taube gestanden hat - « Dennoch ging er immer langsamer , und als er von fern ein Licht aufschimmern sah , die Laterne am Mautschranken , welche die Mutter eben angezündet , hielt er den Fuß an und blickte hinüber . » Soll ich ' s der alten Frau schon heute sagen ? « murmelte er . Er entschloß sich , es nicht zu tun . » Zuerst muß Reb Hirsch seine Einwilligung geben . Der Marschallik meint zwar , daß sie sicher ist , und wollte er etwa nein sagen , so bringen Malke und ich ihn gewiß herum , aber die Mutter soll nicht drum zittern . Morgen , wenn alles in Ordnung ist , freut sie sich doppelt . « Er ging weiter , dem Marktplatz zu , aber immer zögernder . Die Dämmerung war hereingebrochen , die Mondsichel warf ihr blasses Licht über die Gartenstraße , die er noch zu durchschreiten hatte ; nun war sie wohl schon mit Taube vor dem Hause . » Wie red ' ich sie an ? « dachte er . » Nun - mit dem Guten Abend « , lachte er dann auf , » das weitere findet sich . « Dennoch schlich er nun förmlich und das Herz pochte ihm immer ungestümer , je näher er dem Marktplatz kam . Da war er endlich auf dem Platz und wieder nach einigen Minuten vor dem Hause des Vorstehers . Himmel , sie war nicht da . Aber da erschien sie eben mit Taube vor der Tür . Er trat auf sie zu und bot ihr den Gruß . Sie erwiderte freundlich wie immer , wenngleich nicht so laut wie Taube , die ihm auch die Hand bot . Er drückte sie herzhaft und hielt dann Malke die Rechte hin . Er tat es heute bei der Begrüßung zum ersten Mal , und sie blickte befremdet auf . Dann rührte sie einen Augenblick mit ihren schlanken , weißen Fingern an die seinen . Es verblüffte ihn mehr , als es ihn betrübte . » Gut ! « dachte er , » ich will dir den Gefallen tun ! Also heut ' noch wie sonst ! « Und darum trat er auch wie immer an Taubes Seite und schritt neben dieser her . » Nun ? « fragte die dicke , lustige Frau , » was bringt die Barnower Zeitung heut ' ? « So pflegte sie ihn zu nennen . Er dachte nach . » Daß Dovidl Morgenstern aus der Haut fährt « , begann er , » wissen Sie schon . Aber halt ! - eine Neuigkeit gibt ' s wirklich : der Prior hat bei einer Lemberger Malerin ein neues Altarbild bestellt . Ein Weib , das malt und gar Heilige fürs Kloster - das ist sehr komisch ! « » Warum ? « fragte Malke . » Meine Cousine Viktorine Salmenfeld , die älteste Tochter meines Onkels Franz , malt auch solche Bilder und sehr gute . Sie hat sich in Wien als Künstlerin einen Namen gemacht und soll ebenso liebenswürdig wie begabt sein . Leider kenne ich sie nicht persönlich . « » Leider ? « rief Taube . » Du mußt gottlob sagen ! « » Warum ? Weil sie Christin ist ? Deshalb bleibt sie doch meine Blutsverwandte , und ich weiß , daß sie auch meiner freundlich denkt . « » Aber Malke « , rief Frau Taube erschreckt , und Sender war es kaum minder . Nach seiner Anschauung zerschnitt die Taufe jedes Band . » Da sehen Sie das am Ende gern ? « rief er angstvoll . » Die Taufe ? Nein , gern niemals . Und unter zehntausend Fällen ist kaum einer , wo sich nicht das geringste dagegen sagen läßt , denn häufiger , glaub ' ich , trifft sich ' s nicht , daß es jemand aus innerster Überzeugung tut . Aber daneben gibt es Fälle , die man beklagen , aber nicht verurteilen darf , und der liegt bei meinem Onkel Franz vor . Aber wenige fassen sie gerecht auf . Mein Großvater , Nathan Salmenfeld , war ein lebenskluger , aber überaus strenggläubiger Mann , der seinen drei Söhnen ihr Lebensziel von Anbeginn vorgeschrieben hatte , der älteste , Froim , sollte Arzt , der zweite , Manasse , Advokat werden , der dritte , Hirsch , mein Vater , sein Wirtsgeschäft erben , aber alle sollten nicht minder fanatisch bleiben wie er selbst . So mußte Froim auch im Gymnasium den Kaftan tragen , auf der Universität , in Pest , bei Chassidim wohnen . Es war ein Höllenleben . Die Christen verhöhnten ihn und diesen Juden galt er auch nicht mehr für rein . Ist ' s ein Wunder , daß er da seinen Glauben mit all dem furchtbaren Zwang hassen lernte und ihn endlich abschüttelte ? Ihn haben die Chassidim zum Christen gemacht ! Mein Onkel Max aber , der jetzt Advokat in Czernowitz ist , hat dasselbe Martyrium durchgelitten und