leibhaften Mund , und der geheimnisvolle balsamische Atem aus dem Innern eines schönen und starken Weibes strömte in vollen Zügen in mich über . Dieser Unterschied war so spürbar , daß mitten im heftigen Küssen Annas Stern aufging , eben als Judith mehr wie für sich flüsterte : » Denkst du nun auch an dein Schätzchen ? « - » Ja « , erwiderte ich , » und ich geh nun ! « und wollte mich losmachen . » So geh ! « sagte sie lächelnd , doch löste sie ihre weichen bloßen Arme auf eine so sonderbare Weise auseinander , daß es mir schneidend weh tat , mich frei zu fühlen , und eben wieder im Begriffe war , in dieselben zu sinken , als sie aufsprang , mich noch einmal küßte und dann von sich stieß , indem sie leise sagte : » Nun pack dich , es ist jetzt Zeit , daß du heimkommst ! « Beschämt suchte ich meinen Hut und eilte davon , daß sie laut lachte und mir kaum nachkommen konnte , um mir die Haustüre auf zumachen . » Halt « , flüsterte sie , als ich davonlaufen wollte , » geh da oben durch den Baumgarten hinaus und ein wenig ums Dorf herum ! « und sie kam mit mir durch den Garten in ihrem leichten Gewande , obgleich es regnete und stürmte , was vom Himmel heruntermochte . Am Gatter stand sie still und sagte : » Hör einmal ! ich sehe nie einen Mann in meinem Hause , und du bist der erste , den ich seit langer Zeit geküßt ! Ich habe Lust , dir nun erst recht treu zu bleiben , frage mich nicht warum , ich muß etwas probieren für die lange Zeit , und es macht mir Spaß . Dafür verlange ich aber , daß du jedesmal zu mir kommst , wenn du im Dorfe bist , in der Nacht und heimlich ; am Tage und vor den Leuten wollen wir tun , als ob wir uns kaum ansehen möchten . Ich verspreche dir , daß es dich nie gereuen soll . Es wird in der Welt nicht so gehen , wie du es denkst , und vielleicht auch mit Anna nicht ; das alles wirst du schon sehen ; ich sage dir nur , daß du später froh sein sollst , wenn du zu mir gekommen bist ! « - » Nie komme ich wieder ! « rief ich etwas heftig . - » Bst ! nicht so laut « , sagte sie ; dann sah sie mir ernsthaft in die Augen , daß ich trotz Sturm und Dunkelheit die ihrigen glänzen sah , und fuhr fort : » Wenn du mir nicht heilig und auf deine Ehre versprichst , daß du wiederkommen willst , so nehm ich dich sogleich wieder mit , nehme dich zu mir ins Bett , und du mußt bei mir schlafen ! Das schwör ich bei Gott ! « Es kam mir gar nicht in den Sinn , über diese Drohung zu lachen oder dieselbe zu verachten ; vielmehr versprach ich , so schnell ich konnte , in Judiths Hand , daß ich wiederkommen wollte , und eilte davon . Ich lief zu , ohne zu wissen wohin ; denn der strömende Regen tat mir wohl ; so war ich bald aus dem Dorfe und auf eine Höhe gekommen , auf welcher ich weiterging . Der Morgen graute und warf ein schwaches Licht in das Unwetter ; ich machte mir die bittersten Vorwürfe und fühlte mich ganz zerknirscht , und als ich plötzlich zu meinen Füßen den kleinen See und des Schulmeisters Haus erblickte , kaum erkennbar durch den grauen Schleier des Regens und der Dämmerung , da sank ich erschöpft auf den Boden und brach gar jämmerlich in Tränen aus . Es regnete immerfort auf mich nieder , die Windstöße fuhren und pfiffen durch die Luft und heulten erbärmlich in den Bäumen , ich weinte dazu wie ein Kind ; gehörigerweise machte ich niemandem Vorwürfe als mir selbst und dachte nicht daran , der Judith irgendeine Schuld beizumessen . Ich fühlte mein Wesen in zwei Teile gespalten und hätte mich vor Anna bei der Judith und vor Judith bei der Anna verbergen mögen . Aber ich gelobte , nie wieder zu jener zu gehen und mein Gelöbnis zu brechen ; denn ich empfand ein grenzenloses Mitleid mit Anna , die ich in der grauen feuchten Tiefe zu meinen Füßen jetzt so still schlafend wußte . Endlich raffte ich mich auf und stieg wieder ins Dorf hinunter ; der Rauch stieg aus den Schornsteinen und kroch in wunderlichen Fetzen durch den Regen ; etwas gefaßter sann ich darüber nach , was ich im Hause des Oheims über mein nächtliches Ausbleiben vorgeben wolle , etwa , ich hätte mich verirrt und sei die ganze Nacht umhergestreift . Dies war seit den kritischen Kinderjahren das erste Mal , wo ich zu einem Zwecke wieder lügen mußte ; mehrere Jahre hindurch hatte ich nicht mehr gewußt , was lügen sei , und diese Entdeckung machte mir vollends zu Mute , als ob ich aus einem schönen Garten hinaus gestoßen würde , in welchem ich eine Zeitlang zu Gast gewesen . Dritter Band Erstes Kapitel Arbeit und Beschaulichkeit Ich schlief fest und traumlos bis zum Mittag ; als ich erwachte , wehte noch immer der warme Südwind , und es regnete fort . Ich sah aus dem Fenster und erblickte das Tal auf und nieder , wie Hunderte von Männern am Wasser arbeiteten , um die Wehren und Dämme herzustellen , da in den Bergen aller Schnee schmelzen mußte und eine große Flut zu erwarten war . Das Flüßchen rauschte schon stark und graugelblich daher ; für unser Haus war gar keine Gefahr , da es an einem sicher abgedämmten Seitenarme lag , der die Mühle trieb ; doch waren alle Mannspersonen fort , um die Wiesen zu schützen , und ich saß mit