und ihm doch den Ort über alles in der Welt verleidete , niederzudrücken ; und von einem Ausflug nach Baden zurückkehrend , fand er das Briefchen des Edlen von Haußenbleib auf seinem Nachttische . Der Kellner , welcher ihm voranleuchtete und die Lichter anzündete , machte ihn auf es aufmerksam , und der Junker betrachtete die Adresse , wie man jede unbekannte Handschrift auf einem Briefe betrachtet , ehe man ihn öffnet . Er bekam bereits viele schriftliche Notizen in Wien , und so konnte er , nachdem der Kellner sich verabschiedet hatte , ziemlich gleichgültig das Miniatursiegel erbrechen . Diesmal umnebelte ihm kein leichterer oder schwererer Rausch , nicht einmal der Nachhall eines Rausches , Stirn und Augen ; aber dessenungeachtet bedurfte er mehrerer Minuten , ehe er die Meinung seines jetzigen Korrespondenten faßte und würdigte . Dann würdigte er sie aber auch gleich darauf um so mehr ! Er stieß einen Fluch hervor und trat vor seinem eigenen verstörten Bilde in dem Spiegel vor ihm zurück . Unwillkürlich griff er nach dem Glockenzug , als müsse er das ganze Haus im Sturm zu seiner Hülfe zusammenläuten . Glücklicherweise zog er jedoch die Hand zurück ; denn der National-Gasthof würde doch wohl keinen Rat und Trost für ihn gehabt haben . Nun überlas er das Billett zum zweitenmal , knitterte es wütend zusammen und warf es gegen die Wand . Was sollte er tun ? Was konnte er tun ? Er rannte umher im Gemach und fiel auf einen Stuhl und suchte wenigstens einen Teil seiner Fassung wiederzugewinnen . Er zog den Stuhl an den Tisch , stützte den Kopf auf beide Hände , und - da saß er denn . Was sollte , was konnte er tun für sie ? Hatte er ihr nicht seine Hand angeboten ? Hatte er sie nicht retten wollen ? Hatte er sie nicht fortführen wollen aus diesem wüsten Getriebe - zurück in die Heimat , in das vergessene Fleckchen am Fuße der Harzberge ? Sie hatte ja das schöne Haupt geschüttelt , und zähneknirschend gestand er sich selbst in dieser schweren Stunde als ein ehrlicher Gesell , daß er ihr am folgenden Tage gewissermaßen dankbar dafür gewesen sei und daß schon im ersten Augenblick ein leiser Hauch der Befriedigung über ihre Weigerung durch seine Seele gegangen sei . Aber nun rüttelte das Schicksal des armen Geschöpfes , mit dem er doch nur alle Holdseligkeit des Lebens daheim verknüpft hatte , um so schrecklicher an ihm . Am liebsten wäre er mit Gewalt in das Haus in der Vorstadt Mariahilf eingebrochen ; am liebsten hätte er als ein anderer Karl von Eichenhorst die Tonie auf dem Sattelknopf entführt , trotzdem daß sie nicht wollte ; bei allen Teufeln , es war zu niederträchtig ! Und in dieser Nacht - und während der Junker mit halbblinden Augen den Brief schrieb , welchen der Ritter von Glaubigern , das Fräulein von Saint-Trouin und Jane Warwolf in dem chinesischen Pavillon zu Krodebeck zusammen lasen - lag Tonie Häußler still in ihrem Bettchen , still und regungslos , und fürchtete sich nicht . Es war zu traurig . Vierunddreißigstes Kapitel Beinahe vierzehn Tage gebrauchte der Junker Hennig von Lauen , um sich notdürftig zu fassen , und nie während seines Aufenthalts in der Fremde hatte er mit solcher Sehnsucht auf eine Lebensäußerung aus Krodebeck und vom Lauenhofe gewartet als dieses Mal . Er wartete vergeblich , und wir wissen weshalb . Da er die Sache den Leuten zu Krodebeck so eilig als möglich gemacht zu haben glaubte , so begriff er nicht im mindesten ihr Stillschweigen , und das machte ihn womöglich noch ratloser und zorniger . Er war ratlos im höchsten Grade . Hatte er das Recht , dem Herrn Dietrich Häußler einen Besuch auf seine freundliche Mitteilung zu machen und ihm mit den Fäusten auf den Leib zu rücken ? Was wußte er von dem Grafen Basilides Conexionsky ? In welcher Weise sollte er ihm gegenüber auftreten ? Der Name dieses Herrn war ziemlich häufig in der Unterhaltung seiner Wiener Freunde und Freundinnen aufgetaucht , und jedermann schien eine Ehre darein zu setzen , ihn zu kennen , und es für ein großes Vergnügen zu halten , mit ihm verkehren zu dürfen . Tonie hatte freilich nie von ihm gesprochen , und nun zeigte es sich plötzlich , daß sie ihn jedenfalls genau gekannt haben mußte , daß sie längst im allergenauesten Verkehr mit ihm gestanden haben mußte ! Und was hatte die schöne Emanuele Werdenberg neulich , als er mit ihr nachts von der Villa Wanesch heimfuhr , gesagt ? Alle Augenblicke sah er erschreckt über die Schulter , als ob da eben jemand hinter ihm höhnisch und hell gelacht habe ; und dann lachte er selbst und nannte sich einen Dummkopf und hielt sich vor , wie vielen Ärger , wie viele Sorgen und Unannehmlichkeiten er sich erspart haben würde , wenn er nach dem ersten Besuch in der Laimgruben ruhig nach Italien weitergereist wäre und sich bei Pisa dem Studium der Kamelzucht , seiner Absicht gemäß , gewidmet hätte . » Heut könnt ich mich selber dort auf die Weide geben ! « rief er grimmig . » Dann wäre doch Hoffnung , daß ich einmal wieder in Krodebeck anlangen würde - mit einem Affen auf dem Buckel und einem Tanzbären , einer Querpfeife und Trommel zur Seite . O du lieber Himmel , da fehlte dann wirklich nichts weiter , als daß meine Mutter noch lebte und ihr Vergnügen an diesem Triumphzug haben könnte ! « Im nächsten Moment durchrieselte es ihn wieder heiß und kalt : » Es ist nicht wahr ! Es ist nicht möglich ! Sie spielt nicht mit in der heillosen Posse ! Sie ist nur elend und wird von den andern mit herumgezerrt und kann sich nicht wehren . Beim Satan , weshalb glaube ich ihr denn nicht ? Sie hat nie ein unwahres Wort gesprochen . Ich höre ihre Stimme auf dem Lauenhofe hinter den