Weg mit dem Herrn Leutnant Kind . « Der Afrikaner klopfte dem Jerusalemitaner leise auf die Schulter und sagte : » Ich danke Ihnen , Sie haben Ihre Sache recht gut gemacht und sich wie ein wackerer , treuer Ritter aufgeführt . « » Tat ich das ? Ach Gott , ich weiß es nicht ; aber es ist mir lieb . Mein Herz blutete , als sich die arme gnädige Dame an mich klammerte , und ich hab auch aus der Garderobe den ersten besten Mantel gerissen und ihr denselben um die Schultern gehängt ; doch ich glaube nicht , daß sie es gemerkt hat . Wie hätte ich wissen können , daß sie mich kannte ? Und sie kannte mich , Sidi , und nannte meinen Namen und den Ihrigen . Es wollten verschiedene von den Damen und Herren sie aufhalten oder zu ihr sprechen ; aber sie blickte sie nur an , und sie wichen zurück und erschraken sehr ; sie ließen uns unseres Weges ziehen - « » Und sie taten wohl daran « , murmelte Hagebucher . » Wir waren in der Gasse , wie man auch wohl im Schlafe in demselben Augenblick in allem Glanz und Licht und in der äußersten Finsternis ist . Dann schauderte sie zusammen , und dann sprach sie zum erstenmal zu mir und fragte Wohin gehen wir , Täubrich ? Ich erlaubte mir natürlich , zu meinen , nach Hause oder zu der gnädigen Frau Mutter ; doch sie schüttelte zu beiden Vorschlägen den Kopf und antwortete , sie habe kein Haus mehr und zu ihrer Mutter möge sie nicht . O Sidi , ich hätte sie am liebsten zur Kesselstraße geführt , allein das ging doch nicht gut an , und so gingen wir zu der Frau Majorin Wildberg - ich wußte es eben nicht besser , und dorthin ließ sie sich ruhig führen . « » Gott weiß es immer genau , wem er ein Führeramt aufzulegen hat « , sprach Leonhard Hagebucher ernst ; und lächelnd sagte er : » Täubrich , es werden viele Schneider geboren werden , ehe wieder einer das Licht dieser Welt erblickt , der Ihnen das Wasser reicht . Und nun erlauben Sie mir , Ihnen meinen besten Dank für Ihren Glückwunsch und diesen ausgezeichneten Blumenstrauß abzustatten . « Länger und immer länger zog der Pascha den Hals aus den Schultern , ein unbeschreibliches Grinsen verklärte sein Gesicht , jeder Muskel erwachte wie ein Winterschläfer unter dem belebenden Strahl der Frühlingssonne . » O Himmel , o Je-rusalem , ich bitte tausendmal um Vergebung , das hatte ich ja ganz und gar vergessen ! « » Hat gar nichts zu sagen , Täubrich « , sprach Hagebucher . » Offen gestanden , ich hatte eigentlich im Sinn , Sie wegen Ihrer verführerischen Insinuationen und Ihrer ungemeinen Anlage zur Ausübung aller häuslichen Tugenden recht grausam zu behandeln ; aber - video meliora proboque , das heißt , für diesmal ist ' s wieder nichts , und ich denke , wir lassen es nunmehr dabei bewenden . « Der Pascha sah von neuem ein Gespenst und wich abermals gegen die Wand zurück . » Sie will nicht , Täubrich ! « seufzte Hagebucher . » Sie will nicht ? « schrie der Schneider im höchsten Diskant . » Unter keiner Bedingung . « Täubrich-Pascha setzte sich , fuhr mit beiden Händen durch die Haare und fragte , wie der vollberechtigtste Professor der Logik , der das , was er zu erfahren wünscht , für alle Dinge im Himmel und auf Erden anzugeben weiß : » Gründe ? ! « » Ferdinand ! « antwortete Hagebucher dumpf und fügte noch dumpfer hinzu : » Zwickmüller ! « , und Täubrich-Pascha versank in einen Abgrund , in welchen wir ihm unter keiner Bedingung nachsinken werden ; denn wir würden nicht die Fähigkeit und Kraft in uns finden , wieder aus ihm emporzuschnellen und der alte zu sein . Es kostete freilich den Afrikaner einige Mühe , ihn jetzt zu der nötigen , bewußten Tätigkeit zu wecken ; allein als es gelungen war , wurde er in seiner nervösen Zerschlagenheit sehr lebendig , gab seine Ratschläge klar und deutlich und nahm seine Verhaltungsmaßregeln für die nächste Zeit mit ganz offenen Augen und Ohren entgegen . Um sechs Uhr hielt durch seine Vermittelung Leonhard Hagebucher mit einem Wagen vor der Tür des Majors Wildberg . Ein neuer Tag dämmerte über der Welt , über dem Wege des Herrn von Glimmern , über dem Wege des Leutnants Kind und selbstverständlich auch über dem Wege des Leutnants Hugo von Bumsdorf . Ein dichter Nebel lag um diese Zeit über und zwischen den Bergen von Fliegenhausen , und der Pfad war jetzt fast schwieriger zu finden und gefährlicher zu beschreiten als in den ersten Stunden nach Mitternacht , wo die Luft klar war und der Schnee die Nacht doch ein wenig heller machte . Aber der Leutnant Hugo von Bumsdorf war ein trefflicher Reiter , und , was unter den augenblicklichen Umständen fast noch nützlicher war , er kannte seine Heimatgegend in allen Winkeln und Ecken auswendig ; denn er hatte sie sowohl in seiner unschuldigen Jugend als auch in seinen weniger unschuldigen Jünglingsjahren unsicher genug gemacht . Er erreichte Nippenburg eine halbe Stunde eher , als er für möglich gehalten hatte , und durchtrabte den Ort , leider ohne sich mit vollstem Genuß den tausend heitern Erinnerungen , die sich für ihn mit dem Nest und seinen schlaftrunkenen Philistern verknüpften , hingehen zu können . Er blickte kaum hinauf nach den Fenstern der holden Jungfrauen der Stadt , er fühlte diesmal nicht das Bedürfnis , dem Onkel und der Tante Schnödler einen Possen zu spielen , er fror sehr , und seine Pflicht erlaubte ihm nicht einmal , einen Augenblick vor dem Goldenen Pfau zu halten und um ein Glas Madeira das ganze , noch im tiefen Schlummer liegende Haus vom Keller bis zum Giebel zu erschüttern . Er