Hatte er doch heute schon die weiße Weste ausgelassen . Aber Bonaventura mußte er wenigstens einen Augenblick sprechen ! Er eilte auf den Friedhof und fand den Vetter in der Sakristei der Kirche beschäftigt mit den Anordnungen einer noch im Laufe des Vormittags von ihm bezweckten neuen Einsegnung der entweihten Begräbnißstätte . Bonaventura war nicht nur von dem Fall an sich aufs heftigste erschüttert und von der Hoffnung , der Thäter würde nicht zu seiner Gemeinde gehören , in der größten Aufregung , sondern er war es noch mehr von einigen Gegenständen , die man , als dem freventlich erbrochenen Sarge in der That entfallen , ringsumher zerstreut gefunden hatte .... Mit dem allen fand ihn Benno so beschäftigt , daß er von seinem Freunde gebeten wurde , sich in der Fortsetzung seiner Reise nicht stören zu lassen . Bonaventura setzte mit der ganzen Erregung einer Natur , die in nervöser Anspannung zu leben nicht gewohnt ist , hinzu , daß er nach der vollzogenen Sühne der heiligen Stätte und einer Predigt , die er zur Erschütterung der Herzen , vielleicht zur Entdeckung des Thäters halten müsse , wahrscheinlich den Abend noch selbst in der Dechanei eintreffen würde . Einmal , sagte er , handelte es sich um eine Anzeige beim Amte in Kocher , dann aber vorzugsweise - um einige Andenken an seinen unvergeßlichen Vater , die sich denn also wirklich in dem Sarge vorgefunden hätten ... Andenken , über welche er mit dem Onkel , dem Dechanten , zu sprechen die Zeit nicht erwarten könne . Freund , dich macht der Vorfall krank ! Beruhig dich ! rief Benno . Erzähle nichts dem Onkel ! erwiderte der Pfarrer . Du kennst seine Abneigung gegen alles , was aufregt ... Benno mochte nicht länger forschen , worin die gefundenen Andenken an den Vater bestanden . Er wußte , daß diese Gedankenverbindung um so mehr Trübsinn in dem reinen und kindlichen Gemüthe Bonaventura ' s wecken mußte , als sich dieser seit einiger Zeit die Meinung gebildet hatte , sein Vater lebe noch . Bonaventura hatte sich diese Meinung mit um so ängstlicherer Ungeduld gebildet , als er sogar voraussetzte , der Vater wäre freiwillig aus der Reihe der Lebenden geschieden , nur um seiner Mutter möglich zu machen , seinen jetzigen Stiefvater , Herrn von Wittekind-Neuhof zu heirathen . Wenn er dann gedachte , daß die Kirche die Ehe , auch die unglücklichste , auch die seit Jahren auf einer gegenseitigen Unfähigkeit , die Leidenschaften zu unterdrücken , beruhende und unmöglich gewordene in keiner Weise freigäbe und löste , so hatte schon Bonaventura geglaubt , sein Vater hätte sich den Schein des Todes gegeben , nur um zwei Menschen glücklich zu machen , die auf eigenthümliche Art und , wie er aus den Erzählungen der alten Renate sich entnehmen zu müssen glaubte , keine mehr zu vermeidende Weise in die engste Beziehung gekommen waren . Sieben Jahre waren seitdem vergangen . Jetzt erst kamen ihm diese Zweifel , jetzt in verstärkterer Gewalt . Benno kannte sie und mochte sie um so weniger wecken , als sie mit den wichtigsten und zartesten Lebensfragen im Gemüth des seinem Berufe so begeistert hingegebenen Priesters zusammenhingen und schon oft Gegenstand von Differenzen zwischen ihnen beiden gewesen waren . In der sichern Hoffnung , ihn vielleicht schon am Abend beruhigter in der Dechanei wiederzusehen , nahm er Abschied , setzte sich in den Wagen , mit dem Hedemann auf den Friedhof nachgekommen war , und fuhr , um Lucinden abzuholen , nach dem Stern . Auch diese war von der Meldung des in der Nacht Vorgefallenen nicht wenig überrascht gewesen . Sogleich fragte sie nach dem Gensdarmenwachtmeister . Dieser war schon unmittelbar nach dem Lärm , der beim ersten Morgendienst des Meßners entstanden war und das Frühläuten zum Sturmläuten gemacht hatte , auf die Landstraße hinausgesprengt , dem Knechte nach , der sie gestern gefahren hatte . Man behauptete , daß der Knecht die Nacht im Stall geschlafen , lange Licht gehabt hätte und sich eines Spatens aus dem Garten des Wirthshauses bedient haben müßte , den man nicht finden konnte . Die herkulische Kraft , die zu der Ausführung des Frevels gehörte , ließ sich ihm zutrauen . Nun gab das einen Schwung der Spannung und Erregung ! Lucinde wusch und erfrischte sich so schnell , als könnte sie einen Auflauf versäumen . Ehe noch die Mägde ihre Oberkleider , Hut und Schleier gelüftet und entstäubt hatten , war sie schon mit dem schnell geordneten Kopfe aus dem Fenster . Der Zweispänner , eine stattliche Chaise , stand schon vor dem Hause , ein Kutscher klatschte , Hedemann und der Freiwillige grüßten . So zeitig schon ? rief sie zum Fenster hinaus und zog ihre stehen gebliebene kleine Taschenuhr auf , stellte sie nach dem glänzenden Zifferblatt des Kirchthurms , hing ihr Kreuz um und drängte zur Eile . Nur Milch trank sie , etwas schwarzes Brot aß sie dazu und nach einigen Minuten , obgleich Benno von Asselyn einmal um das andere hinaufrief : Uebereilen Sie sich nicht ! stand sie unten am Wagen . Nachdem sie vor der Hausthür ihre Zeche berichtigt hatte , stieg sie an der Hand Benno ' s ein . Hedemann saß auf dem Bock neben dem Kutscher , der dem Stern angehörte . Für fremde Herrschaften war er ein Postillon , für diejenigen , die unter der Taxe reisten , blieb er in seinen gewöhnlichen Kleidern ; heute aber hatte er sein Horn zu sich gesteckt und blies lustig mit hinein in das allgemeine Juchhe . Es kostete das Strafe , hörten es die Gensdarmen . Grützmacher aber und Müller jagten dem Leichenräuber nach . Nein ! rief jetzt Lucinde , an die Erzählung der Vorfälle sogleich anknüpfend . Mein Kutscher wär ' es gewesen ! Ich glaub ' es nicht ! Ich wette , der Thäter war Herr Grützmacher selbst ! Er hat dem Pfarrer zeigen wollen , daß die Polizei nicht an Phantasieen leidet