feierliche Ruhe bemerken , er sprach gelassener , gefaßter , und wußte namentlich den gekränkten Handwerker bald wieder zu beruhigen . Übrigens entließ er für jetzt die beiden Kameraden , um mit Agnesen und der Schwester allein zu sein und ihnen das Wesentlichste vom Zusammenhang der Sache zu eröffnen . Oft unterbrach ihn der Schmerz , er stockte , und seine Blicke wühlten verworren am Boden . Von dem Inhalt jenes hinterlassenen Schreibens wissen wir nur das Allgemeinste , da Nolten selbst ein Geheimnis daraus machte . Soviel wir darüber erfahren konnten , war es eine kurze , nüchterne , ja für das Gefühl der Hinterbliebenen gewissermaßen versöhnende Rechtfertigung der schauderhaften Tat , welche seit längerer Zeit im stillen vorbereitet gewesen sein mußte , und deren Ausführung allerdings durch Noltens Erscheinen beschleunigt worden war , wiewohl in einem Sinne , der für Nolten selbst keinen Vorwurf enthielt . Auch wäre die Meinung irrig , daß nur das Beschämende der Überraschung den Schauspieler blindlings zu einem übereilten Entschluß hingerissen habe , denn wirklich hat sich nachher zur Genüge gezeigt , wie wenig ihm seine neuerliche Lebensweise , so seltsam sie auch gewählt sein mochte , zu eigentlicher Unehre gereichen konnte . Begreiflich aber wird man es finden , wenn bei der Begegnung des geliebtesten Freundes der Gedanke an eine zerrissene Vergangenheit mit überwältigender Schwere auf das Gemüt des Unglücklichen hereinstürzte , wenn er sich ein für allemal von demjenigen abwenden wollte , mit dem er in keinem Betracht mehr gleichen Schritt zu halten hoffen durfte , und aus dessen reiner Glücksnähe ihn der Fluch seines eigenen Schicksals für immer zu verbannen schien . ( Einige Jahre nachher hörten wir von Bekannten des Malers die Behauptung geltend machen , daß den Schauspieler eine geheime Leidenschaft für die Braut seines Freundes zu dem verzweifelten Entschlusse gebracht habe . Wir wären weit entfernt , diese Sage , wozu eine Äußerung Noltens selbst Veranlassung gegeben haben soll , schlechthin zu verwerfen , wenn wirklich zu erweisen wäre , daß Larkens , wie allerdings vorgegeben wird , kurz nachdem er seine Laufbahn geändert , Agnesen bei einer öffentlichen Gelegenheit , und unerkannt von ihr , zu Neuburg gesehen habe . - Getraut man sich also nicht , hierin eine sichere Entscheidung zu geben , so müssen wir das harte Urteil derjenigen , welche dem Unglücklichen selbst im Tode noch eine eitle Bizarrerie schuld geben möchten , desto entschiedener abweisen . ) » O wenn du wüßtest « , rief Theobald Agnesen zu , » was dieser Mann mir gewesen , hätt ich dir nur erst entdeckt , was auch du ihm schuldig bist , du würdest mich fürwahr nicht schelten , wenn mein Schmerz ohne Grenzen ist ! « Agnes wagte gegenwärtig nicht zu fragen , was mit diesen Worten gemeint sei , und sie konnte ihm nicht widersprechen , als er das unruhigste Verlangen bezeigte , den Verstorbenen selber zu sehen . Zugleich ward ihm die Sorge für den Nachlaß , für die Bestattung seines Freundes zur wichtigsten Pflicht . Larkens selbst hatte ihm diesfalls schriftlich mehreres angedeutet und empfohlen , und Theobald mußte auf einen sehr wohlgeordneten Zustand seiner Vermögensangelegenheiten schließen . Vor allen Dingen nahm er Rücksprache mit der obrigkeitlichen Behörde , und einiger Papiere glaubte er sich ohne weiteres versichern zu müssen . Indessen war es bereits spät am Tage und so trat er in einer Art von Betäubung den Weg nach der Stätte an , wo der traurigste Anblick seiner wartete . Ein Knabe führte ihn durch eine Menge enger Gäßchen vor das Haus eines Tischlers , bei welchem sich Larkens seit einigen Monaten förmlich in die Arbeit gegeben hatte . Der Meister , ein würdig aussehender , stiller Mann , empfing ihn mit vielem Anteil , beantwortete gutmütig die eine und andere Frage und wies ihn sodann einige steinerne Stufen zum unteren Geschoß hinab , indem er auf eine Tür hinzeigte . Hier stand unser Freund eine Zeitlang mit klopfendem Herzen allein , ohne zu öffnen . Jetzt nahm er sich plötzlich zusammen und trat in eine sauber aufgeräumte , übrigens armselige Kammer . Niemand war zugegen . In einer Ecke befand sich ein niedriges Bett , worauf die Leiche mit einem Tuch völlig überdeckt lag . Theobald , in ziemlicher Entfernung , getraute sich kaum von der Seite hinzusehen , Gedanken und Gefühle verstockten ihm zu Eis und seine einzige Empfindung in diesem Augenblicke war , daß er sich selber haßte über die unbegreiflichste innere Kälte , die in solchen Fällen peinlicher zu sein pflegt , als das lebhafteste Gefühl unseres Elends . Er ertrug diesen Zustand nicht länger , eilte auf das Bette zu , riß die Hülle weg und sank laut weinend über den Leichnam hin . Endlich , da es schon dunkel geworden , trat Perse , der Goldarbeiter , mit Licht herein . Nur ungern sah Theobald sich durch ein fremdes Gesicht gestört , aber das bescheidene Benehmen des Menschen fiel ihm sogleich auf und hielt ihn um so fester , da derselbe mit der edelsten Art zu erkennen gab , daß auch er einiges Recht habe mit den Freunden des Toten zu trauern , daß ihm derselbe , besonders in der letzten Zeit , viel Vertrauen geschenkt . » Ich sah « , fuhr er fort , » daß an diesem wundersamen Manne ein tiefer Kummer nagen müsse , dessen Grund er jedoch sorgfältig verbarg ; nur konnte man aus manchem eine übertriebene Furche für seine Gesundheit erkennen , so wie er mir auch selbst gestand , daß er eine so anstrengende Handarbeit , wie das Tischlerwesen , außer einer gewissen Liebhaberei , die er etwa für dies Geschäft haben mochte , hauptsächlich nur zur Stärkung seines Körpers unternommen . Auch begriff ich gar wohl , wie wenig ihn Mangel und Not zu dergleichen bestimmt hatte , denn er war ja gewiß ein Mann von den schönsten Gaben und Kenntnissen ; desto größer war mein Mitleiden , als ich sah , wie sauer ihm