Gesellschaft zu bilden und ihn vor den Fehltritten zu bewahren , zu denen seine Unerfahrenheit im Leben ihn selbst verleitet hatte . Sobald er weit genug sich von Leuenstein entfernt glaubte , miethete er daher Frau Renata in einem artigen , mitten in einer der reizendsten Gegenden belegenen Landhause ein , wo er sie für eine ihm nah verwandte Wittwe ausgab , welche mit ihrem einzigen Kinde in ländlicher Stille zu leben wünsche . Er selbst aber bezog eine damals sehr berühmte , einige Meilen von jenem Landhause entfernte protestantische Universität , wo er förmlich seine Studien begann , die ihm durch die unter Pater Jeronimos Leitung erhaltene klassische Erziehung sehr erleichtert wurden . Seine Erscheinung fiel an diesem Orte niemanden auf , denn man war es in jener Zeit mehr gewohnt als jetzt , Jünglinge erst im reiferen Alter die Universität beziehen zu sehen ; überdem hatte Albert eben erst sein sechs und zwanzigstes Jahr zurückgelegt und sah weit jünger aus , als er eigentlich war . Da er beinahe alle Gesellschaft und besonders öffentliche Orte mied , so wurde seine Existenz kaum bemerkt . Seine einzige Erholung nach wochenlanger Arbeit schränkte sich auf einen Besuch bei seinem Sohne ein , der unter Renatas treuer Pflege recht munter und kräftig heranwuchs . In Leuenstein hatte man indessen , wenige Monate nach Alberts Entfernung in der Zeitung die Nachricht gelesen , daß an der italienischen Küste ein Schiff sammt der ganzen Mannschaft und allen darauf befindlich gewesenen Passagieren zu Grunde gegangen sey . Dabei wurde besonders das Schicksal eines Baron Albert von Leuen mit Bedauern erwähnt , der sich mit seinem Sohne und dessen Wärterin in Triest eingeschifft hatte , um dem noch sehr jungen unmündigen Kinde den Uebergang über die Alpen zu ersparen , und der nun sammt diesen auf so traurige Weise ebenfalls den Tod in den Wellen gefunden hatte . Welchen schmerzlichen Eindruck diese Nachricht sowohl auf Luisen als Oskar und den Baron Meinau machen mußte , ist leicht zu erachten , doch nichts gleicht Alberts tiefem Seelenleiden , als er bald darauf sich im Namen seiner Frau und seines Freundes Meinau in allen Zeitungen auf das dringendste aufgefordert sah , von seinem Leben und seinem jetzigen Aufenthalte Nachricht zu geben , indem man immer noch hoffe , daß jenes Gerücht von seinem Untergange ungegründet gewesen sey . Diese Aufforderungen wurden mehrere Monate hindurch immer rührender und erschütternder wöchentlich wiederholt , und der schwere Kampf zwischen Alberts noch immer unbesiegten treuen Liebe und dem Glauben , daß die Heißgeliebte nur durch seinen anscheinenden Tod das ihr von jeher bestimmt gewesene Glück finden könne , erhob sich denn jedesmal von neuem in seinem Gemüthe . Die Stimme der Gattin und des Freundes lockten ihn mit unaussprechlicher Lieblichkeit aus der Ferne , oft war er nahe daran , den Schritt zurückzuthun , durch welchen er Heimath , Namen , ja seine ganze Existenz auf Erden freiwillig hingab , um nur Luise wahrhaft glücklich zu wissen , aber er hielt dennoch fest an der einmal gewonnenen Ueberzeugung : hier standhaft bleiben zu müssen , um nicht aus schnöder Eigenliebe sowohl an Luisen als an dem edlen Retter ihres Lebens unwürdig zu handeln . Diese quälenden Nachklänge aus seinem vergangenen Leben hörten endlich auf ; doch nun erschien ein volles Jahr nach seiner Abreise von Leuenstein ein Aufruf andrer Art , der ihn von Gerichtswegen ermahnte , sich binnen Jahresfrist zu melden , widrigenfalls er für todt erklärt und seiner Gattin die Erlaubniß ertheilt werden würde zur zweiten Ehe zu schreiten . Albert schwieg und meldete sich nicht , aber noch schmerzlicher als zuvor fühlte er sich tief in der Seele verwundet , obgleich er nichts anders bezweckt und erwartet hatte . Noch gewaltsamer traf ihn die , Freunden und Verwandten gewidmete Ankündigung von Oskars und Luisens Vermählung , die er nach Ablauf des ihm gesetzten Termins ebenfalls in den Zeitungen las . Sie schien ihm der letzte Todesstoß alles seines Hoffens auf Erden , und dennoch hatte er gewähnt , seine Rechnung mit dem Leben ganz abgeschlossen zu haben . Tief erschüttert sank er aufs Krankenbette , wo er mehrere Wochen hindurch in wohlthätigen Fieberphantasien alles vergaß , nur nicht seine Liebe . Als er endlich wieder zum Leben erwachte , schien es ihm selbst , er gehöre schon zu den Todten . Wie ein abgeschiedener Geist überschaute er noch einmal mit jener süßen wehmüthigen Ruhe , die jedes Genesen nach schwerer Krankheit begleitet , den kurzen aber dornenvollen Pfad seiner Vergangenheit , und segnete nun das Geschick , das , indem es ihn aus der Welt stieß , ihm dennoch einen geliebten theuren Zweck seines künftigen Daseyns mit in die Verborgenheit gab , zu der er sich von nun an verurtheilt sah . Nochmals gelobte er sich , denselben mit treuem Eifer sich zu weihen und in Zukunft nur dem Kinde zu leben , das lächelnd wie ein tröstender Engel an seinem Lager stand ; das letzte Band das ihn noch an das Leben fesselte und ihn bewog , es muthig zu tragen . Nachdem Albert vier Jahre auf der Universität verlebt hatte , sah er die Nothwendigkeit ein , ernstlich darauf zu denken sich endlich einen bleibenden Wohnort zu wählen , als plötzlich Frau Renata erkrankte und durch ihren bald darauf erfolgten Tod ihn bestimmte , diesen Entschluß zu beschleunigen . Albert weinte schmerzlich bittre Thränen am Grabe der treuen Pflegerin seines Sohnes ; sie war die Einzige , die noch zuweilen Luisens Namen ihm nannte , und er fühlte sich nun durch ihren Verlust noch mehr verwaiset , als je zuvor . Er ermannte sich indessen wieder , nahm seinen Knaben , der jetzt beinahe fünf Jahre alt , der weiblichen Pflege allenfalls entbehren konnte , und trat mit ihm , von einem einzigen Diener begleitet eine Reise an , um irgendwo in Deutschland einen Ort aufzufinden , in welchem er zwar in tiefer Verborgenheit , doch dem größern Wirkungskreise der Welt nahe genug leben könne ,