, meine Mutter starb , als ich noch ein Knabe war , und auch der Vater verschied in vollster Lebenskraft . Mit zwanzig Jahren stand ich allein , aber in dem Alter überwindet man solchen Verlust . Ich hatte mein schönes Auenfeld , das mir ans Herz gewachsen war , hatte Jugend und Gesundheit und noch eins , was nur wenigen gegönnt wird – einen Freund , der mir das Liebste war auf der ganzen weiten Welt ! Hans Dahlen war der Sohn unseres nächsten Gutsnachbarn , ein paar Jahre jünger als ich , eine jener sonnigen , glücklichen Naturen , die nur zur Freude geschaffen scheinen für sich und andere . « Er hielt einen Augenblick inne und schaute wieder in jenen wallenden Dunst , der jetzt die ganze Fläche des Sees erfüllte . Ohne den Blick davon abzuwenden , fuhr er fort : » Wir waren zusammen aufgewachsen , wir hatten die Knabenspiele und die Studienjahre geteilt , und später , als wir heimkehrten , verging kaum ein Tag , wo wir uns nicht sahen . Ich war ja schon damals ernst , etwas düster angelegt , aber bei Hans war alles nur Lachen , alles froher , überschäumender Lebensmut , und gerade das kettete uns so unlöslich zusammen . Der alte Dahlen drang oft genug in seinen Sohn , doch endlich Anstalt zum Heiraten zu machen , und auch mir las er den Text deswegen , aber Hans lachte dann immer nur in seiner übermütigen Weise und rief : › Ich habe ja den Ulrich , Papa , und er hat mich ! Was sollen wir denn da mit einer Frau anfangen ? Die käme bei uns doch erst in zweiter Linie , und das ließe sie sich schwerlich gefallen ! ‹ Er hatte recht , wir waren Freunde auf Leben und Tod – und sind es ja auch geblieben , bis ans Ende ! « Er sprach halblaut , anscheinend ruhig , aber es lag ein seltsam fremder Klang in seiner Stimme , der verriet , was er sich auferlegte mit dieser Erzählung . Paula hörte mit ängstlicher Spannung zu , und als er plötzlich abbrach , fragte sie leise und mitleidig : » Sie haben Ihren Freund verloren ? Er ist Ihnen gestorben ? « » Nein – gefallen ! « sagte Ulrich plötzlich laut und schneidend : » Ich habe ihn erschossen ! « Mit einem halb unterdrückten Aufschrei des Schreckens fuhr das junge Mädchen auf . » Um Gottes willen – Herr von Berneck ! « » Auf der Jagd ! « vollendete er dumpf . » Es war Verhängnis ! Das trifft wie ein Blitzstrahl , und man bricht zusammen darunter ! « » Aber wie war denn das möglich ? Wie konnte das geschehen ? « brach Paula aus , noch unter dem vollen Eindruck des Entsetzens . » Fragen Sie mich nicht – ich weiß es nicht ! Es war ein einziger , unseliger Augenblick . Mein Schuß krachte – und es war geschehen ! « Paula wagte in der That nicht , weiter zu fragen , sie sah es ja , daß er totenbleich war und daß seine Lippen zuckten , wie im Krampfe . Erst nach einer langen , qualvollen Pause begann er wieder : » Da heißt es immer , es gebe Ahnungen , Warnungsstimmen im Innern des Menschen , wenn er vor einem Unheil steht ! Uns warnte nichts , keine Ahnung , kein Zeichen , wir waren vielleicht nie so glücklich , so jugendfroh gewesen , wie an jenem Tage , wo wir hinauszogen in den frischen Herbstmorgen – die letzte , glückliche Stunde meines Lebens ! Es war die alljährliche große Jagd in Auenfeld , zu der stets die ganze Nachbarschaft geladen wurde , Hans und sein Vater selbstverständlich auch , und diesmal sollte auf Hochwild gepirscht werden , das bei uns ja selten ist . Ich hatte ein paar prächtige Stück in meinem Revier , die geschont worden waren für den großen Jagdtag . Hans und ich waren allen voran . Ich sehe ihn noch vor mir , den schönen , lebensvollen Jungen , mit seinem sprühenden Übermut . › Heut geben wir uns nicht ab mit dem niederen Zeug , Ulrich ! ‹ rief er mir jubelnd zu . › Heut jagen wir Edelwild ! Und das bringen wir heim ! ‹ Dabei lachte ihm die helle Weidmannslust aus den Augen , und ich lachte mit , wir ahnten ja nicht , wie furchtbar das Wort zur Wahrheit werden sollte ! So zogen wir hinein in den herbstlichen Wald , wo der Reif noch auf dem Boden glitzerte und die ersten Sonnenstrahlen mit den Frühnebeln kämpften . Und da drinnen lauerte der Tod auf ihn und auf mich – noch Schlimmeres ! Das Treiben begann , Hans und ich hatten unseren Stand dicht bei einander , die anderen Jäger hatten sich im Walde verteilt und schossen , sobald sich nur ein Wild blicken ließ . Ich rührte mich nicht , ich wartete auf einen Hirsch , der kommen mußte , und er kam auch . Aber Hans war schneller als ich , er schoß zuerst und ich sah das Tier zusammenbrechen . Was dann geschehen ist , das weiß Gott allein ! Hans scheint in der Freude über sein Jagdglück alle Vorsicht vergessen und die sichere Deckung verlassen zu haben . Er wollte wohl zu seiner Beute . Ich hätte das ja vielleicht sehen können , sehen müssen , aber der Jagdeifer machte mich taub und blind gegen alles andere . Ich sah nur , daß eben der zweite Hirsch durchbrach , und legte an . – Das Wild entkam , aber ein anderes , ein Edelwild fiel unter meiner Kugel – Hans lag blutend am Boden ! « » Er war – tot ? « fragte das junge Mädchen kaum hörbar . » Tödlich verwundet ! Die Hilfe war ja augenblicklich da , denn unser Arzt befand sich unter den Jagdgästen