Alter schließt man noch nicht für immer mit dem Glücke ab , und Sie gerade sind am wenigsten für das Alleinstehen geschaffen . Der Ehrgeiz wird nie Ihr ganzes Leben ausfüllen . Sie brauchen die Familienbande . “ Winterfeld antwortete nicht ; er stützte sich auf das Gitter der Veranda und sah auf den See hinaus . Der Doctor legte die Hand auf seine Schulter . „ Georg , blutet die alte Wunde noch immer ? “ Georg wandte sich um . In dem Blicke , der so düster dem seinigen begegnete , fand er eine verwandte Stimmung . „ Es giebt Wunden , die sich niemals schließen , “ versetzte er . „ Ich konnte vielleicht nicht so leidenschaftlich aufflammen wie Andere , was ich aber einmal mit ganzer Seele umfasse , das halte ich auch für immer fest . Ich kann mich nicht davon losreißen , und ich will es auch nicht . “ „ Haben Sie Gabriele in der letzten Zeit wiedergesehen ? “ fragte Brunnow nach einer Pause . „ Ja , und viel öfter , als für meine Ruhe gut ist . Ich verkehre ja jetzt viel in den Kreisen wo sie lebt , und in der Residenz läßt sich ein unerwartetes Zusammentreffen nicht vermeiden . Oft steht sie mitten in irgend einem glänzenden Gewühl von Gästen vor mir , und wir müssen Beide der Begegnung Stand halten , wenn wir auch fliehen möchten , so weit als möglich . Hätte ich sie nicht wiedergesehen seit dem Tage , wo ich sie verlor , es wäre besser gewesen . Diese fortwährenden Begegnungen wühlen immer wieder von Neuem die Vergangenheit auf und rauben mir Kraft und Selbstbeherrschung . Ich leide furchtbar darunter . “ „ Es war also doch nur der Zufall , der Sie herführte ? Ich dachte es . “ Winterfeld sah den Doctor erstaunt an . „ Sie hören ja , daß ich mich auf einer Dienstreise befinde und Sie und Max überraschen wollte . “ „ So hat Ihnen Max noch nicht gesagt , daß die Harder ’ schen Damen hier sind ? “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 37 , S. 614 – 616 Fortsetzungsroman – Teil 29 [ 614 ] „ Wer ist hier ? “ fuhr Georg auf . „ Gabriele ? “ „ Mit ihrer Mutter . Sie wohnen schon seit einigen Wochen drüben in jener Villa . Die Baronin ist etwas leidend und hat sich der Behandlung eines unserer berühmtesten Aerzte anvertraut . Die Anknüpfung eines näheren Verkehrs zwischen uns und den beiden Damen ist natürlich unterblieben . Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen , welche Erinnerung Gabriele abhält , das Haus zu betreten , in dem ich weile . “ „ So ist es gut , daß ich morgen schon abreise , “ sagte Georg in gepreßtem Tone . „ Vielleicht wäre mir auch hier eine Begegnung nicht erspart geblieben , und gerade hier , wo meine Liebe und mein Glück begann , hätte ich das nicht ertragen . “ „ Sie wollen also keine Annäherung versuchen ? Bedenken Sie , Georg , es handelt sich um Ihr Lebensglück . Ich an Ihrer Stelle würde dieses ungeahnte Zusammentreffen gerade für einen Wink des Schicksals nehmen und noch einmal die entscheidende Frage stellen . Die Lebensstellung und noch mehr die Zukunft , welche Sie zu bieten haben , bewahrt Sie vor jeder Demüthigung , selbst wenn Sie um die Hand einer reichen Erbin werben . Sie hatten einst weniger in die Wagschale zu legen , als Sie der Baroneß Harder Ihre Liebe erklärten . “ „ Damals war ich geliebt , “ rief Winterfeld mit aufquellender Bitterkeit , „ oder ich glaubte wenigstens , es zu sein . Jetzt liegt die Abschiedsstunde zwischen uns , in der mir jener Traum vernichtet wurde , und Gabriele wird ihn am wenigsten zurückrufen wollen . Ich sah es oft genug an ihrem scheuen , ängstlichen Ausweichen , wie sehr sie eine Annäherung meinerseits fürchtet . “ „ Und gerade diese Scheu sollte Sie ermutigen , “ warf Brunnow ein . „ Nur an dem Gleichgültigen geht man kalt und fremd vorüber . Wagen Sie es wirklich nicht – ? “ „ Niemals ! “ unterbrach ihn Georg ungestüm . „ Soll ich wieder vor sie hintreten , um zum zweiten Male aus ihrem Munde zu hören , daß ihre Liebe einem Anderen gehört , daß sie selbst über das Grab hinaus nichts weiter kennt und liebt , als nur ihn allein ? Einmal habe ich es ertragen , und das ist genug . – Lassen Sie uns abbrechen , Herr Doctor ! Sie sehen es , ich bin nicht ruhig genug , über diesen Gegenstand zu sprechen . “ Brunnow schwieg . Das Gespräch wurde unterbrochen ; denn Max trat ein , um den Freund wieder in Beschlag zu nehmen . Der Doctor ließ die Beiden allein und zog sich in sein Studirzimmer zurück . Wohl eine Viertelstunde lang ging er dort schweigend in tiefem Nachdenken auf und nieder , dann nahm er seinen Hut und verließ das Haus . – Die Villa , welche Frau von Harder und ihre Tochter gegenwärtig bewohnten , war um Vieles prachtvoller und glänzender eingerichtet , als das kleine Landhaus , das ihnen bei ihrem ersten Hiersein zum Aufenthalte diente . Die Baronin hielt es für unumgänglich nothwendig , jetzt überall das standesmäßige Auftreten zu entfalten , das sie einst so schmerzlich vermißt hatte , und Gabriele fügte sich in allen Aeußerlichkeiten gleichgültig ihren Wünschen . Man hatte auch hier Equipage und Dienerschaft mitgebracht , und Frau von Harder war soeben zur Stadt gefahren , während ihre Tochter sich allein zu Hause befand . Gabriele stand auf der Terrasse , die nach dem See hinausging . Die schlanke Gestalt mit dem blonden Haar und der hellen Kleidung lehnte leicht an