die lustige Gesellschaft , die sich jetzt im Thornfield-Herrenhause aufhielt , und diesen Details hörte Bessie mit großem Interesse zu ; es waren Dinge , die einen großen Reiz für sie hatten . Unter solchen Gesprächen verging eine Stunde gar schnell . Bessie brachte mir meinen Hut und meine Shawls wieder , und von ihr begleitet verließ ich das Parkhüterhäuschen , um mich hinauf ins Herrenhaus zu begeben . Von ihr begleitet war ich auch vor fast neun Jahren den Pfad hinuntergegangen , den ich jetzt hinaufging . An einem düstern , nebeligen , rauhen Januarmorgen hatte ich mit verzweifeltem , erbittertem Herzen ein feindliches Dach verlassen – übermannt fast von einem Gefühl des Geächtetseins , ja , des Verdammtseins – um in den unfreundlichen Hafen von Lowood einzulaufen , in jenem fernen , unbekannten Lande . Und dort stieg nun wieder jenes feindliche Dach vor mir empor . Noch immer waren meine Aussichten zweifelhaft – noch immer schmerzte mir das Herz . Noch immer war ich nur ein einsamer Wanderer auf diesem Erdenball – aber ich hatte ein festeres Vertrauen zu mir selbst und meiner Kraft erlangt ; ich fürchtete mich nicht mehr vor dem Unterdrücktsein . Die schmerzende Wunde , die man mir so grausam in den Tagen meiner Kindheit geschlagen , war jetzt geheilt ; die Flamme des lodernden Hasses war erloschen . » Sie müssen sich zuerst in das Frühstückszimmer begeben ; die jungen Damen werden wie gewöhnlich dort sein , « sagte Bessie , als sie mir vorauf in die Halle trat . Nach einem kurzen Augenblick befand ich mich in dem genannten Zimmer . Jedes Einrichtungsstück stand noch da , wie an jenem Morgen , als ich Mr. Brocklehurst zum erstenmal vorgeführt wurde ; der Teppich , auf dem er gestanden , lag noch vor dem Kamin . Als mein Blick über die Bücherschränke und ihren Inhalt schweifte , war mir ' s als ständen jene zwei Bände » Bewick , Vögel Englands « noch auf ihrem alten Platze auf dem dritten Regal , und Gullivers Reisen und » Tausend und eine Nacht « ständen gerade darüber . Die leblosen Dinge waren ganz unverändert geblieben – die Menschen jedoch waren bis zur Unkenntlichkeit verändert . Ich erblickte zwei junge Damen vor mir ; die eine war sehr groß , fast so groß wie Miß Ingram – sehr mager und knochig , mit fahlem Teint und strengen harten Zügen . Es lag etwas asketisches in ihrem Blick , das noch erhöht wurde durch die außerordentliche Einfachheit eines schwarzwollenen Kleides mit glattem Rock , einem weißen Leinewandkragen , stramm aus der Stirn gekämmtem Haar und einem nonnenhaften Schmuck , der aus einer Schnur Ebenholzperlen mit daranhängendem großen Kruzifix bestand . Es konnte nicht anders sein – dies war Eliza , obgleich ich in ihrem langen , blutleeren Gesicht wenig Ähnlichkeit mit ihrem früheren Selbst entdecken konnte . Und ebenso gewiß mußte die andere Georgina sein , aber nicht jene Georgina , deren ich mich erinnern konnte , – jenes schlanke , blonde Mädchen von elf Jahren . Dies war ein erwachsenes Fräulein , in vollster Blüte , weiß und zart wie Wachs , mit schönen , regelmäßigen Zügen , schmachtenden , blauen Augen und lockigem gelben Haar , Auch sie trug ein schwarzes Kleid ; der Schnitt desselben war aber so verschieden von dem ihrer Schwester – so viel kleidsamer und graziöser – daß es ebenso modern aussah , wie das andere puritanisch erschien . Jede der beiden Schwestern hatte einen Zug von der Mutter – doch nur einen einzigen . Die magere , blasse , ältere Tochter hatte das hervorstehende Auge , – das blühende , üppige , jüngere Mädchen hatte ihr Kinn und ihre Kiefern , – vielleicht waren die Linien ein wenig gemildert , aber dennoch gaben sie dem sonst so schelmischen , üppigen Gesicht einen Zug von unbeschreiblicher Härte . Als ich auf die Damen zuschritt , erhoben sich beide , um mich zu bewillkommnen , und beide redeten sie mich Miß Eyre an . Elizas Gruß wurde in kurzer , abrupter Weise ausgesprochen , ohne daß sie bei ihren Worten auch nur eine Miene verzogen hätte . Nach der Begrüßung setzte sie sich wieder , heftete ihre Blicke auf das Kaminfeuer und schien meine Anwesenheit nicht weiter zu bemerken . Georgina fügte ihrem » Wie geht es Ihnen « noch mehrere alltägliche Bemerkungen über meine Reise , das Wetter u. s. w. hinzu . Sie sprach in langsam gezogenem , schnarrendem Ton und maß mich dabei seitwärts mit vielsagenden Blicken von Kopf bis zu Fuß ; bald musterte sie den Faltenwurf meines braunen Merino-Pelzmantels , bald weilte ihr Auge auf meinem sehr einfachen Reisehute . Junge Damen haben eine merkwürdige Art , einen Menschen wissen zu lassen , daß sie ihn für einen Dummkopf halten , ohne die Worte geradezu auszusprechen . Ein gewisser Hochmut im Blick , Kälte im Wesen , Nonchalance im Ton drücken hinlänglich ihre Gefühle und Ansichten in dieser Beziehung aus , ohne daß sie sich noch besonders durch Unhöflichkeit in Wort oder That zu kompromittieren brauchen . Ein Naserümpfen , ob nun versteckt oder offen , machte jetzt nicht mehr denselben Eindruck auf mich , den es sonst zu üben pflegte . Als ich so dasaß zwischen meinen Cousinen , war ich ganz erstaunt zu finden , wie gleichgiltig mir die vollständige Vernachlässigung der einen und die halbsarkastische Höflichkeit der andern war . Eliza vermochte nicht mich zu demütigen , Georgina konnte mich nicht aus meinem Gleichmut bringen . In der That , ich hatte andere Dinge zu bedenken . Während der letzten Monate waren Gefühle und Empfindungen in mir wach geworden , die so viel mächtiger waren , als irgend welche , die sie zu erregen vermochten – Schmerzen und Freuden hatten in mir getobt , die so viel heftiger und wonniger gewesen , als irgend eine Regung , die sie hervorzurufen imstande gewesen – daß die Mienen dieser beiden Damen mich weder freudig noch