und las weiter . Herr Carovius fuhr mit einem albernen Ausdruck von Schmollen fort : » Wie Sie neulich von mir weggegangen sind , nach dem kleinen Zank , den wir wegen dem Gänsemännchen hatten , da dacht ich nicht , daß Sie blutigen Ernst machen würden . Was sich liebt , das neckt sich , dacht ich mir . Kommst schon wieder , Barönlein , dacht ich , kommst so sicher wie ' s Lachen auf ' s Kitzeln . Na , ich habe mich geirrt . Habe Sie für sanftmütiger gehalten , für nachsichtiger mit einem alten Freund . Man irrt sich eben . « Eberhard blieb stumm . Nun seufzte Herr Carovius und setzte sich schüchtern auf das schmale Kanapee , das an der gelbgetünchten Mauer stand . Fast eine Stunde lang saß er schweigend da und Eberhard empfand weder das Lächerliche noch das Unheimliche in diesem Schweigen und in dem Benehmen seines Gastes . Er las . Auf einmal zog Herr Carovius seine Brieftasche aus dem Rockfutter , klappte sie auf , nahm mit zitternden Fingern einen Tausendmarkschein heraus , legte ihn nebst einem Quittungsformular mit einer hastigen Gebärde auf das Blatt , über welches Eberhards Auge glitt , und ehe sich der Freiherr von seinem Erstaunen erholt hatte , war er bereits verschwunden , hatte die Haustür zugeschlagen und von der Gasse tönte sein geschwindes Trippeln in die Stube . Was für seltsame Lebendige hast du , Welt , und was für seltsame Tote , ging es Eberhard durch den Sinn . 9 Daß zwei so grundverschieden geartete Naturen wie Eberhard und Daniel eben zu der Zeit , wo beide freiwillig auf den Verkehr mit Menschen verzichtet hatten , einander begegneten und näher traten , beruhte auf einer jener Fügungen , die ein Gesetz der Kristallisation oder der Anziehung polarer Kräfte enthalten , so zufällig sie auch scheinen . Das Zusammentreffen ereignete sich am Tag nach jener Wanderung , die Daniel nach Eschenbach unternommen hatte . Als der Morgen anbrach , hatte er sich entschlossen , den Rückweg über Schwabach einzuschlagen , sowohl der Abwechslung wie der geringeren Dauer wegen . Die Sonne brannte noch sengender vom Himmel als am Tag vorher und in den Stunden der größten Glut legte sich Daniel in den Wald . Wie er nun spät am Nachmittag in die Nähe von Schwabach kam , zogen schwere Wolken von Westen herauf , ein unheilverkündender Sturm begann zu wehen , Blitze zuckten über das finstere Firmament , und so sehr auch Daniel seinen Schritt beschleunigte , das Wetter überfiel ihn doch : ehe er den Schutz eines Hauses erreichte , war er am ganzen Leibe naß . Es goß in Strömen weiter ; nach langem Harren mußte er in den Regen hinaus und , vor Nässe und Kälte schlotternd , gelangte er auf den Bahnhof . Als er das Billett nehmen wollte , stand am Schalter vor ihm ein hagerer , apart gekleideter Mann . Daniel mochte sich wohl in seinem Ärger und Unbehagen zu hart an ihn gedrängt haben , denn der Herr wandte sich unwillig um , und Daniel erkannte den jungen Freiherrn in ihm . Eberhard seinerseits erkannte auch Daniel sofort . Es gab nicht leicht ein Gesicht , das so sehr nur einem einzigen Menschen gehören konnte wie das Daniels . Was den Freiherrn nach Schwabach geführt hatte , war die Anhänglichkeit an einen bestimmten Menschen , die er sich seit seiner Kindheit bewahrt hatte . Es lebte dort seine Amme , eine Frau , die ihm von jeher mit rührender Liebe ergeben war , die stolz auf ihn war , als hätte sie in ihm das erlesenste Exemplar der Männerwelt an ihrer Brust gesäugt , und an deren Märchen und Geschichten er sich noch jetzt oft und gern erinnerte . Sie hatte den Werkführer einer Zinngießerei geheiratet , besaß nun selber schon Söhne und Töchter , und Eberhard hatte sich seit Jahren vorgenommen , sie einmal zu besuchen . Dies war nun geschehen . Er hatte nicht viel Freude davon gehabt , er mußte sich sagen , daß ihm der Besuch eine innere Gestalt geraubt hatte , und ob die Amme bei dem Anblick des grämlichen , steifen und hochaufgeschossenen Milchsohnes das Entzücken empfunden , das sie sich ausgemalt , bleibe dahingestellt . Als Eberhard den Zustand gewahrte , in welchem sich Daniel befand , regte sich sein ritterliches Gefühl . Tapfer besiegte er eine Abneigung , die so alt war wie sein Wissen von diesem Mann , und der sich vor wenigen Wochen Abscheu und quälende Eifersucht beigesellt hatten . » Sie sind ins Unwetter gekommen ? « fragte er höflich , obschon in strenger und abweisender Haltung . » Wie Sie sehen , « antwortete Daniel kurz und musterte den Freiherrn mit gerunzelter Stirn . » Sie werden sich erkälten , darf ich Ihnen nicht meinen Mantel anbieten ? « fuhr Eberhard noch höflicher fort , und es war ihm , als tauche hinter Daniel Lenores Antlitz auf , von Blumen umgeben , und lächelte ihm freudig und dankbar zu . Er preßte die Lippen zusammen und verfärbte sich . Daniel schüttelte den Kopf . » Ich bin an allerlei Wetterstürze gewöhnt , « gab er zurück ; » danke . « » So wickeln Sie wenigstens das hier um den Hals ; das Wasser läuft Ihnen ja von den Haaren herunter . « Und Eberhard reichte ihm ein weißes Seidentuch , das er aus der Tasche seines Mantels zog . Daniel machte eine Grimasse , nahm aber das Tuch , schlang es um den Nacken und band einen Knoten unter dem Kinn . » Sie haben recht , « gestand er dann und zog den Kopf zwischen die Schultern , » es erinnert einen gleich an ein warmes Bett . « Eberhard starrte gegen die Lokomotive des einfahrenden Zuges . Plebejer , dachte er geringschätzig . Gleichwohl setzte er sich zu diesem Plebejer ins Kupee dritter Klasse ; und er hatte ein Billett erster