den gebildeten und höheren Ständen zu lange genossen , als daß es ihn nicht rebellisch machen müßte , wenn er ihn plötzlich mit der Umgebung in einer Werkstätte vertauschen müßte . Anderseits ist er auch zu einem Beruf ungeeignet , der eine tiefere Ausbildung erfordert , denn zu einem ernsthaften Studium fehlt ihm Sinn und Ausdauer . Der Staatsrat hat demnach die beste Lösung getroffen , die auch mich von einem Teil meiner Verantwortlichkeit entlastet . Bei der Schreiberei kann sich der Hauser nicht nur zu einem Beamten des niederen Dienstes , sondern bei einigem Fleiß sogar für eine Stelle beim Registratur- oder Rechnungswesen ausbilden . « Hickel hörte der weitläufigen Auseinandersetzung kaum zu . Sie gingen nun zusammen fort ; vor der Hofapotheke verabschiedete sich Hickel , um sich , wie er sagte , ein Pülverchen gegen Schlaflosigkeit verschreiben zu lassen . Auf dem Nachhauseweg wurde Quandt vom Hofrat Hofmann sehr freundlich gegrüßt , eine Tatsache , die hinreichend war , seine mürrische Stimmung ungemein aufzuheitern . Beim Mittagessen , es gab Kalbsbrust und Ochsenmaulsalat , wurde er sogar lustig und trieb allerlei Scherze mit seiner Gattin . Aber wie es bei seriösen Naturen der Fall zu sein pflegt , geriet seine Aufgeräumtheit ziemlich ins Plumpe . Unter anderm nahm er das Messer und fuchtelte der Lehrerin lachend damit vor der Nase herum . Da erblaßte Caspar , stand auf und sagte : » Um Gottes willen , Herr Lehrer , legen Sie doch das Messer weg , ich kanns nicht sehen . « Quandt , gleich wieder verdrießlich , brummte : » Na , hören Sie mal , Hauser , ein solches Betragen schmeckt stark nach Affektation . « » Sie sind ein schöner Tappel , « sagte die Lehrerin , » ein Mann muß mutig sein . Was wollen Sie denn tun , wenns mal Krieg gibt ? Da heißt es mit Anstand sterben . « » Sterben ? Nein , da sag ich Dank , sterben mag ich nicht « , erwiderte Caspar hastig . » Und doch haben Sie sich damals vor dem Polizeileutnant in einer höchst widerwärtigen Weise über denselben Punkt geäußert « , ließ sich Quandt vernehmen . » Nein , so feig , « fuhr die Lehrerin fort , » mit dem Kadetten Hugenpoet von den Dragonern haben Sie sich letzten Sommer ja auch einmal so feig benommen . « » Was ist denn das für eine Geschichte ? « erkundigte sich Quandt , » davon weiß ich gar nichts . « » Er war doch mit dem Kadetten oft beisammen ; der hat dem Hauser immerzu vorgeschwärmt , er soll Soldat werden , in ein paar Jahren brächt er es leicht zum Offizier . Wär ja nicht so übel , die Kadetten haben es gut und kommen schnell vorwärts . Unser Hauser war auch begeistert von der Idee , aber auf einmal war die Freundschaft aus . « » Ei , und aus welchem Grund ? « » Das war so . An einem Abend im September ist er mit dem Kadetten am Rezatufer spazieren gegangen , und sie sind zu einer Stelle gekommen , wo viele Knaben und Burschen sich gebadet haben , denn es war furchtbar warm an dem Tag . Der Kadett sagt , das wollen wir auch machen , zieht sich aus und will den Hauser überreden , gleichfalls zu baden . Der war aber zu Tod erschrocken von dem Vorschlag und sagt , ins Wasser geht er nicht . Das hören die andern , steigen heraus , stellen sich um ihn herum , verspotten ihn und wollen ihn mit Gewalt ins Wasser bringen . Da reißt er sich los , eh ' man sichs versieht , ist er in seiner Höllenangst über die Felder davongelaufen , und die nackichten Kerle höhnen hinter ihm her . Dem Kadetten wars zu bunt , und er sieht ihn nicht mehr an seitdem . Ists wahr , Hauser , oder nicht ? « Caspar nickte . Der Lehrer schüttelte sich vor Lachen . Ein paar Tage später kamen Frau von Imhoff und das Fräulein von Stichaner , um Caspar zu besuchen . Die Lehrerin , stolz auf die vornehmen Gäste , wich nicht vom Fleck . Der Unterhaltung zuliebe und weil ihr nichts Gescheiteres einfiel , erzählte sie im Beisein Caspars abermals die Geschichte mit dem Kadetten und dem verweigerten Bad , doch hatte sie nicht denselben Erfolg wie vor ihrem Ehegemahl . Die beiden Damen hörten schweigend zu . » Solche Feigheit ist eigentlich nicht schön « , bemerkte das Fräulein von Stichaner dann auf der Straße gegen Frau von Imhoff . » Man kann es nicht gut Feigheit nennen , « antwortete diese ; » er liebt das Leben zu sehr , das ist es . Er liebt das Leben wie ein Toller , wie ein Tier liebt er es , wie ein Geizhals sein Gold . Er hat mir selbst gestanden , daß er jedesmal vor dem Einschlafen Angst hat , sein Schlaf könne sich ihm unbewußt in Tod verwandeln , und er betet , Gott möge ihn doch ganz gewiß am andern Morgen wieder aufwachen lassen . Nein , es ist nicht Feigheit ; es ist vielleicht die Ahnung einer großen Gefahr , auch der Trieb , viel Versäumtes nachzuholen . Man muß ihn nur manchmal sehen , wie er sich freuen kann , und über das Allergeringste , woran jeder andre stumpf vorübergeht . Seine Freude hat etwas Großartiges , etwas Erdentrücktes , so wie seine Furcht und seine Traurigkeit etwas Schauerliches haben . « Zu Hause wurde Frau von Imhoff durch einen Brief ihrer Freundin , der Frau von Kannawurf , überrascht , doppelt angenehm überrascht , da Frau von Kannawurf , sie weilte gegenwärtig in Wien , schrieb , sie wolle im März nach Ansbach kommen . In dem Brief war überdies viel von Caspar die Rede . » Ich habe in den letzten Tagen die Feuerbachsche Schrift gelesen , « hieß es