vor dieser Weltanschauung . Aber er konnte es nicht verhindern , daß sich ihm die Dinge in die Augen drängten , und daß er sich selbst neuerdings auf Gedanken ertappte , die ihm noch vor kurzem verbrecherisch erschienen wären . * * * Gustav und Häschke fuhren in die Stadt ein . Schon lange hatte man an den vereinzelten Häusern mitten im Felde , den Bauplätzen und halbfertigen Straßenreihen , den Feuermauern , Essen und Etablissements aller Art die Stadt gemerkt . Aus dem Kohlendunst , der , einer düsteren Wolke gleich , am Horizonte stand , konnte man schließen , daß es ein industrielles Zentrum sei . Sobald man in den mächtigen Bahnhof mit seiner glasbedachten Halle eingefahren war , übernahm Häschke die Führung ; er war auf diesem Pflaster wohlbekannt . Das erste , was er tat , war , sich an einer Straßenecke eine Zeitung mit Wohnungsanzeiger zu kaufen ; darin hatte er bald gefunden , was er suchte : » Schlafstellen für Handwerksburschen und Zugereiste noch zu haben bei Müller auf der Feldstraße « . Häschke kannte die Feldstraße nicht . Aber es war erstaunlich , wie er sich durch die große Stadt zum Ziele fand . Ein- , zweimal wurde gefragt - nicht der Polizist , » denn der wird dir bloß grob , wenn du keinen guten Rock anhast ! « - erläuterte Häschkekarl . Bei Müller auf der Feldstraße mußten sie vier Treppen steigen . Der Mann war in der Fabrik , die Frau zeigte die Schlafstellen . In einer Dachkammer , deren Decke schräg abfiel , standen fünf Betten so eng nebeneinander , daß die hinteren Schlafburschen über die Betten der vorderen steigen mußten . Zwei Betten waren besetzt , » an junge Leute , die auch Arbeit suchen « , wie die Frau mit einem Blicke auf die Berliner der beiden sagte ; sie hatte die Fremden mit Kennerblick sofort richtig eingeschätzt . Man mußte , um zu der Dachkammer zu gelangen , durch das Familienzimmer der Vermieter gehen . Zwei nicht gerade saubere Kinder krochen auf der Diele umher , ein anderes lag im Schlafkorb . Die Frau sah leidend aus und abgehärmt . Häschke fragte nach dem Preis des Bettes . » Zwei Mark die Woche ! « lautete die zaghafte Antwort . Häschke meinte , das sei viel , handelte aber nicht . Den gutmütigen Gesellen dauerte die Frau . Man wurde handelseinig . Die Wanderburschen legten die » Berliner « ab und suchten sich sein zu machen ; man war ja in der Stadt ! Die Wirtin gab dazu ihr eigenes Waschbecken her ; auch ein Stück Seife und ein Handtuch fand sich herzu . Man war schnell in gutes Einvernehmen mit der Frau gekommen . Häschke hatte das Wohlgefallen der Mutter durch kleine Späßchen mit den Kindern zu erobern verstanden . Die beiden verspürten Hunger . Häschke entsann sich einer Kneipe , in der er früher , als er hier als Schlosserlehrling gearbeitet , oft verkehrt hatte . Dort würde man auch allerhand erfahren , was in der Welt vorgehe . Man befand sich im Fabrik- und Arbeiterviertel der Stadt . Auch jene Kneipe entsprach der Umgebung : nüchtern , einfach , für die Verhältnisse des kleinen Mannes berechnet . Häschke rekognoszierte , ehe man eintrat , das Schild . Es war noch der alte Name ; also würde wohl auch der alte Geist hier walten . Man betrat das Lokal . Häschke gab sich als ein alter Kunde der Wirtschaft zu erkennen . Der Wirt schmunzelte verständnisvoll und erklärte , sich seiner noch ganz gut zu entsinnen . Während der bestellte Imbiß für die beiden zubereitet wurde , setzte sich der Wirt zu ihnen an den Tisch . Er schien ein geistig reger , gut unterrichteter Mann zu sein . Häschke erfuhr von ihm im Laufe einer Viertelstunde alles , was er wissen wollte . Die Lage des Arbeitsmarktes war zurzeit eine gedrückte . Für Zugereiste gab es so gut wie gar keine Anstellungsaussichten . Besonders in der Maschinenbranche , nach der sich Häschke erkundigt hatte , gingen die Geschäfte ganz flau . Die Fabriken arbeiteten nur , um nicht schließen zu müssen . Die großen Unternehmer wollten die Krisis benutzen , sich einer Anzahl Arbeiter zu entledigen und dann die Löhne der übrigen zu drücken . Dazu gab es eine Menge Arbeitsloser , die sich von Tag zu Tag durch Zuzug aus den Kohlenrevieren vermehrten , wo seit einem Monat Streik herrschte . Große Demonstrationen der Arbeitslosen hatten bereits stattgefunden , fast jeden Abend gab es Volksversammlungen ; die Polizei hatte zu tun . Kurz , es ging allerhand Interessantes vor ! Der Wirt schmunzelte wiederholt bei seinem Berichte . Ihn erregten diese Dinge durchaus nicht ; er fuhr unter allen Umständen gut . Je mehr Unzufriedene , desto stärker der Besuch seines Lokales . - Alles war hier darauf berechnet , dem Proletarier zu schmeicheln ; kein Bourgeoisblatt war zu erblicken , nur Zeitungen einer bestimmten politischen Richtung . Hier bekam Gustav zum ersten Male in seinem Leben Blätter in die Hand , welche er nur aus Verwarnungen der Vorgesetzten dem Namen nach kannte , die er nie anders als mit Abscheu und Entrüstung hatte nennen hören . In einem Kasten unter Glas lagen Parteischriften . Der Wirt war vertraulicher geworden , sobald er gemerkt , daß er in Häschke einen sicheren Genossen vor sich habe . Gustav hörte mit Staunen der Unterhaltung zu . Noch niemals hatte er so freie Reden gehört . Die urteilten über Personen , Behörden , Einrichtungen , die er für unantastbar gehalten hatte , mit einer Geringschätzung , daß ihm eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken lief . Er verstand nicht alles , was sie sagten , denn sie brauchten Ausdrücke und Wendungen , die ihm nicht geläufig waren . Noch war ihm alles das neu und unheimlich , und doch zog es ihn an . Abends ging es in eine Volksversammlung . Gustav hatte