Hut und Mantel an das offene Fenster . Die dreißig Minuten fieberhaften Wartens wurden ihr länger , als ihr die ganze Nacht erschienen war . Endlich klangen die vier ersehnten Schläge . Kitty huschte zur Tür . Mit jedem Augenblick hoffte sie Willys leisen Schritt zu hören . Minute um Minute verrann , und draußen im Korridor blieb alles still . » Er hat verschlafen ! « Sie schlich in das Zimmer des Bruders . » Willy ! « rief sie leise in den dunklen Raum . Kein Laut . Sie tastete sich zum Bett , um den Siebenschläfer aufzurütteln . Ihre Hände griffen in leere Kissen . Erschrocken machte sie Licht . Das Zimmer war leer . Eine dunkle Angst umklammerte ihr das Herz . Dann fiel ihr ein , wie energisch Willy sich am vergangenen Abend ihrem Plan zuerst widersetzt hatte . Und nun mußte sie denken , daß sein Versprechen nur eine Ausflucht war : er wollte die Schwester beruhigen , um ungestört seine Absicht auszuführen und noch in der Nacht die Reise nach München anzutreten - allein ! Kitty stand eine Weile ratlos . Dann nickte sie entschlossen vor sich hin und löschte das Licht . Mit lautloser Hast kehrte sie in ihr Zimmer zurück und griff nach dem kleinen Lederkoffer , an dem sie so schwer zu tragen hatte , daß ihre Kräfte schon versagen wollten , noch ehe sie die Ulmenallee erreichte . Der Morgen begann zu dämmern , und leise zwitscherten die Meisen und Finken . Auch im Adlerkäfig war es schon lebendig ; emsig putzten die fünf Raubvögel ihr Gefieder . Als Kitty , mühsam atmend unter der Last des Koffers , an dem Käfig vorüberkam , streckten die Adler ihre Hälse . Ein Zufall führte auf der Straße einen Holzknecht vorüber , der seiner Arbeit nachging . Auf Kittys Bitte trug er den Koffer bis zum Mooshof . Hier mußte sie lange an die Fenster pochen . Endlich erschien der Mooshofer , der sein Räuschlein erst zur Hälfte ausgeschlafen hatte . Ein Schimmel wurde vor das Bernerwägelchen gespannt , und während Kitty zum Sitzbrett hinaufkletterte , tönte von den Bergen herab , aus weiter Ferne , der verwehte Hall eines Schusses . Kitty überhörte den rollenden Laut , ihre Aufmerksamkeit war mit dem Schimmel beschäftigt , der einen zweifelhaften Trab entwickelte . Im Verlaufe der Fahrt hatte sie Mühe , den Mooshofer , dem immer wieder die Augen zufielen , munter zu erhalten . Schließlich nahm sie selbst die Zügel und schwang die Peitsche . Aber der Schimmel hatte eine geduldige Haut und ließ sich in seiner Gemütsruhe nicht stören . Die Station war kaum in Sicht , da hörte man schon die Lokomotive zum Abschied pfeifen . Vier Stunden bis zum nächsten Zug ! Und seine Ankunft in München : drei Uhr nachmittags ! In Verzweiflung debattierte Kitty mit dem Stationsvorstand , dessen von » strengen Vorschriften « umpanzertes Herz sich endlich erweichte . Auf einer Draisine ließ er Kitty bis zur Kreuzungsstation der Hauptbahn befördern , damit sie einen Zug erreichen konnte , der kurz vor ein Uhr in München eintreffen mußte . Die Sache glückte . Kitty nahm ein Kupee erster Klasse für sich allein und ließ die Tür versperren . Der Kondukteur machte große Augen , als er in München das Kupee wieder aufschloß und an Stelle des staubgrauen Falter , der zwei Stunden früher hier untergeschlüpft war , einen weißen Schmetterling ausfliegen sah . Kittys Erscheinen erregte Aufsehen . Im Sturmschritt eilte sie zum Ausgang und rief nach einer Droschke . » Zur Frauenkirche ! Schnell ! « Sie sprang in den Wagen und fiel erschöpft in die Kissen . » Zwanzig Minuten nach ein Uhr ! « jammerte sie und trommelte an das vordere Fenster des Wagens . » Schneller ! Schneller ! « Nun kam die letzte Häuserecke , und in der Tiefe einer schmalen , zum Domplatz führenden Gasse tauchten die altersgrauen , gewaltigen Türme der Frauenkirche auf . » Endlich ! « stammelte Kitty und nahm für den Kutscher ein Geldstück aus der Börse . Die Ungeduld kam ihr in die Füße , und in dem schaukelnden Wagen von einer Wand an die andere taumelnd , streckte sie bald rechts , bald links das Köpfchen zum Fenster hinaus . Nun lenkte die Droschke auf den Domplatz ein , und kaum hatte Kitty einen Blick nach dem Portal der Kirche geworfen , da erschrak sie , daß ihr das Blut aus den Wangen wich . Die Trauung mußte schon vorüber sein . Eine Reihe von drei Kutschen fuhr in raschem Trab gegen die innere Stadt . Ein letzter Wagen hielt noch vor dem Dom , und neben dem offenen Wagenschlag standen zwei Herren , die sich mit einem Händedruck voneinander verabschiedeten . Der ältere verschwand um die Ecke der Kirche - Professor Werner . Der jüngere gab dem Kutscher eine Weisung . Da hörte er seinen Namen rufen und zuckte beim Klang dieser Stimme zusammen . » Herr Forbeck ! « Als er sich wandte , sah er Kitty aus der Droschke springen . Von den Falten des weißen Kreppkleides umflattert , die weiten Ärmel des duftigen Schwanenpelzes aufgebläht gleich einem schimmernden Flügelpaar , so kam sie auf ihn zugelaufen und streckte die Hände . Das Wort erstarb ihm , doch seine Augen hingen an ihr , leuchtend , mit trinkendem Blick . Kitty fand zuerst die Sprache . » Gott sei Dank ! « Das klang so freudig , als wäre alle Erregung , Unruhe und Erschöpfung von ihr gewichen . » Komtesse Kitty ! « stammelte er . » Und allein ? Wie kommen Sie nach München ? « » Das können Sie fragen ? Und stehen vor mir in Frack und weißer Binde ! Glauben Sie denn , ich hätt ' es über mich gebracht , meinen Tas heut ohne die Schwester zu lassen ? « » Aber die Trauung ist schon vorüber ! « » Das merk ' ich