vor der Majestät des Todes . Lange , lange blieb er unbeweglich . - Ich konnte mein Auge nicht von ihm wenden . Was mochten für Gedanken durch seine Seele ziehen - was für Gefühle durch sein Herz , welches doch - das wußte ich - ein gutes und ein weiches Herz war ? Es überkam mich , als könnte ich ihm nachfühlen , als könnte ich gleichzeitig mit ihm die Gedanken denken , die seinen gesenkten Kopf durchkreuzten : ... Ihr , meine armen Tapferen ... gestorben ... und wofür ? ... Wir haben ja nicht gesiegt ... mein Venedig ! Verloren ... so Vieles , so Vieles verloren ... auch euer junges Leben ... Und ihr habt es so opfermutig hergegeben ... für mich ... O könnte ich es euch zurückgeben ! Ich , für mich , habe ja das Opfer nicht begehrt - für euch , für euer Land , ihr meine Landeskinder , seid ihr in diesen Krieg geführt worden ... Und nicht durch mich ... wenn es auch auf meinen Befehl geschehen - hab ' ich denn nicht befehlen müssen ? Nicht meinetwillen sind die Unterthanen da - nein , ihretwillen bin ich auf den Thron berufen ... und jede Stunde wäre ich bereit , für meines Volkes Wohl zu sterben ... O , hätte ich meinem Herzensdrang gefolgt und nimmer » ja « gesagt , wenn sie Alle um mich herum riefen : » Krieg , Krieg ! « ... Doch - konnte ich mich widersetzen ? Gott ist mein Zeuge , ich konnte nicht ... Was mich drängte , was mich zwang - ich weiß es selbst nicht mehr genau - nur so viel weiß ich - es war ein unwiderstehlicher Druck von außen - von euch selber , ihr toten Soldaten ... O wie traurig , traurig , traurig - was habt ihr nicht Alles gelitten und jetzt liegt ihr hier und auf anderen Wahlstätten - von Kartätschen und Säbelhieben , von Cholera und Typhus hingerafft ... O hätte ich » nein « sagen können ... du hast mich darum gebeten , Elisabeth ... O hätte ich ' s gesagt ! Der Gedanke ist unerträglich , daß ... ach , es ist eine elende , unvollkommene Welt ... zu viel , zu viel des Jammers ! ... Immer noch , während ich so für ihn dachte , haftete mein Auge an seinen Zügen , und jetzt - ja es war » zu viel , zu viel des Jammers « - jetzt bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen und brach in heftiges Weinen aus . So geschehen am Allerseelentag 1866 auf dem Totenfelde von Sadowa . Fünftes Buch Friedenszeit Die Stadt Berlin fanden wir in hellem Jubel . Jeder Ladenschwengel und jeder Eckensteher trug ein gewisses Siegesbewußtsein zur Schau . » Wir haben die Andern drunter gekriegt « : das scheint doch eine sehr erhebende und unter der ganzen Bevölkerung verteilbare Empfindung zu sein . Dennoch , in den Familien , die wir aufsuchten , fanden wir so manche tiefniedergeschlagene Leute , solche nämlich , welche einen unvergeßlichen Toten auf den deutschen oder böhmischen Schlachtfeldern liegen hatten . Am meisten fürchtete ich mich , Tante Kornelie wiederzusehen . Ich wußte , daß ihr herrlicher Sohn Gottfried ihr Abgott , ihr Alles gewesen , und ich konnte den Schmerz ermessen , der die arme beraubte Mutter jetzt erdrücken mußte - ich brauchte mir nur vorzustellen , daß mein Rudolf , wenn ich ihn großgezogen hätte ... nein , den Gedanken wollte ich gar nicht ausdenken . Unser Besuch war angesagt . Mit Herzklopfen betrat ich Frau von Tessows Wohnung . Schon im Vorzimmer bekundete sich die im Hause herrschende Trauer . Der Diener , der uns einließ , trug schwarze Livree ; im großen Empfangszimmer , dessen Sitzmöbel mit Überzügen bedeckt waren , war kein Feuer angezündet und die Spiegel und Bilder an den Wänden waren sämtlich mit Flor verhängt . Von hier wurde uns die Thüre nach Tante Korneliens Schlafzimmer geöffnet , wo sie uns erwartete . Dasselbe , ein sehr großer , durch einen Vorhang - hinter welchem das Bett stand - geteilter Raum , diente Tante Kornelie jetzt als beständiger Aufenthalt ; sie verließ nie mehr das Haus , außer um allsonntäglich in den Dom zu gehen - und nur selten das Zimmer , nur täglich eine Stunde , welche sie in Gottfrieds gewesenem Studierkabinett verbrachte . In diesem war Alles auf derselben Stelle stehen und liegen geblieben , wie er es am Tage seiner Abreise verlassen . Sie führte uns im Laufe unseres Besuches hinein und ließ uns einen Brief lesen , den er auf seine Mappe gelegt : » Meine einzige , liebe Mutter ! Ich weiß ja , meine Herzliebste Du , daß Du nach meiner Abfahrt hierherkommen wirst - und da sollst Du dieses Blatt finden . Der persönliche Abschied ist vorbei . Desto mehr wird es Dich freuen und überraschen , noch ein Zeichen zu entdecken , noch ein letztes Wort von mir zu hören , und zwar ein frohes , hoffnungsvolles . Sei guten Muts : ich komme wieder . Zwei so aneinander hängende Herzen , wie die unseren , wird das Schicksal nicht auseinander reißen . Meine Bestimmung ist es , jetzt einen glücklichen Feldzug zu überstehen , Sterne und Kreuze zu erringen - und dann : Dich zur sechsfachen Großmutter machen . Ich küsse Deine Hand , ich küsse Deine liebe sanfte Stirn - o Du aller Mütterchen angebetetstes . Dein Gottfried . « Als wir bei Tante Kornelie eintraten , war dieselbe nicht allein . Ein Herr in langem , schwarzem Rocke , auf den ersten Blick als Pastor erkenntlich , saß ihr gegenüber . Die Tante erhob sich und kam uns entgegen ; der Pastor stand gleichfalls von seinem Sitze auf , blieb aber im Hintergrunde stehen . Was ich erwartet , geschah : als ich die alte Frau umarmte , brachen wir beide , sie und ich , in