auch die am tiefsten von der Not Bedrängten , Mutter und Sohn , waren nicht gestimmt zu einem Gebet mit Sangesklang . Dann trat der Professor vor den Altar und hielt eine Ansprache über das Heilandsgebot : » So dein Bruder an dir sündigt , so strafe ihn , und so er sich bessert , vergib ihm . « Gewißlich das rechte Gebot in dieser Stunde und mit bewegter Seele auch ausgedeutet , wie es dem Priester gebührt : den Folgesatz an der Spitze . Aber die schwere Aufgabe dieser Stunde war zur Erleichterung jedes einzelnen unter die Berufenen verteilt worden , und der Folgesatz hatte einen Vordersatz , dessen Klarlegung dem Rat vom obersten Gerichtshof , als Vertreter der weltlichen Gerechtigkeit , sach- und fachgemäß zustand . Daß dieser seine Aufgabe lösen werde sonder Ansehn der Person , daß er streng nach dem Gesetzeslaut deduzieren und urteln werde , durfte von einem preußischen Richter selbst in einem Familienrat vorausgesetzt werden . Er verlas aus dem Landrecht die Paragraphen , gegen welche der Angeklagte gefrevelt hatte : durch die Aneignung fremden Eigentums , durch seine heimliche Auswanderung vor erfüllter militärischer Dienstpflicht , durch seine Flucht aus der vormundschaftlichen Gewalt . Er verlas auch das Strafmaß , das auf diese Vergehen gesetzt war , und das Maß war kein geringes . Dies vorausgeschickt , glaubte das rechtsbeflissene Mitglied der Familie sich bei alledem - vielleicht nicht ohne gelinde Beugung seines staatlichen Gewissens - zu dem Antrage befugt : in Betracht der Jugend des Übeltäters , in fernerweitigem Betracht , daß durch den rechtzeitigen Eingriff eines Dritten die sträfliche Handlung hinsichtlich der beiden letzten Anklagepunkte beim Versuche geblieben sei : die dem Staate zustehende Pflicht der Strafe in diesem besonderen Falle auf die Familie zu übertragen ; unter der selbstverständlichen Voraussetzung , daß eine so gläubig in sich gefestete Familie wie diese das Maß der Buße dem des Vergehens adäquat bemessen und die bürgerliche Gesellschaft vor fernerer Schädigung durch den jungen Übeltäter schützen werde . Dieser kriminalistischen Klarlegung , vorgetragen im allerernsthaftesten Ernst , angehört dagegen mit allseitig zerstreuten oder gleichgültigen Mienen , folgte eine Pause atemloser Spannung für die Mutter , ihren Sohn und dessen Freund . Wem von ihnen wäre auch nur einen Augenblick der Gedanke an die materielle Statthaftigkeit eines Rechtsschutzes und Strafaktes von seiten des Fiskus in den Sinn gekommen ? Dahingegen die Frage , in welcher Weise die so gläubig in sich gefestete Familie solchen Rechtsschutz und Bußakt fordern werde , schwer die Herzen jener drei belastete . Die übrigen Familienglieder waren über diese Frage schlüssig geworden in einer schlummerlosen Nacht ; auch die jungen Schwestern hatten der Entscheidung zugestimmt , wennschon mit zerrüttetem Herzen ; auch Lydia , und sie sogar mit gehobenem Herzen . Es handelte sich nur noch , dem verlorenen Sohn , und vornehmlich seiner Mutter , den Beweis zu führen , daß um seiner eigenen Existenz wie um der Ehre und Ruhe seiner Angehörigen willen keine andere Wahl als die getroffene zu treffen war . Und diese Darlegung hatte der Kammerherr von Behrmann , Phöbes Gatte , übernommen . Nach dem Priester und Richter war die Reihe an dem Kavalier . » Welch eine Zukunft , « so fragte er , » bleibt einem jungen Edelmann , der wohlbegabt und wohlgebildet , in zurechnungsfähigem Alter , von der Scheu vor geistiger Anstrengung und christlicher Zucht sich so weit treiben ließ , die natürlichsten und heiligsten Bande schnöde zu zerreißen und als Abenteurer in die Welt zu gehen ? Der , um seiner eigenen Ruchlosigkeit zu frönen , unter trügerischen Vorwänden sich die erforderlichen Mittel erschwindelt , seine Habseligkeiten - gespendete Wohltat seiner schwesterlichen Versorgerin - heimlich verschleudert , ja , sich sogar an dem Eigentum eines Fremden vergreift , eines dürftig von anstrengender Arbeit lebenden Heimatsgenossen , des Schützlings seiner edlen mütterlichen Ahnen ? Selbst für den Fall , daß infolge vorbeugender Maßnahmen , welche die Dankbarkeit diesem braven jungen Manne eingegeben hat , der schmähliche Handel als Geheimnis in einem kleinen Kreise gewahrt bleiben sollte - was im höchsten Maße zu bezweifeln ist - , selbst für den Fall , daß , verborgen vor den Augen der Welt , sich eine Umkehr wirkende Buße hätte ersinnen lassen - was keinem seiner nächsten Angehörigen gelungen ist - , selber in diesen günstigsten Fällen : welche Laufbahn könnte in unserem Staate einer betreten , oder in welcher könnte er sich behaupten , der in seinen eigenen Augen und in denen , sei es auch nur eines Dutzend Menschen , ein Betrüger ist , ja ein Dieb ? Der Jüngling hat sich auf den im Blute der Hartenstein ererbten Soldatenberuf gesteift : Leutnant von Hartenstein , kann einer dem Verbande eines Offizierkorps angehören , den , sei es auch nur ein Dutzend Menschen , als Betrüger kennen , ja als Dieb ? « Der Leutnant von Hartenstein antwortete kleinlaut : » Nein « , und daß er dabei rasselnd an seinen Säbel schlug , geschah wohl weniger , um das Nein zu verstärken , als es den Ohren des brüderlichen Betrügers und Diebes unhörbar zu machen . Der Kammerherr von Behrmann aber hatte das Nein gehört und durfte sich darauf berufen . » Sein edler Vater , « so fuhr er fort , » hatte für den Sohn den geistlichen Beruf erwählt . Des Sohnes störriges Widerstreben trieb ihn in die Sünde . Gesetzt den Fall , die Strafe der Sünde wirke Reue , die Reue Besserung : kann einer als Gottes Priester die Gebote , die auf den Gesetzestafeln geschrieben stehen , verkünden , der weiß und von dem auch nur ein Dutzend Menschen weiß , wie schwer er selber gegen mehr als eines dieser Gebote gesündigt hat ? « Die beiden Priester der Versammlung schüttelten schweigend die grauen Häupter . Da sie redliche Priester und sich wohl bewußt waren , daß schon aus manchem freiheitslüsternen Adamssohne mit der Zeit ein um so eifermütigerer Apostel geworden ist , galt ihre schweigende Verneinung gewißlich