seinem Innern : Sie haben dich , weil sie dich nicht für ihres Gleichen halten , nicht nach deiner Ehre , sie haben dich wie eine Sache behandelt , die man aufnimmt oder liegen läßt , je nach Belieben ! - Und je länger er das dachte , um so öfter richtete sein Blick sich nach Frankreich hinüber , und er fragte sich : Wann wird denn die Stunde schlagen , die auch hier den Hochmüthigen den Nacken beugt ? - Sie standen ihm dabei immer vor Augen , die kleine , vornehm lächelnde Herzogin und der in Selbstgefälligkeit strahlende Marquis : beide flüchtig , beide das Gnadenbrod der Fremde essend und beide so ungebeugt , so sicher in dem Glauben an die unvergängliche Ueberlegenheit ihres Wesens und ihres Blutes , daß der Haß gegen dieses alte Blut in Herbert entbrannte und es ihm vorkam , als könne er dieses Blut kalten Auges vergießen sehen , als könne er sie sterben sehen , sie Alle mit einander : den hochgemutheten Freiherrn , die zarte Herzogin , den fröhlichen Marquis , und auch sie , die schöne , lächelnde Baronin , wenn er ihnen damit nur die Erinnerung zu nehmen vermochte , wie sie ihn geflissentlich beleidigt , wie gedemüthigt er von ihnen gegangen war . Er haßte sie nicht nur für dasjenige , was sie ihm zugefügt , sondern mehr noch deßhalb , weil er ' s ertragen hatte und weil er in ihrem Dienste fortarbeiten mußte , um seiner Pflicht nachzukommen , welche jenen gegenüber seine einzige Ehre war . Er haßte sie ! Zehntes Capitel Der Feldzug , zu welchem die Regimenter so fröhlich aus der Hauptstadt ausmarschirt waren , hatte nicht lange gewährt und war ein fruchtloses , ja , ein unheilvolles Unternehmen gewesen sowohl für diejenigen , denen er helfen und dienen , als auch für jene Anderen , welche die Hülfe hatten bringen sollen . Die Revolution war in Frankreich immer energischer und siegreich vorwärts geschritten , und kleinlaut waren die Truppen der Coalition in ihre Standquartiere und Garnisonen zurückgekehrt . Graf Gerhard , dem es an persönlichem Muthe nicht gebrach und dem seine kräftige Gesundheit zu Statten gekommen , wo viele seiner Cameraden Krankheit und Tod gefunden , war als Rittmeister aus dem Feldzuge nach der Champagne heimgekehrt . Sein Regiment hatte seiner Zeit auch wieder mehrere Tage in der Hauptstadt der Provinz verweilt , aber der Graf hatte gleich nach dem Einrücken Urlaub genommen und sich zu seinen Eltern nach Berka begeben . Er hatte die Familie Flies nicht aufgesucht , auch zu der Kriegsräthin war er nicht gegangen . Seba erfuhr das gleich , obschon sie ihren Verkehr mit derselben bedeutend eingeschränkt hatte und obschon auch der Vater noch weniger als sonst Behagen an der Freundschaft zu finden schien , welche die Mutter noch immer mit der Frau seines Miethers unterhielt . Gott soll mich bewahren , daß ich Sie anklage , theuerste Frau Kriegsräthin , sagte Madame Flies eines Nachmittags , als diese auf eine Tasse Kaffee zu ihrer Wirthin gekommen war - Gott soll mich bewahren , daß ich Sie verkenne ; Sie haben es sehr gut mit uns gemeint , aber der Mensch denkt und Gott lenkt ! Es ist mir freilich immer derselbe Kummer , meinte Laura , indem sie wohlgefällig den silbernen Kaffeelöffel ihrer Wirthin in der Hand wog , der doppelt so schwer war , als die ihrigen , daß ich die unschuldige Veranlassung zu Seba ' s Liebe für den Grafen gewesen bin , aber es geht ja wieder besser mit ihr . Sie ist wirklich schöner als je , und sie schlägt es sich ja endlich auch wieder aus dem Sinne . Die Mutter zuckte die Schultern . Glauben Sie das nicht , liebe Frau Kriegsräthin , Seba hat des Vaters Kopf ! Die vergißt nicht , was sie einmal gewollt hat ; und wenn sie auch wieder munter ist vor den Leuten und wenn sie auch schön ist wie sonst , - Sie sollten sie nur sehen , wenn sie sich unbeachtet glaubt ! Seba hat ihre Taubenaugen , ihre sanften Kinderaugen nicht mehr ! Wie traurig ist das ! rief die Andere mit jenem kühlen Bedauern der Gleichgültigkeit , das der Leidende als eine schwere Beleidigung empfinden würde , wäre er nicht in der Regel zu sehr in sich versunken , um darauf zu achten . Die Kriegsräthin aber glaubte der Theilnahme , die man von ihr fordern konnte , mit jenem Ausruf vollauf genügt zu haben , und da man der fremden Klage am leichtesten ledig wird , wenn man selbst zu klagen beginnt , wiederholte sie mit einem Seufzer ihr : Wie traurig ! und fügte dann eilig und lebhaft hinzu : Aber es trägt ja Jedermann von uns sein Theil , liebste Flies , und was Sie leiden , leiden Sie mit Ihrem eigenen Kinde , das ja jung und schön ist , und da Sie reich sind und ihm Alles gewähren können , auch früher oder später glücklich werden wird . Nehmen Sie dagegen mich und unsern Paul ! Was habe ich nicht Alles für den Knaben schon gethan , und Alles das umsonst ! Nur an Seba hängt er und an meinem Manne , als wäre ich gar nicht da - und im Grunde ist das noch das Wenigste ! Sie machte eine Pause , wollte verschweigen , was sie drückte , konnte dann aber doch nach Frauenart der Lust nicht widerstehen , einmal ihr Herz recht gründlich auszuschütten . Es trifft Alles so schlimm zusammen , - sagte sie fast gegen ihren Willen , - so schlimm , als sollte mir grade jetzt von allen Seiten Verdruß und Sorge bereitet werden . Nicht genug , daß der Knabe immer verschlossener wird , daß ich mir Seba ' s Kummer zu Herzen nehme , habe ich mich eben in diesen Tagen auch mit unserem alten , guten Freunde und Gönner , dem Präsidenten , erzürnen müssen .