Deinen Oheim entgelten ließest , so täte ich Dir dieses nicht schreiben . Wir haben Deine Briefe erhalten und uns sehr darüber gefreut und uns noch sehrer darüber verwundert , und ich kann ' s nicht klein kriegen , daß Du so von so ' n nobles Haus , gutes Futter und Verpflegung abgegangen bist , aberst da die Base sagt , es sei recht , so ist ' s mir auch recht , und Du mußt ' s am besten wissen , über welchen Leisten Du passest , und ich bin auch wie vor ' m Kopf geschlagen von wegen die Base , weilen ich vorgestern gedacht habe , sie geht mir unter den Händen kaput , und wenn sie jetzt auch noch pustet , so ist ' s doch mit ihrem neunten Leben alleweile bald zu Ende , und ein anderes gibt ' s nicht für keine Katze und ist auch nicht zu pretentieren allhier auf dieser Erde . Liebster Hans . Du weißt ' s , was es für eine Perschon war und wie sie einem die Leviten lesen konnte und wie sie bockbeinicht gegen einen ansprang , wenn einer nicht wollte wie sie . Sie konnte eine grausame Kreatur und Tyrann sein , als was den Hausschlüssel anbetrifft und den Spirituohsa und was sonsten des Menschen Herz erfreuet . Ich will ihr auch keine Eloschen halten , denn es stößt mir fast das Herz ab , aber ein honettes Frauenzimmer war sie und ein mächtig gescheites , hat mir auch redlich in aller Not und Verlegenheit beigestanden , und ich könnte nicht betrübter um ihr sein , wenn sie eine Fenus wäre , welches sie nicht ist und kein Mensche behaupten kann . Lieber Hans , Nevö und Patenkind , hab ich Dir zu Deiner Mutter gerufen , so muß ich Dir auch anjetzo herbitten , von wegen daß der Tod auf keinen wartet , und die Alte , wie ich aus Experientz weiß , gar nicht . Der Doktor sagt , es ist Altersschwäche , und es mag wohl auch so sein , aber was es auch sein mag , lange hält der Schuh nicht mehr , und was ein befahrener Meister ist , weiß , daß bei jedem Stiebel der Momang kommt , wo das Flicken nichts mehr hilft und die ganze löbliche Gilde dem Ausreißen nicht steuern kann , wenn ' s auch der verehrenswürdige Publikus und hohe Adel noch lange nicht glauben und an ein neues Paar will . Liebster Hans , ich fange eine neue Reihe an , weilen mir mein Gefühl überwältigt , welches nicht zu verwundern ist , denn es ist ein Jammer , wenn man sieht , wie der Deibel die Graden und die Ungraden holt , und die Wackersten zuallererst . Sie hat es gut mit mir gemeint , wenn sie mir unter dem Daumen gehalten , und ich weiß nicht , was ich anfangen soll , wenn sie mir nicht mehr mit Pauken und Bosaunen meinen Lebenswandel vorenthält und mir in Deh- und Wehmut hineinschändieret , - schimphieret und - tribulieret . Ich gebe keinen Pfennig für ihr Leben , aber für hunderttausend dreidoppelte Lujedors wär ' s mir nicht feil . Lieber Hans , da Du keine feste Stellung und Kondition und Prinzipalität nicht mehr hast und kein Mensche sich um Dich zu bekümmern braucht und Du Dir auch um keinen Menschen und wenn ' s Dich nicht ans Beste als an Moses und die Propheten ermangelt , so komme zu uns und tröste die arme alte Seele , ehe sie zu ihre Geister geht , die ihr und uns allewege soviel kujoniert haben hier in Neustadt . Sie verlangt fast so sehr nach Dir als , weißt Du , Deine Mutter damals , wo ich Dir von Universtäten abrief . Wir sein allesamt merkwürdig neugierig , Dich nochmals mit leiblichen Augen zu sehen , und mit der Base Schlotterbeck pressiert ' s , und ich brauche nicht mehr zu sagen . Seit acht Tagen bin ich nicht mehr vors Haus gekommen , sondern habe die Alte abgewartet . Es gibt auch sonsten noch gute Seelen , die sie nicht verlassen wollten ; aberst der Oheim Niklas Grünebaum nimmt ' s mit allen in die Anhänglichkeit und angenehmliche Dankbarkeit und Weißwassichschicktlichkeit auf , vorzüglich mit das Weibervolk , und da wiederum vorzüglich mit denen Alten , so der Base schon längst mit Teen und Giftgebräude die Eingeweide aus dem Leibe drangsaliert hätten , wenn ich nicht wäre , was man kennen muß , um es zu glauben und nicht doll zu werden ! Also , wertester Nevö und Neffe , tu ' s der guten Seele und Deinem geplagten und schickanierten , unglückseligen Oheim und Vormund zu Gefallen und versüße sie ihre letzten Stunden durch Deine geistliche Gegenwart und Tröstungen . Was mündlich noch zu sagen wäre , will ich anjetzo noch für mich behalten , da ich mir doch schon über diesen Brief verwundere , weil er so lang ist und woran Du meine Betrübnis abmerken kannst und weilen ich Tag für Tag bei der Base sitze und nicht herauskomme aus dem Loch . Verbleibe in guter Gesundheit und mache Dir keine Sorgen wegen meiner . Es grüßt Dir in großer Beklemmung Dein Oheim Niklas Grünebaum Schuhmachermeister Postskriptus : Bringe mich ein Pfund Luisianaknaster mit . Allhier ist keinem Menschen und Kaufmann mehr zu trauen , und dem Bier gar nicht . Die Menschheit verschmiert alle guten Dinge . Ich glaube fest , sie erfinden alleweile zuviel , und wenn das so fortgeht , so wird ' s nach hundert Jahren einen schönen Brei geben . Der einzigste Trost ist , daß wir ' s nicht erleben . In großer Jammerhaftigkeit Dein Oheim Niklas G. « Es dauerte seine Zeit , ehe sich Hans die ganze Bedeutung dieses Schreibens klargemacht hatte . Es dauerte seine Zeit , ehe er aus der Erstarrung , der er verfallen war , erwachte . Er mußte diesem Briefe