Ah , nun verstehe ich ! « nahm Levin mit unaussprechlicher Milde das Wort ; » Du möchtest dem lieben Gott vorschreiben , auf welche Weise er Dich in ' s Himmelreich führen soll . Durch ein Triumphtor möchtest Du einziehen , nicht wahr ? das frohe Selbstbewußtsein Deiner Stärke sollte Dir eine goldene Rüstung anlegen , von der jeder friedliche Pfeil abprallte , nicht wahr ? in stolzer Zuversicht unverwundbar , möchtest Du über Schlangen und Nattern schreiten und lächelnd den Drachen besiegen , nicht wahr ? O weh , meine arme Regina ! das ist die Art des Erzengels , aber nicht des Menschenkindes ! Als der heilige Apostel Paulus sich zu Gott bekehrte , sprach eine Stimme : Ich will ihm zeigen , wie viel er um Meines Namens willen leiden soll . Sieh ' , das ist Menschenart ! Gekreuzigt dem Leibe und der Seele nach - mit Wundmalen am Körper und am Herzen - zermalmt von innerem Leid über seine Schwachheit - gequält von allen Versuchungen , denen der Sohn des Staubes durch seinen Zusammenhang mit der Irdischkeit ausgesetzt ist - wandelte dieser gewaltige Kreuzträger , zum tröstlichen Vorbild für uns alle , immer gedemütigt und immer tapfer , durch die furchtbare Schlacht des Lebens . Und wie er sich hindurch gekämpft hatte , so kämpften ihm nach die großen Heiligen aller Jahrhunderte , ein Basilius , ein Augustinus , ein Bernardus , ein Franziskus , ein Alphonsus - diese Wundermenschen an Glauben , an Liebe , an Genie und an Demut . Sie alle bauten sich keine Triumphbogen und schwangen nicht zuversichtlich ihre Siegesbanner . Sie alle sprachen mit Paulus : Wenn ich schwach bin , dann bin ich stark - um anzudeuten , daß sie im Gefühl ihrer Schwäche sich zu Gott wendeten und von ihm Stärke empfingen . Sie alle gingen vorsichtig , gebeugt und wachsam auf dem schmalen Wege und durch die enge Pforte , die zum Himmel führen . Nicht auf ihren herrlichen natürlichen Gaben , und nicht auf ihrer frischen , ungebrochenen , menschlichen Kraft ruhte das Gebäude ihrer Vollkommenheit , sondern auf ihrer unüberwindlichen Demut . Sie suchten auch nicht den selbstgefälligen Genuß ihrer eigenen Vollkommenheit in ihrer Hingebung an Gott . Sie baten ihn nicht , ihr Herz auf einem Höhepunkt zu erhalten , der über dem Niveau alles Menschlichen ist ; sie baten ihn nur , ihr armes , elendes Herz nicht zu verschmähen ; es zu verbinden , wenn es wund ; es zu reinigen , wenn es befleckt wurde ; es in Gnaden anzunehmen mit seinen Krankheiten und seinen Narben . Und wie die großen Heiligen , so machen es Millionen von guten schlichten Kindern Gottes . Willst Du es anders haben und anders machen , Regina ? o , dann liefest Du Gefahr , eine Tochter Lucifers zu werden . « Regina ' s Tränen waren versiegt und ihre schmerzliche Aufregung hatte sich gestillt . Mit geschlossenen Augen saß sie ruhig da ; sie blickte nach Innen . Levin schaute mitleidig auf ihr schönes bleiches Antlitz , das noch von einem Anhauch von Schmerz überschattet war und fragte liebreich : » Tue ich Dir weh , bestes Kind ? soll ich schweigen ? « » O sprich , lieber Onkel , sprich noch mehr zu mir ! « sagte sie sanft und ohne ihre Stellung zu verändern . » Deine Stimme klingt mir wie die , welche einst sagte : Ich will ihm zeigen , was er um Meines Namens willen leiden soll . « » So heißt es auch in der Tat für jeden , der sich aus ganzem Herzen zu Gott bekehrt ; denn Welt und Fleisch und Blut , die ihm wahrlich seine Bekehrung nicht eingegeben haben , fühlen , daß sie durch dieselbe zu kurz kommen , setzen sich zur Wehr , verbinden sich mit der überall geschäftigen alten Schlange und rücken mit einem Heer von Versuchungen in ' s Feld . In dem Maße , als diese bekämpft und überwunden werden , vermehren sich die Siege , und je größer der Sieger , desto glänzender seine Kronen . Willst Du keine Versuchungen haben , so verzichtest Du aus Feigheit auf den Siegespreis . - Sieh ' ! als Du auf Stamberg von Uriel Abschied nahmst und Dich vielleicht recht stark wähntest mit Deiner Entsagung , und recht sicher gegen jeden Angriff von Seiten der menschlichen Schwäche , da trat der Versucher zu Dir , wie einst zu dem Herrn - und zeigte Dir von der Höhe herab die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit . Und Du blicktest auf sie , wie jemand , der sich gewaffnet wähnt gegen einen feindlichen Überfall , aber die Schlange vergißt , die ihn in die Ferse sticht . Die böse Natur hast Du stets zu überwinden gesucht - dies Zeugnis geb ' ich Dir gern . Aber Regina , das genügt nicht dem Menschen , der sich ausschließlich der Liebe und dem Dienste des Herrn widmen will . Der muß auch seine edle und gute Natur abtöten , um ganz in der Gnade , durch sie und für sie , zu leben ; denn die Natur ist nun einmal betrügerisch ! Mit tausend Faden hängt sie zusammen mit der Welt , mit dem Nächsten , mit unseren guten und schlimmen Eigenschaften , mit unseren Vorzügen und Talenten - und beständig sucht sie diesen Zusammenhang zu ihren Gunsten auszubeuten und der schönsten Seelenblüte , der reinen Absicht auf Gott , die Spitze umzubiegen und sie in die Richtung der Selbstsucht zu bringen . Die groben und dicken Faden lösen wir wohl allenfalls ab ; aber es bleiben Millionen feine Fädchen übrig , die zuweilen weich wie Seide und schimmernd wie Gold sind und die , wenn wir sie nicht recht vorsichtig ablösen , abstäuben und , in Gnade getaucht , an ihren Platz zurückbringen - ein Netz von feiner Selbstgefälligkeit knüpfen , welches den Fortschritt der Seele kläglich hemmt . Wohlan ,