figürlich ; Armgart sah auf jeder Wolke einen Heiligen ruhen , sah in jeder Blume einen Elfen schlummern , sprach mit dem Monde , mit der Welle , mit dem Steine , womit nicht alles , ohne doch darum dem Lachen und Necken abgeschworen zu haben ! Es war ein Duft um Armgart her , soviel Unwiderstehlichkeit , daß Benno sie auch bis zum Erobernmüssen geliebt und angebetet haben würde , wenn ihn nicht zwei Mächte zurückgehalten hätten . Einmal die Freundschaft für den jungen reichen Kaufmann Thiebold de Jonge , dem in Canada Armgart ' s Vater und Hedemann das Leben gerettet hatten und der , jetzt in seine Vaterstadt , die Residenz des Kirchenfürsten , zurückgekehrt , zu Armgart von einer wahrhaft leidenschaftlichen Liebe verzehrt wurde . Dann aber zweitens die tiefste Verstimmung über sein eigenes Lebensschicksal selbst , die dunkeln Anfänge seines Daseins , mancherlei Erfahrungen von frühester Jugend her , das bittere Gefühl , immer nur durch Andere und Fremde erhalten worden zu sein und eine darauf sich gründende Welt- und Lebensauffassung , die eine völlig negative und alles , was bestand , in Nichts auflösende war . Auch die Religion war ihm Menschenwerk . Wenn Benno gegen Grützmachern opponirt zu haben schien und von den Vorkommnissen innerhalb seiner Kirche mit warmer Theilnahme sprach , so war es nur aus politischen Gründen und um der Abneigung gegen das ganze damals herrschende Regierungssystem willen . Während Benno schon von der lieblichen Armgart träumte , noch ehe er entschlief , glaubte Hedemann nach ihm rufen zu hören . Er richtete sich auf und sagte : Hedemann ! Wünschen Sie noch etwas ? Hedemann murmelte nur ... Wieder drückte Benno seinen militärisch kurzgeschorenen , » ihm selbst wie nicht angehörenden « Kopf in die Kissen . Waren aber auch seine Augen bald geschlossen , so gaukelte doch Armgart vor ihnen , wie wenn sie wachten . Armgart hatte die Elasticität des Rehes und schelmisch standen ihr vorzugsweise drei Dinge . Am Kinn ein Grübchen ; zwei wunderlich ein wenig hervorstehende Zähne , die man nur dann nicht sah , wenn der Mund ganz fest geschlossen war , die aber sonst immer ein klein wenig mit ihrem blendenden Email hervorblitzten ; drittens die weder römische noch griechische , sondern weit eher stumpfe , aber höchst schelmisch geschwungene Nase . Ihre Augenbrauen waren so dunkel wie das Haar , auch die Augensterne dunkelbraun mit schwarzen Punkten ... Und nun tönten immerfort die dummen Worte , wie : » Hören Sie doch , Benno ! « oder » Was meinen Sie , Asselyn ? « oder » Sie Vaterlandsvertheidiger , was glauben Sie , gibt es Krieg ? « oder » Warum wollen Sie denn nicht General werden ? « oder » Was ? In unserer Armee gibt es keinen einzigen katholischen Obersten ? « oder » Wie sieht mein Vater aus ? « oder » Ich sticke ihm einen Cigarrenbecher , aber sagen Sie ihm nichts , Benno ! « geradezu wie Musik in sein Ohr , bis er jetzt wirklich eingeschlafen wäre , wenn er nicht den wunderlichen Hedemann nun allerdings noch ganz laut hätte reden hören . Hedemann hielt sein Nachtgebet . Doch wußte er dabei schwerlich , daß es Benno hören konnte . Hedemann sprach : O du mein Herr und Heiland ! Erleuchte meinen Sinn und laß mich wandeln , wie dir wohlgefällig ist ! Thu abe von mir die Werke der Finsterniß und laß mich kämpfen den guten Kampf des Glaubens ! Benno sagte sich : Den haben die Engländer schön in der Mache gehabt ! Nun entschlief auch er ... Die Sonne schien schon hell auf sein Lager , als er erwachte . Er sprang auf und fand das Lager seines Mitschläfers in der Kammer bereits leer . Seine Kleider hingen schon gereinigt vor ihm über einem Stuhl ... Rasch schlüpfte er in sie hinein und staunte beim Waschen und Haarbürsten über die Unruhe im Orte ... Er kannte doch die tägliche Lebensordnung in St.-Wolfgang und erkundigte sich durch ein Hinabrufen im Hause nach der Ursache der Bewegung . Von Hedemann , der schon fertig angezogen eintrat , von Renaten , die hinter diesem her ihn schon lange mit dem Frühstück zu erwarten erklärte , erfuhr er , daß wirklich in der Nacht der Friedhof entweiht worden war . Grützmacher hatte Recht gehabt ! Man hatte das Grab aufgegraben , den Sarg heraufgezogen , ihn erbrochen , die Leiche geradezu hinausgeworfen und gierig das Stroh durchwühlt , auf dem sie gebettet gewesen . Von einer ganzen Bande sprach man und von gefundenen Schätzen und Grützmacher war dem Knechte nachgeritten , der Lucinden gestern geführt hatte , und andere waren den Italienern nach , die die Nacht in einem Orte eine halbe Stunde weiter campirt hatten , und der Ortsgensdarm Müller war von Stockhofen drüben bereits requirirt worden und alles , hieß es , forsche und jage und suche und renne ... St.-Wolfgang war in wildester Bewegung und wie im Aufruhr . Fußnoten 1 Märkisches Mitleidswort für » armes Ding « . 5. Wo ist mein Vetter ? rief Benno von Asselyn , eilends die Stiege hinunterspringend , und vergegenwärtigte sich den Schmerz , den Bonaventura über ein solches Ereigniß auf dem Friedhofe seiner Kirche empfinden mußte . Er erfuhr sogleich , daß Bonaventura auf dem Friedhofe die Ordnung schon wieder äußerlich hergestellt hatte und mit dem Schulzen des Ortes eine genaue Darstellung der Vorgänge , wie sie auf dem Friedhofe gefunden worden waren , eben schriftlich aufsetzte . Gern hätte ihm Benno beigestanden , aber Hedemann , ein alter Soldat , erinnerte ihn , daß er heute Nachmittag Schlag fünf Uhr in Kocher am Fall zum Appell auf dem Marktplatze stehen müßte . Der bestellte Wagen fuhr auch schon aus dem Stern vor . Von Lucinden hieß es , sie würde sogleich zur Hand sein ; sie hätte gesagt , man sollte nur erst die Herren abholen . Benno entsann sich seiner militärischen Pflichten .