nach diesem machte mein Herr auch seine Rückfahrt . Die meisten Merkwürdigkeiten der Örter lernt man oft nur zur Hälfte kennen . So z.B. habe ich in Frankfurt das Inkompetenzgebäude nicht zu sehen bekommen , weil unser Strich durch die Judengasse ging . Nun , diese Unannehmlichkeiten hatten zuletzt auch ein Ende . Wir trafen in Amsterdam und eine Stunde später auf dem Landhause Welgelegen ein . Bei dem Anblicke des Kanals , der ebenen Wiese , der zwölf Windmühlen , endlich bei dem Anblicke seines stillen Hauses mit den herabgelassenen Fenstervorhängen , mit dem buntgepflasterten Hofe , mit der Voliere aus vergoldetem Draht und mit dem grünen , eingezäunten Flecke , auf welchem Gold- und Silberfasanen nebst anderem Getier spazierengingen , vergoß Mynheer van Streef zwei runde Tränen und sagte zu Sebulon : » O Welgelegen ! « weiter aber nichts . Sebulon schluchzte , beugte sich vor dem Tore zur Erde , gleichsam um sie zu küssen und versetzte : » Welgelegen ist Welgelegen , Mynheer van Streef . « In der Pforte standen sechs nordholländische Mägde mit goldenen Blechen in den Haaren , alle weiß und rund und sauber gekleidet , daß sie glänzten . Sie machten einen Knicks , küßten ihrem Herrn die Hand und sagten : » Viel Glück und Heil zur Rückkunft , Mynheer . « Ihren Kreis trennte ein kleiner Mann , roten Antlitzes , aber ganz weiß und ehrwürdig eingepudert , schüttelte dem Heimkehrenden die Hand und sprach : » Ich habe davon erfahren , daß Ihr heute kommen würdet , da wollte ich gleich zusehen , ob die Kur angeschlagen habe . « - » Doktor , ich schwärmte auf dem Helikon , danach wurde mir besser , und ich bin völlig hergestellt « , versetzte der Patient . Der Doktor hatte ihn inzwischen prüfend beschaut und erwiderte kaltblütig : » Nein , Mynheer van Streef , Ihr seid noch ebenso krank , als da Ihr abreistet , Ihr müßt deshalb von neuem auf Reisen gehen , sonst sterbt Ihr dann und dann . « Er nannte den Todestag . Hier aber sah und hörte ich , wenn ich früher holländische Schwärmerei kennengelernt hatte , was holländische Wut heißen wolle . Denn das Gesicht von Mynheer van Streef wurde graubraun , die Stirnadern schwollen an , daß sie Baumwurzeln glichen , und er goß über den Doktor eine solche Flut von Scheltreden aus , daß ich über den Reichtum der Landessprache in derartigen Wendungen erstaunen mußte . Der Doktor seinerseits fühlte auch in sich eine niederländische Begeisterung erwachen und schimpfte den Patienten aus , Sebulon schimpfte auf den Doktor , die erste Nordholländerin schimpfte auf Sebulon , daß er sich in den Streit der Herren mische , die zweite auf die erste , daß sie auf Sebulon schimpfe , die dritte auf die zweite , daß sie auf die erste schimpfe , die vierte auf die dritte , daß sie auf die zweite schimpfe , die fünfte auf Sebulon , die erste , zweite , dritte und vierte insgesamt , die sechste schimpfte auf niemand insbesondere , sondern im allgemeinen . Es erinnerte mich dieses verwickelte Schimpfgemälde durchaus an den gegenwärtigen Zustand der deutschen Tagesliteratur . Auf so laute und stürmische Weise ging der Empfang des schwärmerischen Holländers in der Hofespforte seines stillen Landhauses vor sich . Die Goldfasanen , die Silberfasanen und einige indianische Raben der Voliere schrieen in das allgemeine Geschrei auch hinein , und Gott weiß , ob nicht noch Tätlichkeiten das Fest gekrönt haben würden , wenn nicht plötzlich in der Entfernung das reitende Jägerchen , und hinter ihm am Seile vom Pferde gezogen , das braune Nationalfahrzeug sichtbar geworden wäre . Bei diesem Anblicke ebneten sich die zornigen Wellen , aller Antlitz begann friedlich und freundlich zu leuchten , und wie aus einem Munde riefen Doktor , Patient , Sebulon und sechs Nordholländerinnen : » Die fünfte Schuite ! « - » Kommt aber heute zwei Minuten zu spät « , setzte Mynheer van Streef hinzu , indem er auf seine Uhr sah . - Er ging freundlich in sein Landhaus ; der Doktor bestieg besänftiget die Schuite nach Amsterdam . So schlichtete der Anblick der fünften Schuite von Haarlem diese niederländischen Wirren . Ich war , als gehöre ich zur Familie , meinem Herrn bis auf den Hausflur gefolgt , aber eine Magd trieb mich ziemlich unsanft von den Stiegen und fing sogleich an , heftig nachzuscheuern , wo ich gestanden hatte , obgleich ich mir selbst das Zeugnis geben muß , daß ich mich sehr anständig auf dem Flure von Welgelegen benommen habe . Sebulon sperrte mich auf einem der grünen Plätze zu den Gold- und Silberfasanen ein , d.h. ich kam nicht zu diesem Gefieder unmittelbar , sondern erhielt einen eigenen kleinen Abschlag , wie denn auch jeder Goldfasan und jeder Silberfasan seinen besonders abgesteckten und eingefriedigten Platz hatte , vermutlich , weil Mynheer van Streef selbst bei den Tieren holländische Neigungen voraussetzte . Ich fand ziemlich gute Weide , wenn auch nicht so aromatische Kräuter , wie am Helikon , fraß mich endlich einmal in Muße wieder satt und verschlief den meisten Teil der folgenden Tage aus übergroßer Ermüdung von dem langen Reisewege . Erst etwa eine Woche später bekam ich sonach die Fähigkeit wieder , aufzumerken , über meine Umgebung und mich nachzudenken . Als dieser Zeitpunkt eingetreten war , habe ich die Lebensweise eines holländischen Rentenierers , der sich vom Geschäft zurückgezogen hat , gründlich kennenlernen . Denn mein Weide- und Wohnplatz lag hart unter den Fenstern des Lusthäuschens , welches durch den Hof von dem Haupthause getrennt , dem Herrn des Landhauses zu seinem täglichen Vergnügungsorte diente , es mochte Sonnenschein oder Nebel , Sturm oder Regen sein . Sebulon hatte mir einen Felsen von Klinkern etwa vier Fuß hoch aufgebaut , welcher Klein-Helikon genannt wurde . Auf diesen kletterte ich häufig und konnte von ihm aus alles sehen , was in dem Lusthäuschen vorging , das meiste auch