nannte mich gleich Du , weil er die Sophie auch so genannt hatte , manchmal , wenn ich lachte , wurde er blaß , » weil die Ähnlichkeit mit Sophie ihn frappierte « . Wie muß diese Schwester liebenswürdig gewesen sein , da sie jetzt noch im Herzen der Freunde so tiefe Spuren der Wehmut ließ . Bänder , Tassen , Locken , Blumen , Handschuhe , die zierlichsten Billete , Briefe , alle diese Andenken liegen in einem kleinen Kabinett umher zerstreut , er berührt sie gern und liest die Briefe oft , die freilich schöner sind als alles , was ich je in meinem Leben gelesen habe ; ohne heftige Leidenschaft deutet jeder Ausdruck auf innige Freundlichkeit , nichts entgeht ihr , jeder Reiz der Natur dient ihrem Geist . O ! Was ist Geist für ein wunderbarer Künstler , wär ich doch imstande , Dir von dieser geliebten Schwester einen Begriff zu geben , ja wär ich selbst imstande , ihre Liebenswürdigkeit zu fassen , alle Menschen , die ich hier sehe , sprechen mir von ihr , als wenn man sie erst vor kurzer Zeit verloren hätte , und Herberstein meinte , sie sei seine letzte und erste einzig wahre Liebe , dies alles bewegt mich , gibt mir eine Stimmung fürs Vergangene und Zukünftige , dämpft mein Feuer der Erwartung . Da denk ich an den Rhein bei Bingen , wie da plötzlich seine lichte , majestätische Breite sich einengt zwischen düsteren Felsen , zischend und brausend sich durch Schluchten windet , und nie werden die Ufer wieder so ruhig , so kindlich schön , wie sie vor der Binger Untiefe waren ; solche Untiefen stehen mir also bevor , wo sich der Lebensgeist durch schauerliche Schluchten winden muß . Mut ! Die Welt ist rund , wir kehren zurück mit erhöhten Kräften und doppeltem Reiz , die Sehnsucht streut gleich beim Abschied schon den Samen der Wiederkehr ; so bin ich nie von Dir geschieden , ohne zugleich mit Begeisterung der Zukunft zu gedenken , die mich in Deinen Armen wieder empfangen werde , so mag wohl alle Trauer um die Abgeschiednen ein bescheidner Vorgenuß einer zukünftigen Wiedervereinigung sein , gewiß , sonst würden keine solchen Empfindungen der Sehnsucht das Herz durchdringen . 20. Mai Am Ende März war ' s wohl , wie ich Dir zum letztenmal von Landshut aus schrieb ; ja , ich hab lange geschwiegen , beinah zwei Monate , heute erhielt ich durch Sailer von Landshut Deine liebe Zeilen vom 10. Mai , in denen Du mich mit Schmeichelworten ans Herz drückst , nun fällt mir ' s erst ein , was ich alles nachzuholen habe , denn jeder Weg , jeder Blick in die Natur hängt am Ende mit Dir zusammen . Landshut war mir ein gedeihlicher Aufenthalt , in jeder Hinsicht muß ich ' s preisen . Heimatlich die Stadt , freundlich die Natur , zutunlich die Menschen und die Sitten harmlos und biegsam ; - kurz nach Ostern reisten wir ab , die ganze Universität war in und vor dem Hause versammelt , viele hatten sich zu Wagen und zu Pferde eingefunden , man wollte nicht so von dem herrlichen Freund und Lehrer scheiden , es ward Wein ausgeteilt , unter währendem Vivatrufen zog man zum Tor hinaus , die Reiter begleiteten das Fuhrwerk , auf einem Berg , wo der Frühling eben die Augen auftat , nahmen die Professoren und ernsten Personen einen feierlichen Abschied , die andern fuhren noch eine Station weiter , unterwegs trafen wir alle Viertelstunde noch auf Partien , die dahin vorausgegangen waren , um Savigny zum letztenmal zu sehen ; ich sah schon eine Weile vorher die Gewitterwolken sich zusammenziehen , im Posthause drehte sich einer um den andern nach dem Fenster , um die Tränen zu verbergen . Ein junger Schwabe , Nußbaumer , die personifizierte Volksromanze , war weit vorausgelaufen , um dem Wagen noch einmal zu begegnen , ich werde das nie vergessen , wie er im Feld stand und sein kleines Schnupftüchelchen im Wind wehen ließ und die Tränen ihn hinderten aufzusehen , wie der Wagen an ihm vorbeirollte ; die Schwaben hab ich lieb . Mehrere der geliebtesten Schüler Savignys begleiteten uns bis Salzburg , der erste und älteste , Nepomuk Ringseis , ein treuer Hausfreund , hat ein Gesicht wie aus Stahl gegossen , alte Ritterphysiognomie , kleiner , scharfer Mund , schwarzer Schnauzbart , Augen , aus denen die Funken fahren , in seiner Brust hämmert ' s wie in einer Schmiede , will vor Begeisterung zerspringen , und da er ein feuriger Christ ist , so möchte er den Jupiter aus der Rumpelkammer der alten Gottheiten vorkriegen , um ihn zu taufen und zu bekehren . Der zweite , ein Herr von Schenk , hat weit mehr feine Bildung , hat Schauspieler kennen lernen , deklamiert öffentlich , war verliebt ganz glühend oder ist es noch , mußte seine Gefühle in Poesie ausströmen , lauter Sonette , lacht sich selbst aus über seine Galanterie , blonder Lockenkopf , etwas starke Nase , angenehm , kindlich , äußerst ausgezeichnet im Studieren . Der dritte , der Italiener Salvotti , schön im weiten grünen Mantel , der die edelsten Falten um seine feste Gestalt wirft , unstörbare Ruhe in den Bewegungen , glühende Regsamkeit im Ausdruck , läßt sich kein gescheit Wort mit ihm sprechen , so tief ist er in Gelehrsamkeit versunken . Der vierte , Freiherr von Gumpenberg , Kindesnatur , edlen Herzens , bis zur Schüchternheit still , um so mehr überrascht die Offenherzigkeit , wenn er erst Zutrauen gefaßt hat , wobei ihm denn unendlich wohl wird , nicht schön , hat ungemein liebe Augen , ein unzertrennlicher Freund des fünften , Freiberg , zwanzig Jahr alt , große männliche Gestalt , als ob er schon älter sei , ein Gesicht wie eine römische Gemme , geheimnisvolle Natur , verborgner Stolz , Liebe und Wohlwollen gegen alle , nicht vertraulich