Margarethens ; Küsse drückte er auf ihren bleichen , nicht widerstrebenden Mund , und so geschah es , daß sie bald aus der schweren Bewußtlosigkeit erwachte . Beinahe hätte sie aber zum Zweitenmale die Augen im Todeskampfe geschlossen , denn sie sah sich in des zudringlichen Bewerbers Armen , und zu der gegenüberliegenden Thüre traten eben unvermuthet und rasch Diether und Wallrade ein . Bestürzung und Überraschung lagen auf jedem Angesichte ; eine frohe Betroffenheit jedoch nur auf Wallradens . Diether nahm eine so ernste Stellung an , daß selbst der Schultheiß , ein gewandter Mann , und Meister seiner Bewegungen , nur nach wiederholten mißlungnen Versuchen , den Faden finden konnte , den Grund der befremdenden Lage , in der er überrascht worden , - nämlich Margarethens plötzliche Ohnmacht - anzugeben . Kalt und finster nahm Diether diese Erklärung auf , und peinigte , während Wallrade mit erheuchelter Theilnahme sich um seine Gattin beschäftigte , den unwillkommnen Vorgesetzten mit einer Förmlichkeit , die demselben bald lästig genug fiel , um sich ziemlich verlegen zu entfernen . Die Schlange in des Altbürgers Brust fing wieder an zu nagen , und Wallradens Schadenfreude streute ihr Futter . Denn als Diether benagten Herzens , auf wankenden Füßen von der Hauspforte , zu welcher er den Schultheiß geleitet hatte , zurückkehrte nach der Wohnstube , wo eben Margarethe , deren Schwäche einem wunderlich gereizten Zustand gewichen war , in einem Strom von Thränen sich ausweinte , winkte ihm Wallrade mit dem zwinkernden Auge , ein Tuch zu lüften , das , den Händen der Altbürgerin entsunken , auf dem Tische lag . Im Vorübergehen that Diether nach der Verräterin Begehr , und enthüllte die goldne Rose , die der Schultheiß in dem ängstlichen Drängen der letzten Augenblicke vergessen hatte , mit sich zu nehmen . Diether ' s bittres Lachen schreckte die Weinende auf , und über ihre bleiche Wange fuhr die Gluth neuer Beschämung , da sie der unglückseligen Gabe gewahr wurde , die ihr Gatte in der Hand hielt . Zu Eis wurde sie , obgleich unschuldig , da sie aus seinem Munde die Worte hören mußte : » Glück zu , tugendsame Hausfrau , Ihr berühmt Euch hoher Gunst . Ihr habt Euch den stattlichsten Freund gewählt , von besserer Geburt obendrein , als Euer Griesgram von Ehewirth ; sinniger und zierlicher nebenbei in seinen Gaben , - denn , wo der Gemahl die lästige Kette bietet , opfert der Buhle das lockende Röslein eines goldnen Maien . O , leicht dürfte für ihn der heutige Tag zum Rosensonntag geworden seyn ! Dem Graukopf gehört Wermuth , bis er zur Grube fährt . « - » Ihr seyd ungerecht , lieber Herr ; « erwiederte Margarethe , matt und erschöpft : » Diese Rose ist nicht mein . Falsch ist Euer Wahn . « - » Falsch ? « lachte Diether grimmig : » So falsch etwa , als Eure Ohnmacht ? Am Busen des willkommnen Trösters hat Euch der Sinnentaumel übermannt . Vor Wonne wart ihr außer Euch . Nichts weiter . Woher sonst dieser Magdalenenblick , woher die sündige Scheu , die noch jetzt Eure Züge peinigt ? Zehnfache Schaam möge Euch foltern , da Ihr in dieses Knaben Gegenwart sogar Eurer heiligsten Pflichten vergessen konntet . « - Stumm , ohne eine Sylbe zu finden , wand die Altbürgerin die Hände . Wallrade wollte den Augenblick benützen , um des Knaben , den sie schon eine lange Weile mit glühenden Blicken gemessen hatte , sich zu bemeistern . » Komm , Kleiner , « sagte sie zu ihm , seine Hand ergreifend : » komm , laß uns gehen . Wenn die Eltern hadern , muß der Bube vor der Thüre stehen ! « - Der Knabe wehrte sich aber wie ein ungeberdig Pferd gegen sie , riß seine Hand aus der Ihrigen , und floh mit Lauten der Angst zu Margarethens Knieen . » Laßt mich ! « schrie er : » Ich darf nicht mit Dir gehen , ... ich darf nicht mit Dir reden .... Mütterlein hat ' s verboten ! « - » Hört Ihr , Vater ? « fragte Wallrade tückisch : » Hört Ihr , wie Euer Weib den Haß zwischen Geschwister pflanzt ? « - Noch einmal wollte sie den Knaben mit sich von bannen ziehen , aber noch einmal mit verdoppelter Angst vertheidigte sich derselbe . » Laß mich ! « kreischte er : » Du willst uns arm machen « , .... ich soll betteln gehen , .... laß mich ... » Du bist die Schwarze , wenn du schon ein roth Jöplein trägst ... ! « - Wallrade erbleichte plötzlich , und machte eine Geberde , als wollte sie durch einen Schlag den Jungen zum Schweigen bringen ; aber er kreischte noch heftiger , und reizte die erschöpfte Margarethe auf , daß sie empor sprang , und wie eine zürnende Löwin der verstummenden Wallrade sich entgegenstellte . » Wage es - Boshafte ! « schrie sie : » Wage es , dies Kind zu der berühren , und das Tageslicht sahest Du zum letztenmale ! « - » Weib , was ficht Dich an ! « rief Diether , zwischen die Frauen sich werfend : » Kennst Du Deines Mannes Tochter nicht mehr ? Und Du , Wallrade , was deuten die seltsamen Reden des Knaben ? « - Diese Frage löste das Zauberband , das Wallradens Zunge bisher gefangen gehalten . » Was werden sie deuten ? « sprudelte sie heftig heraus : » was werden sie deuten , diese Reden eines mit Fleiß eingewurzelten Hasses ? Euer Weib wird mich dem Buben als einen Teufel , einen schwarzen bösen Geist geschildert haben , und also sieht mich auch des Knaben verrücktes Hirn ! « » Pfui Wallrade ! « erwiederte Diether mit strengem Vorwurf : » Fast möcht ' ich selbst Dich einen unsaubern Geist schelten , da Du Deinen Bruder , meinen geliebten Sohn