muß ich mir sagen , daß wir ihn nicht mehr lange besitzen werden . Ich kenne die Symptome . “ Er war ernst geworden bei den letzten Worten , und der gleiche Ausdruck legte sich auf Georg ’ s Gesicht . „ Er kann sich nicht losreißen von dem Gedanken an das , was er einst geliebt hat , “ sagte er , „ er geht zu Grunde an der Erinnerung – ich verstehe das . “ „ Ja , Du scheinst mir auch nicht übel Lust zu haben , an solch einem ‚ Gedanken ‘ zu Grunde zu gehen , “ fiel der junge Arzt mit aufflammendem Aerger ein . „ Als wir uns das letzte Mal sahen , wolltest Du mir durchaus nicht Rede stehen , jetzt aber siehst Du noch elegischer aus als damals . Beichte einmal ! “ Georg machte eine abwehrende Bewegung . „ Erlaß mir das ! Du weißt es ja , ich bin unverbesserlich , und in dem Punkte verstehst auch Du mich nicht . “ „ Natürlich , ich werde als unverbesserlicher Realist gar nicht in dem Heiligthum Deiner Gefühle zugelassen . “ Winterfeld runzelte die Stirn und wandte sich ab , aber Max fuhr unbekümmert fort : „ Dieses ängstliche Zögern und Fliehen vor einem Glücke , das Du mit einem kecken Griffe vielleicht noch erreichen könntest , dieses zartsinnige Schwanken und Bedenken wird so lange dauern , bis irgend ein Anderer , der nicht so zartfühlend ist , Dir zuvorkommt , und dann hast Du zum zweiten Male das Nachsehen . – Ja , das verletzt Dich nun wieder , ich sage Dir aber : Alldieweil und sintemal Du über diese unvernünftige Liebe nicht herauskommen kannst , so mußt Du heirathen , – Punctum ! “ „ Du sprichst allerdings aus Erfahrung , “ sagte Georg mit einem erzwungenen Lächeln . „ Du hast dieses Mittel bei Dir selbst versucht und mit dem glücklichsten Erfolge . Deine Frau ist eine allerliebste Erscheinung . “ „ Nicht wahr , sie macht meiner Behandlung Ehre ? “ Sie hatten inzwischen ihren Rundgang durch den Garten vollendet und näherten sich wieder dem Hause . In der Veranda saß Doctor Brunnow mit seiner Schwiegertochter , die ihm aus der Zeitung vorlas . Der Doctor war allerdings sehr gealtert , und sein Aussehen zeigte , daß er auch körperlich leidend sei . Seine frühere Reizbarkeit war verschwunden und hatte einer matten Theilnahmlosigkeit Platz gemacht , aus der nur selten noch ein Funke der einstigen Leidenschaft emporflammte . Aus Agnes dagegen [ 600 ] war eine blühende junge Frau geworden , die mit der früheren Sanftmuth jetzt eine gewisse Haltung und Würde verewigte . Ein etwa zweijähriger Knabe spielte zu den Füßen der Mutter ; er erblickte kaum die beiden Kommenden , als er sich aufrichtete und noch etwas unbeholfen versuchte , dem Vater entgegenzulaufen . Mit einem Sprunge war Max die Stufen hinauf und hob den Kleinen empor . „ Sieh Dir diesen Jungen an ! “ rief er , den derben , rothbackigen Buben mit vollem Vaterstolze seinem Freunde entgegenhaltend . Dann wandte er sich seiner Frau zu . „ Mein liebes Kind , “ sagte er , Georg bleibt vorläufig bei uns . „ Er muß leider morgen schon wieder abreisen , bis dahin aber ist er unser Gast . Du bist wohl so gut , die nöthigen Anordnungen zu treffen . “ Die junge Frau war in der That allerliebst , als sie dem Freunde ihres Mannes ihre Freude an dem Besuche aussprach . Dann erhob sie sich , um nachzusehen , ob das Gastzimmer in Ordnung sei . „ Ich nehme den Kleinen mit mir , “ bemerkte sie . Er ist es gewohnt , Vormittags eine Stunde zu schlafen . „ Du trägst ihn mir wohl nach dem Schlafzimmer hinauf ? “ „ Ich werde wohl bei Georg bleiben müssen , “ versetzte Max . „ Der Junge muß es endlich lernen , die Treppe allein hinauf zu gehen ; er ist groß genug . “ „ Wie Du willst , lieber Max , “ erklärte Frau Agnes nachgiebig . „ Aber Rudolph ist gewöhnt , von Dir getragen zu werden . Er wird weinen , wenn Du ihm nicht den Willen thust . “ „ Das hat er von seiner Mutter ! “ sagte Max . Die junge Frau beugte sich mit unendlicher Sanftmuth nieder und nahm den Kleinen auf den Arm . Es war ein kräftiges Kind , aber doch keine allzuschwere Last ; die Mutter schien es jedoch nur sehr mühsam zu tragen und an der Thür mußte sie sogar stehen bleiben , um Athem zu schöpfen , wobei sie einen halb vorwurfsvollen Blick zurücksandte . In der nächsten Secunde war Max an ihrer Seite . „ Wie oft habe ich Dir schon gefügt , daß Du Dich nicht so anstrengen sollst ! “ sagte er in seinem alten Commandotone . „ Gieb das Kind her ! Ich werde es hinauftragen . “ Damit nahm er den Knaben von ihrem Arm und trug ihn wirklich nach dem oberen Stockwerke , wo sich die Wohnung des jungen Paares befand . Frau Agnes neigte gehorsam das Haupt und folgte – sie fügte sich jetzt wie immer dem Willen ihres Mannes . Georg sah den Beiden mit einem gewissen spöttischen Zucken der Lippen nach . „ Nehmen Sie sich ein Beispiel an meinem Sohne , “ sagte der alte Brunnow , „ und machen Sie sich für Ihre dereinstige Ehe kein Programm und keine Paragraphen ! Die Frau stellt sie doch insgesammt auf den Kopf . “ Die Worte sollten scherzhaft klingen , aber der Blick des Sprechenden weilte dabei forschend mit tiefem Ernste auf dem jungen Manne , der leise den Kopf schüttelte . „ Meine dereinstige Ehe ? “ wiederholte er . „ Ich werde mich nie vermählen . Sie kennen ja meinen Entschluß . “ „ Ja , aber ich habe ihn stets bekämpft . In Ihrem