eine Frau stürzte herbei , riß die Kleine Johannes weg und überschüttete sie mit Tränen und Küssen . Ein hübscher junger Mann folgte ihr und blickte mit gerungenen Händen , stumm vor Entsetzen , auf Käthchen nieder : „ Gott im Himmel , was haben wir getan , daß Du uns so schwer heimsuchst ? “ murmelte er und schwankte , daß ihn ein paar Burschen stützen mußten . „ Die Augen sollten ihr ausgerissen werden , “ schrie die zur Furie verwandelte Mutter und preßte das verunglückte Kind an die Brust — als wolle sie es noch nachträglich vor der Gefahr schützen , der es zum Opfer gefallen . „ Ins Zuchthaus sollte sie . Solch ein nichtswürdiges , gottverfluchtes Weibsbild ! “ Und dann küßte sie die Kleine wieder und überströmte sie aufs Neue mit Tränen . „ Fluch nicht so , “ sagte der Mann finster . „ ’ S ist eine Sünde am Feiertag . Das Leben , “ er deutete mit Hand auf Käthchen , „ wird Gott schon noch einmal von ihr fordern — so was entgeht seiner Strafe nicht . “ „ Mög ’ s ihr hereinkommen , “ schluchzte die Frau . Jetzt kam der Herr Pfarrer aus der Kirche und näherte sich mit aller Salbung , die der Moment erforderte , und demütig schritt der Schulmeister hinter ihm . „ Da sehen Sie , Herr Pfarrer , wie sie mir das Kind zugerichtet hat , “ rief sie ihm entgegen . „ Ach und der Herr Lehrer — sein Liebling ist es ja immer gewesen ! Was sagen Sie zu diesem Elend ? “ „ O wie schade ! “ klagte Herr Leonhardt und neigte sich über sein Herzblättchen , während die heißen Tropfen aus seinen blöden Augen darauf niederfielen , und die Weiber alle im Chore jammerten . Der Herr Pfarrer aber fühlte sich verpflichtet , ein paar feierliche Trostesworte zu sprechen : „ Danket der reichen Gnade unserer Mutter Maria , liebe Frau , “ rief er mit aufgehobenen Händen , „ daß sie Euch vor Allen so offenbar begnadiget , Euer Kindlein gerade an dem Tage ihres Himmelfahrtsfestes als einen schönen Engel zu sich zu rufen in eine bessere Welt . “ „ Herr Pfarrer , “ sagte Johannes , „ Sie geben einen Trost , der Gott sei Dank nicht notwendig ist , denn das Mädchen lebt und wird leben , dafür verbürge ich mich . “ „ Ach Ihr , “ wimmerte die Mutter verzweiflungsvoll . „ Ihr wißt Alle nicht , was es ist , so ein Kind zur Welt zu bringen und groß ziehen und für ’ s arbeiten Tag und Nacht und sich die Bissen vom Munde absparen , um ’ s ernähren zu können und dann , wenn man ’ s mit Not und Sorge so weit gebracht hat , daß es Einem rechte Freude macht , — dann es zerquetscht und zertreten auflesen müssen , wie die Scherben von einem zerschlagenem Topf ! Gott straf ’ sie , Gott straf ’ sie ! “ Mit diesen Worten eilte die Frau hinweg und der Mann stützte ihr die zitternden Arme , die ihre Last kaum mehr zu halten vermochten und sie doch nicht lassen wollten . Der Pfarrer und der Lehrer begleiteten sie . „ Heda , “ rief die Worronska dem unglücklichen Paare nach , „ nehmt dies einstweilen als Schadenersatz , später folgt mehr ! “ Sie hielt eine schwere , gefüllte Börse hin . „ Behaltet Euer Geld , wir wollen ’ s nicht , “ sagte der Mann in dumpfem Grimm und schritt , ohne die Augen von seinem Kinde zu verwenden , weiter . Die Gräfin blickte blaß und erschüttert vor sich nieder . „ Der Mann tut recht , wir wollen kein Geld , wir wollen unser Recht , “ tobte der Haufe und bildete einen so dichten Knäuel um den Wagen , daß Johannes nur langsam durchzudringen vermochte . Als er den Wagen erreicht , stieß er mit dem Fuß rasch die Steine weg , die den Rädern als Hemmung gedient hatten und rief der Worronska zu : „ Fahren Sie fort in des Himmels Namen , wollen Sie sich nutzlos Insulten preisgeben ? “ „ Laßt sie nicht los , “ hieß es . „ Spannt ihr die Pferde aus ! Holt den Bürgermeister ! “ „ Wenn Einer von uns in der Stadt eine Katz ’ überfährt , muß er ins Loch . Die Vornehmen sollen ’ s auch nicht besser haben . “ Einige schickten sich an , die Pferde abzuschirren , doch Johannes trat mit eiserner Festigkeit dazwischen , entriß der Gräfin , die kein Auge von ihm wandte , die Peitsche , gab den Pferden ein paar scharfe Streiche und schnaubend stürmten die edlen Tiere dahin , die lebendige Mauer weit auseinander sprengend , die sich um sie gebildet hatte . Ein wütendes Geschrei erhob sich , man rannte ein Stück weit nach , aber in wenigen Augenblicken war der Wagen verschwunden und der kleine Groom , der vergessen worden , keuchte wie ein Jagdhund allein auf der Straße hinterher . Nun lenkte sich aller Zorn auf Johannes , der mit der Peitsche in der Hand ruhig dastand . Er hatte die Fremde der gerechten Strafe entzogen , ihre Flucht befördert , er war also mit ihr im Bunde . „ Ihr haltet zu ihr , — Ihr müßt uns Rede stehen ! “ „ Das will ich , Ihr Leute , “ sagte Johannes ruhig und freundlich . „ Zuerst aber laßt mich dem armen Kinde die nötige Hilfe leisten , dann werde ich mit Euch auf das Amt gehen — oder wohin Ihr sonst wollt . “ — Diese einfache Antwort entwaffnete den Zorn der Menge vollständig . „ Der Herr ist recht — ich kenne ihn , “ schrie ein neu hinzugekommener . Es war der Bauernbursche , mit welchem Johannes bei seinem ersten Besuche auf dem