er Betrachtungen hätte über ihn anstellen mögen . Seine Gedanken gingen andre Wege . Der Klatsch , der über Lenore im Schwung gewesen , war natürlich auch zu ihm gelangt . Herr Carovius hatte es an Andeutungen , brieflichen wie mündlichen , nicht fehlen lassen . Jedoch Eberhard hatte sie ignoriert . Unglimpf , der sich an Lenore wagte , hatte ihm nicht glaubhafter gedünkt als Straßenschmutz am strahlenden Mond . Eines Tages mußte er eines Wechselprotestes halber Herrn Carovius aufsuchen . Sie besprachen die Angelegenheit ganz trocken und geschäftlich , plötzlich fixierte Carovius den Freiherrn mit durchdringendem Blick , wanderte sodann in seinem Schlafrock beständig um den Tisch herum und fing an , sich über das schreckliche Ende von Daniel Nothaffts junger Frau zu verbreiten . Er geriet in eine unbegreifliche Aufregung . » Nun wird aber das Kapellmeisterlein hoffentlich zur Vernunft kommen , « schrie er mit seiner Fistelstimme . » Am Hungertuch nagt er sowieso schon . Bergab geht ' s , bergab . Man wird sammeln müssen für das verkannte Genie . Eine ist dabei hin geworden ; die andere zappelt noch . Wie gefällt Ihnen der zappelnde Engel , Baron ? Tut ' s Ihnen nicht leid um den netten Heiligenschein , der wie alter Trödel an einer ehebrecherischen Bettstatt hängt ? Freilich , dem Genie ist ja alles erlaubt . O , Lenore ! Verfratzte Lüge , die du bist , heuchlerische duckmäuserische Lüge ! « Ganz gelassen schritt Eberhard auf den entfesselten Dämon im Schlafrock zu , packte seine Kehle und drückte sie mit eisernem Griff derart zusammen , daß Herr Carovius in die Knie brach und im Gesicht blau wurde wie ein gesottener Karpfen . Später war er merkwürdig still ; er verkroch sich . Bisweilen kicherte er einfältig , bisweilen schoß ein giftiger Blick unter seinen Lidern hervor . Eberhard goß Wasser in ein Becken , tauchte die Hände hinein , trocknete sie und ging fort . Das Bild des winselnden Menschen mit den herausgequollenen Augen und dem blauen Gesicht war unverwischbar . Er hatte die Wollust des Mordens gespürt ; ihm war gewesen , als richte und strafe er nicht nur seinen Peiniger und Verfolger , sondern zugleich den heimlichen Feind der Menschheit , den Erzbösewicht , den hämischen Zerstörer aller edlen Saat . Desungeachtet hatte der exaltierte Ausbruch des Herrn Carovius gerade diejenige Wirkung , die Eberhard am wenigsten erwartet hatte . Sein Vertrauen in die Schuldlosigkeit Lenores war plötzlich erschüttert . Vielleicht war bei aller feigen Verleumderwut ein Etwas in Herrn Carovius ' Stimme aufgeklungen , das wahrer zeugte , als der Elende selbst es ahnte , und Eberhard erblickte in dieser Stunde die angebetete Gestalt zum ersten Male als Gleichgeartete unter den Menschen und erfuhr das Geschehene wie durch ein Ferngesicht . Seine Illusionen waren vernichtet . Entsagt hatte er in seinem Innern schon längst . Seine leidenschaftlichen Wünsche von ehemals hatten einen Verblutungsprozeß durchgemacht . Er hatte gelernt , sich ins Unabänderliche zu fügen ; er hatte darum gerungen . Wenn er das Leben überschaute , das er in den vergangenen fünf Jahren geführt , so glich es trotz seiner Unstetheit und dem fortwährenden Wechsel der Städte und Länder dem Aufenthalt in einem Raum mit geschlossenen Läden . Als er in die Stadt zurückgekommen war , die er nur deshalb liebte , weil sie Lenore beherbergte , hatte er nicht die Absicht gehabt , Lenore an die abgelaufene Frist zu mahnen . Es wäre ihm geschmacklos erschienen , neuerdings als lästiger Bewerber aufzutreten und das Garn dort wieder anzuknüpfen , wo es vor fünf Jahren gerissen war . Er hatte sich vorgenommen , Lenore in keiner Weise zu beunruhigen . Aber zu ihr gehen , mit ihr zu sprechen , das war die lichtvolle Hoffnung in all den öden Jahren gewesen . Nach dem Vorfall mit Herrn Carovius hatte er den Entschluß gefaßt , Lenore aus dem Weg zu gehen . Seine Barmittel waren auf wenige hundert Mark zusammengeschrumpft . Er entließ seinen Diener , veräußerte einen Teil seiner Schmucksachen und mietete sich in einem der winzigen Häuschen ein , die gegenüber den Felsen , auf denen die Burg steht , wie Wespennester eins am andern kleben . Das betreffende Häuschen hatte vordem ein Pfragnersehepaar bewohnt , und es war mitsamt seinen drei Kammern nicht viel geräumiger als ein mittlerer Tierkäfig in einer Menagerie . Doch er hatte sich ' s in den Kopf gesetzt , dort oben zu residieren . Er kaufte sich einige alte Möbel und schmückte die krummen Wände der altertümlichen Baracke mit den Bildern , die er besaß . Eines Abends wurde an die grüne Tür des Häuschens gepocht . Eberhard öffnete und sah Herrn Carovius vor sich stehen . Herr Carovius trat in die puppenhaft kleine Wohnstube des Freiherrn , schaute sich verwundert um und sagte schließlich , ganz bleich : » Straf mich Gott , aber mir scheint , Sie wollen hier den Eremiten spielen . Daraus wird nichts , lieber Baron , das ist kein Quartier für einen Edelmann , die Schande laß ich nicht auf mir sitzen , das kann nicht sein , das dürfen Sie mir nicht antun . « Eberhard griff nach dem Buch , in dem er gelesen , einem Band von Carl du Prels Schriften , und las weiter , ohne zu antworten und ohne auf die Gegenwart des Herrn Carovius zu achten . Herr Carovius trippelte von einem Fuß auf den andern . » Vielleicht geruhen Euer Gnaden , dero Konto in Augenschein zu nehmen , « sagte er mit sonderbar flehentlichem Hohn . » Ich bin in einer bösen Klemme . Das Kapital futsch und eine Zinsenschuld , die anschwillt wie die Pegnitz im Frühjahr . Wollen Sie wissen , wovon ich seit drei Monaten lebe ? Von Rüben lebe ich , von Wurstabfällen , von Backsteinkäse . Alles für Sie , alles für meinen Baron . « » Es interessiert mich nicht , wovon Sie leben , « erwiderte Eberhard hochmütig