Zieles , zu dem der Weg noch weit war ... Sie hatte das Weihnachtsfest in Rom verlebt . Die Regenzeit verbrachte sie mit der Besichtigung der Sammlungen , der Raffaelischen Loggien und Stanzen und - immer wieder - der Sixtinischen Kapelle . Träumend stand sie vor der Weisheit der Sibyllen , oder betrachtete , mit dem Spiegel über dem Kopf , die Anmut Evas , die Gottvater , mit gnädiger Erlöserhand , aus der Rippe des schlafenden Adam herauswinkt . Und Adam selbst , - wie liegt er leblos auf der Böschung der runden Welt , ein armer Koloß , bevor ihn nicht der ausgestreckte Finger des heranschwebenden Herrn berührt und er , noch verfangen im Schlafe des Unbewußten , langsam zur Welt erwacht . Einmal , als sie hier stand und wanderte , wurde gerade ein Trupp Engländer hereingeführt . Noch bevor das Pfefferminzplätzchen , das sie zur Erfrischung genommen hatte , auf ihrer Zunge zerschmolz , gingen sie , mit dem Urteil » a nice place « und unter Mitnahme einiger Steinchen aus dem » Müsaik « , die sie von dem Fußboden , der gerade restauriert wurde , emsig auflasen , wieder dem Ausgang zu ... Zu längerem Aufenthalt hatte sie sich in einer Pension eingemietet . Wäre sie nicht ganz allein hier gewesen , so hätte nichts sie vermocht , sich täglich mehrmals mit dieser fremden Schar zu Tisch zu setzen . Hier in dieser göttlichen Stadt - hier hätte man mit einem Gefährten wandern müssen ... Wie hätte man dann in den kleinen Trattorien , draußen vor den Toren , festlich speisen können ! Ein Greuel waren ihr diese von maskenhaftem Lächeln begleiteten Gespräche , die an der Table d ' hôte geführt wurden und allesamt zu dem einen Zweck verschworen schienen : nichts zu sagen . Ihre Nachbarin bei Tisch , eine ältere Tochter Albions , fragte , als sie hörte , sie sei Österreicherin , nach der Affäre Vecsera ... » oh - she was a girl without principles « ... Nach und nach erschien sich diese Intellektuelle geistig wie ein Fisch auf trockenem Sande und sehnte sich manchmal nicht wenig , nur eine Stunde mit einem Menschen so reden zu können , wie sie es gewohnt war ; hier in der Ferne erst , erhielt die deutsche Metropole , die Hochburg geistigen Ringens , für sie die rechte Perspektive . Freilich , - im Sonnenglanz auf dem Forum umherzuwandern und da mit dem » neu entdeckten Sinn « das alte Rom im Geist aufzubauen , das war freilich auch ein ganz besonderes Glück . Sie durchquerte die weiten Stätten mit den erhabenen Trümmern . Von hoch oben - durch den Titusbogen - waren die Sieger eingefahren . Stehend lenkten sie das Gespann über die alte , heilige Straße . Das Haus der Vestalinnen , klosterhaft abgeschlossen , ragt noch als große , runde Backsteinruine . Die Marmorblöcke weiter oben - Trümmer des Augustustempels . Links haftet das Auge an den acht Säulen des Saturntempels , alle ähnlich verfallen , als hätten sie am selben Tage zu bersten begonnen . Von ihren plumpen , jonischen Kapitalen flüchtet der Blick auf das edle , korinthische Gebälke der drei verschwisterten Säulen , die vom Tempel des Kastor und Pollux geblieben sind . Mächtige Tuffquadern liegen unter einem Bretterdach geborgen , wie Blöcke , mit denen Riesen gespielt , - Reste des Altares des Vulkanus ; und im Comitium der alten , republikanischen Gerichtshalle sind noch die Bogenfenster , zugemauert , erhalten . Noch leuchtet auch der köstliche Marmorboden der Basilica Aemilia .. Schmale Durchgänge und Pfade führen durch alle diese Trümmer immer wieder zur Via Sacra ... Hier ging sie Stunden und Stunden . Sie lehnte sich an die Rostra , die Rednerbühne , welche Cäsar errichten wollte und die Augustus ausgeführt . Hier stand sie , nahm mit den Augen das im Lichte strahlende Bild , diesen ungeheuren Platz voll von Ruinen , zwischen denen sich ihr immer geübterer Blick immer besser zurechtfand . Nicht selten dachte sie dann auch an das , was sie zu sagen hatte , später sagen würde , - zuhause . Und an die Brüstung der Rostra gelehnt , formte die Rednerin der jungen Zeit manchmal halblaut ihre Gedanken , - über die mögliche Freiheit des weiblichen Schicksals . - - - Sie war erfreut , als sie endlich einen längeren Brief von Stanislaus erhielt . Bisher hatten sich seine Nachrichten auf kurze Mitteilungen beschränkt . Das Erscheinen seines Buches über die Stiefvaterfamilie und der neuen , von Manfred gegründeten Zeitschrift , deren Chefredakteur er war , hatten ihn voll in Anspruch genommen . Der freundliche Hafen , in den sein Schicksal eingelaufen war , bot aber wohl eine gute Stätte für ihn , denn schon bereitete er wieder ein neues Werk vor . Er berichtete , daß sein erstes Buch über die Probleme der Moderne bald in neuer Auflage erscheinen sollte , und daß er eben dabei war , diese Neuauflage zu bearbeiten . » Es muß eine verbesserte Ausgabe werden « , schrieb er ; denn wo er in der ersten Bearbeitung angegriffen hatte , mußte er erklären und ergänzen . Man hatte sein Buch als eine Absage an die Moderne aufgefaßt . Dieser Meinung mußte er entgegentreten . Klarer als früher erkannte er die tiefsten Werte jener neuen Epoche . Hinter der angeblichen Ziellosigkeit , die panikartig heute diese Streiter durcheinandertrieb , erkannte er doch ein starkes Zielwandern , eine unaufhaltsame Bewegung , die den Weg zur Höhe suchte . » Wo wäre eine Epoche , « so schrieb er , - » in der eine ganze , große Schicht so sehr gegen sich selbst rang , wie unsere Schicht - in unserer Gegenwart . Diese Halbnaturen « , so schrieb er , » sind heute so zahlreich , weil in einer Generation Erfüllung nicht möglich ist . Aber Bewegung ist da , die vorwärts schiebt , verdrängt und ausliest . Und wenn man genau hinsieht