der Sänfte wiederkam . Er hat mir einen Brief von meinem guten Freunde , dem Heidenpriester gebracht und ist dann gleich wieder fortgegangen , ohne zu fragen , ob er Antwort mitnehmen soll . « » Was hat der Freund geschrieben ? « erkundigte ich mich , weil keiner der Andern Etwas sagte . » Das weiß ich noch nicht ganz genau , doch hoffe ich , es hier zu erfahren . Der Brief ist malajisch geschrieben , und in Beziehung auf diese Sprache bin ich Analphabet . Darum ging ich mit ihm zu John . Der hat herausgebracht , daß von unserm Christus die Rede ist , von Gold , von Weihrauch , von armen Hirten und von dem Frieden , den die Engel auf den Fluren von Bethlehem verkündet haben . Aber wirklich fließend konnte er die Zeilen auch nicht lesen . Es sind Worte und Wendungen darin , welche er nicht kennt . Sonderbarerweise ist der Brief nicht Prosa , sondern ein Gedicht . Denkt Euch , ein malajischer Heidenpriester , welcher dichtet ! Ist das nicht fast unbegreiflich ? « » Warum unbegreiflich ? Gibt es nicht auch christliche Priester , welche Dichter sind ? Der Priesterstand meint doch wohl , Gott am allernächsten zu stehen , und die Poesie ist göttlicher Natur . Die Kunst , die wahre , wirkliche Kunst , ist die edle Schwester des Glaubens . Aus welchem Grunde sollte diese Schwester grad die bevorzugten Jünger ihres Bruders mit Verachtung von sich stoßen ? « » So habe ich es nicht gemeint , sondern anders ! « entschuldigte sich der Uncle . » Anders ? « lächelte der Chinese . » So habt Ihr also nicht den Priester , sondern den Heiden betont wissen wollen ? Klingt das vielleicht freundlicher , besser ? Was würde wohl die Shen hierzu sagen , Mylord ? Also , daß ein Heide Dichter sein könne , ist Euch unbegreiflich ? Denkt doch einmal an Eure alten Griechen , die für Euch noch jetzt die allerhöchsten Ideale sind und Euer ganzes , geistiges Leben in einer Weise beeinflussen , welche man vom christlichen Standpunkte aus doch eigentlich zu beklagen hätte ? Wem anders als diesen alten , heidnischen Griechen hat Euer England es zu verdanken , daß es den größten aller späteren Dramatiker besitzt ? Wird nicht die Sprache , die Philosophie , die Geschichte dieser Heiden in allen Euern höheren Schulen derart begünstigt , daß Eure Gymnasiasten und Studenten fast alle der Meinung sind , wer nicht Griechisch und Latein getrieben habe , dürfe sich nicht zu den gebildeten Menschen rechnen ? Selbst Eure Prediger und Priester müssen diese heidnischen Sprachen verstehen und diese heidnischen Dichter studiert haben , sonst würden sie keine christliche Kanzel und keinen christlichen Altar betreten dürfen ! Wie sonderbar klingt das zu dem , was Ihr fast unbegreiflich nennt ! Ich bitte Euch , Sir , öffnet doch die Augen ! Ich habe mich sowohl bei den Christen als auch bei den Heiden umgesehen , und zwar bei beiden mit offenen , freundlichen , vorurteilslosen Augen . Hätte der Himmel mir die Gabe verliehen , das beschreiben und veröffentlichen zu können , was ich da beobachtet habe , so würde ich zwei Bücher schreiben , nichts weiter , denn das wäre genug . Das eine Buch würde betitelt sein : Das Heidnische im Christentume und das andere : Das Christliche im Heidentume . Ihr habt , da wir von malajischen Dichtern sprachen , wahrscheinlich keine Ahnung , wie nahe verwandt und wie oft sogar ebenbürtig sie Euern christlichen Dichtern sind . Man staunt zuweilen über diese Gleichheit des geistigen Pulsschlages . Und was besonders den Mann betrifft , von welchem hier die Rede ist , so muß - - - ah , daß ich mich unterbreche , wißt Ihr denn nicht , daß er noch etwas ganz Anderes ist , als bloß nur Oberpriester seiner Malaien ? « » Nein , « antwortete der Uncle . » Hat er es Euch nicht gesagt , nicht wenigstens angedeutet ? « » Nein , mit keinem Worte . « » So ! Wie mich das freut ! Das ist die wahrhaft königliche Bescheidenheit der wahren Menschengröße ! Hätte er wohl ebenso geschwiegen , wenn er ein Europäer gewesen wäre ? Er ist nämlich der anerkannt größte der gegenwärtigen malajischen Dichter , eine Berühmtheit , soweit die malajischen , chinesischen und indischen Zungen klingen . Grad darum war er es , der von meinem Vater auserwählt wurde , zu uns zu kommen , um unsere Shen zu studieren . Er war der beste und der passendste Mann dazu im ganzen indischen und polynesischen Archipel . Ich bin stolz , ja stolz darauf , daß dieser Mann mich achtet . Der Segen , den er auf das Haupt unserer Freundin Mary legte , war nicht der Segen eines gewöhnlichen Menschen , sondern eines Auserwählten , der nicht bloß leere Worte spendet , sondern wirklich das besitzt , was er geben will , wenn er segnet ! Und hat er Euch ein Gedicht geschickt , so ist das sicher keine gering zu achtende Gabe . Er tut das nicht , um Euch nachträglich doch noch zu zeigen , wer und was er ist , sondern aus höheren , reineren Gründen . Er hat über Euch nachgedacht und über Alles , worüber er mit Euch sprach . Wahrscheinlich gibt er Euch nun das Resultat dieses seines Nachdenkens , und wenn Ihr es wünscht , so bin ich gern bereit , es Euch zu übersetzen . « » Aber natürlich wünschen wir das ! « rief der Uncle begeistert aus . » Also ein Dichter , ein großer , ein berühmter Mann ist dieser mein guter Freund , der Heidenpriester ! Das wundert mich eigentlich nicht , denn das lag mir schon gleich in den Gliedern ; es wird mir nur jetzt erst klar . Hier ist der Brief . Bitte , ihn uns vorzulesen ! « Er