ihm , aber ich hab ihn nimmer halten können . Vater ! Jesus Maria , Vater ! Ich fürcht , es is ihm was gschehen . « Der Zauner hatte keinen Tropfen Blut mehr im Gesicht und starrte die Tochter an wie ein Gespenst . Alle väterliche Entrüstung war untergegangen in namenlosem Entsetzen . » Mar ' und Joseph ! Wenn da was gschehen is ! Bei mir ! Wenn dös der gnädig Herr erfahrt ! « Die Knie wurden ihm schwach ; er schob den Leuchter auf das Spiegeltischchen , wankte zum Fenster , beugte sich hinaus und rief mit gepreßter Stimme in den Garten hinunter : » Herr Graf ? Herr Graf ? - Ich bitt , so geben S ' doch an ! - Is Ihnen was ? Herr Graf ? - Herr Graf ? « Im Garten kein Laut . Halb angekleidet erschien die Zaunerin und sah das Mädel in Angst und Zittern auf einem Schemel kauern . » Kindl ? Hat dir der Vater was tan ? « kreischte die Meisterin . Sie eilte auf ihr Lieserl zu , und da schrie sie plötzlich auf , als hätte man ihr einen Dolch ins Herz gestoßen . » Jesus Maria ! So a Rabenvater , der die eigene Tochter blutig schlagt ! Wegen nix und wieder nix ! « » Blutig ? « stammelte Lieserl ; ein Schauer rüttelte ihre Schultern , als sie an ihrer Brust und am rechten Arm die großen roten Flecken gewahrte . Am Fenster tat der Meister einen erstickten Schreckensruf . » Alle Heiligen im Himmel ! Da drunten liegt er und tut kein Rührer nimmer ! « Wie ein Wahnsinniger packte er den Leuchter und stürzte zur Kammer hinaus . Nun dämmerte auch in der Zaunerin die Ahnung auf , daß alles sich anders verhalten müßte , als sie in ihrer blinden Mutterangst vermutet hatte . Wohl brachte Lieserl nur ein paar abgerissene Worte heraus , aber sie sagten genug , um die Zaunerin in Verzweiflung zu versetzen . » Jesus , o Jesus ! Mein Lieserl hätt Gräfin werden können ! Und so an Unglück muß dazwischenfahren ! O du lieber Herrgott ! Lieserl , komm ! Vielleicht is ihm net viel passiert ! Der liebe , gute , süße Mensch ! Wär dös a Glück ! Wär dös a Glück ! « Mit beiden Händen zog sie das zitternde Mädel zur Kammer hinaus und über die Treppe hinunter , auf deren letzter Stufe die Kerze flackerte , die der Zauner zurückgelassen hatte , als er die Haustür aufriß . Jammernd nahm die Meisterin den Leuchter . Als sie in die Nacht hinaustreten wollte , kam ihr der Zauner schon entgegen , wankend unter der Last , die er auf seinen Armen trug . Lieserl taumelte gegen die Mauer , als würde ihr übel , und die Mutter erhob ein Wehgeschrei , als hätte sie um den eigenen Sohn zu klagen . » Sei still , Weib ! « keuchte der Meister . » Daß uns kein Mensch net hört ! Es muß verheimlicht werden , dem gnädigen Herrn Grafen z ' lieb ! « Schwer atmend sah er das kalkweiße Gesicht an , das an seiner Schulter lag . » Es wird doch um Gotts willen so weit net fehlen ! « Er trat in den Flur . » Weib ! Zieh mir den Schlüssel aus ' m Sack und sperr die Stubentür auf . « Die Zaunerin öffnete in wortloser Hast die Tür , sprang in Lieserls Kammer hinauf und brachte zwei geblumte Kissen ; dann hielt sie betend und weinend den Leuchter , während der Meister den regungslosen Körper , von dem die Glieder kraftlos niederhingen , auf das Sofa bettete . Lieserl drückte sich in den Winkel , den der Geschirrkasten mit der Mauer bildete ; sie hatte die zitternden Finger am Mund und blickte verstört nach dem blassen Gesicht , das halb in die Kissen versunken war . Willy war nicht entstellt , nur bleich ; doch die Lippen , auf denen ein mattes , gutmütiges Lächeln wie erstarrt erschien , waren rot ; und rote Tropfen hingen am Kinn . Er atmete mit Anstrengung , in kurzen Stößen , von denen jeder sich anhörte wie ein Seufzer . Die Augen standen offen ; sie hatten fieberhaften Glanz , ihr Blick war ins Leere gerichtet . Meister Zauner , der vor dem Sofa kniete , schob den Arm unter die Kissen . » Herr Graf ! Lieber , guter Herr Graf ! Wo haben S ' denn Schmerzen ? « Willy schien zu hören , zu verstehen . Ein Zittern lief ihm über die Arme , und wie ein leiser Hauch klangen die Worte : » Bitte - meiner Schwester - sagen lassen - « Die Lider fielen ihm halb über die Augen , und von den Mundwinkeln sickerten zwei dünne , rote Fäden über den Hals . » Lieserl ! Den Doktor ! « stammelte Meister Zauner . Das Mädel fuhr mit der Hand in den Weihbrunnkessel , besprengte das Gesicht und stürzte davon . Auf der finsteren Straße brach sie in Schluchzen aus und rannte , daß ihr der Atem verging . 6 Über dem Park von Schloß Hubertus schlummerte die schöne Nacht . Im Adlerkäfig herrschte friedliche Stille . Auch die Fontäne schien entschlafen und plauderte nur leise , wie im Traum . Ohne Lichtschein lag das Haus inmitten der schweigsamen Finsternis . Unter seinem Dache fanden in dieser Nacht zwei Augen keinen Schlaf , und in heißer Erwartung pochte ein junges Herz dem Morgen entgegen . Als es drei Uhr schlug , erhob sich Kitty lautlos , um sich für die Reise anzukleiden . Der gepackte Koffer stand schon seit dem Abend neben der Tür . Auf dem Tische , für den ersten suchenden Blick berechnet , lag ein Brief an Gundi Kleesberg . Nach einem halben Stündchen war Kitty reisefertig . Sie löschte das Licht und setzte sich in