war noch ein grüner Polytechniker , als er mir die ersten Aufschlüsse gab , aus denen ich damals allerdings nichts zu machen wußte - haben - unzweifelhaft eine Zukunft , vorausgesetzt , daß die bauliche Entwickelung Münchens nicht von der Spekulation verdorben oder von architektonischen Stümpern verpfuscht wird . « » Wie meinen Sie das , Herr Pfaffenzeller ? « » Wenn man weit in der Welt herumgekommen ist , gewöhnt man sich , auch die Heimat mit kritischen Blicken zu betrachten . Man lernt vergleichen und verlernt blind bewundern . Ludwig I. , der Schöpfer der Kunststadt München , hat eine Reihe von klassischen und mittelalterlichen Bauwerken in Griechenland und Italien kopieren und den Münchenern als Musterbauten aufrichten lassen . Nach der Ludwigschen kam die Maximilianische Bauperiode für München ; da verlegte man sich auf eigene Witzes- und Erfindungskraft . Damit ging es schon bedeutend abwärts . München ist aber durch beide königliche Bauherren wenigstens eine interessante architektonische Mustersammlung geworden und hat neue Straßen und Plätze für das gesteigerte Großstadtleben gewonnen . « » Sehr richtig . Die Maximiliansstraße ist doch eine Pracht , dazu die Maximiliansbrücke und das Maximilianeum und ... « » Nun , das ist sehr Geschmackssache , Herr Kommerzienrat . Die Maximiliansbrücke zum Beispiel ist die einzige von den drei oder vier Isarbrücken , die noch einigermaßen Stil hat und gut aussieht . Aber sie entbehrt doch wie die andern jedes bildnerischen Schmuckes , sie hat gar keinen monumentalen , skulpturalen Zierat , kein Bildwerk , sie ist in dieser Beziehung so kahl als möglich . Für eine wirkliche Kunststadt sind sämtliche hiesige Brücken viel zu schmucklose Nutzbauten . « » Sie wollen doch keine Heiligenfiguren auf der Maximiliansbrücke aufstellen , wie es neulich der fromme Xaver Schwarz zur Verschönerung der Isar im Gemeindekollegium vorgeschlagen hat ? Etwa die zwölf Apostel , sechs links und sechs rechts , jeder mit seinem Marterwerkzeug , damit die Münchener ihr christkatholisches Bewußtsein stärken , wenn sie zum Hofbräuhauskeller hinüberwandeln ? « » Nein , für diese ultramontane Kapellen-Zuckerbäcker-Plastik danke ich . Die fehlte gerade noch in der Kunststadt München ! Da wäre es stilgemäßer , gleich die wirklichen Ortsheiligen Münchens , die Apostel der Bierbrauerkunst , geschart um Seine Majestät vom Spundloch , den heiligen Gambrinus , auf der Maximiliansbrücke aufzustellen ... « » Der Gedanke ist gar nicht dumm , « meinte der Kommerzienrat ; » der alte Schleibinger , der Sternecker , der Pschorr , der Sedlmeyer und so weiter würden sich ganz gut dort ausnehmen ; sie haben für den Ruhm Münchens mehr gethan , als sich die Frommen träumen lassen . « » Einverstanden , Herr Kommerzienrat . « » Ich sehe auch gar nicht ein , warum man München nur den Fürsten und Feldherrn , den Dichtern und Philosophen , wie dem Schelling , oder den Optikern , wie dem Frauenhofer , oder den Lithographen und Stenographen und dem Liebigschen Fleischextrakt-Erfinder Denkmäler setzt und nicht auch den großen Industriellen und Bräuern . Hätten Sie etwas dagegen ? « » Nein , Herr Kommerzienrat . Aber wir kommen von der Sache ab . Wir sprachen davon , was sich an den neuen Straßen aussetzen läßt ... « » Haben Sie etwas an meiner Quaistraße auszusetzen ? « » Mit Ihrer Erlaubnis allerdings , Herr Kommerzienrat . In dieser von der Natur so bevorzugten Stadtgegend wäre mir keine Architektur lieber , als diejenige , welche Ihre Münchener Baumeister an dieser Stelle produziert haben . « » Da muß ich Ihnen sagen : das verstehen Sie nicht . Die Quaistraße ist ein kleines Weltwunder . Fragen Sie nur einmal meine Engländer im zweiten Stock ! « » Dann sind diese Engländer sehr viel weniger anspruchsvoll als ich . Das gebe ich zu . Diese aneinandergeklebten acht oder neun Häuser von gleicher Höhe , gleicher Schablonenhaftigkeit , gleicher Eintönigkeit der Verhältnisse , gleicher Schäbigkeit im Schmuck der klotzigen Stukornamentik mit den angeleimten Schwalbennester-Balkonen - ein kleines Weltwunder ? Ihr Haus , Herr Kommerzienrat , macht allerdings eine Ausnahme . « » Gut , dann soll Ihnen die Kritik der anderen geschenkt werden . Also Sie verlangen von den Neubauten mehr Schönheit und - - und - « » Überhaupt mehr originelle Großartigkeit , jetzt wo die historischen Stilarten glücklich abgewirtschaftet haben . München ist darin noch sehr weit zurück . « » Da kann später nachgeholfen werden . « » Später ! Das ist der Haken . Seit über zwanzig Jahren , das heißt während der ganzen Regierungszeit des jungen Königs Ludwig II. ist meines Wissens von staatswegen zur baulichen Verschönerung Münchens so gut wie nichts geschehen , wenigstens nichts , was sich mit dem messen ließe , was in dieser langen Zeit in anderen deutschen Großstädten gebaut worden ist . Nun hat inzwischen eine radikale Umwandlung der geistigen Richtungen und des Verkehrs platzgegriffen - wovon sich natürlich unser Landesvater in seinen Märchenschlössern in den Bergen nichts träumen läßt . Auch in München ist die Industriestadt über die Kunststadt hinausgewachsen . Die Zahl der Einwohner und ihre Betriebsamkeit hat eine ungeheuere Steigerung erfahren . Nach allen Seiten dehnt sich der Nahmen der Stadt . Auch die landschaftlich reizvollsten Partien , wie die oberen Isarufer , die seither vollständig vernachlässigt blieben , lenken jetzt die Augen der Baulustigen auf sich . Alles spricht dafür , daß wir am Anfang einer neuen Bauperiode stehen , die an Umfang und Bedeutung alle ihre Vorgängerinnen weit übertreffen wird . « » Sehr richtig . « » Aber gerade hier liegt eine große Gefahr . Während der langen Stockungspause sind die großen Baukunsttraditionen verkümmert , dafür die industrielle und kapitalistische Spekulation und der dem Idealen abgewandte Sinn mächtig erstarkt . Welches wird also das Gepräge der neuen Periode sein ? Welcher Geist wird sie beherrschen ? Der kunstwidrige Geist der Spekulation , der Geldmacherei . Und er wird die Architekten in seine Dienste zwingen und die Stadtverwaltung wird Ja und Amen dazu sagen , wenn nur die sicherheitspolizeilichen und gesundheitlichen Vorschriften nicht