der ruhigen Klarheit dieser Formen . Ich hatte sie schon als Knabe ein- oder zweimal so gesehen , wenn sie beim Ankleiden nicht sehr auf mich achtete , und obgleich ich jetzt anders sah als damals , schien doch die gleiche Vorwurfslosigkeit auf diesem Schnee zu ruhen ; auch bewegte sich Judith so sicher und frei , daß diese Sicherheit auch auf mich überging . Sie trug den fertigen Kaffee in die Stube , setzte sich neben mich , und indem sie das herbeigeholte Kirchenbuch aufschlug , sagte sie : » Seht , ich habe alle die Bildchen noch , die Ihr mir gezeichnet habt ! « Wir betrachteten die kindischen Dinger , eins ums andere , und die unsicheren Striche von damals kamen mir höchst seltsam vor , wie vergessene Zeichen einer unabsehbar entschwundenen Zeit . Ich erstaunte vor diesen Abgründen der Vergessenheit , die zwischen den kurzen Jugendjahren liegen , und betrachtete die Blättchen sehr nachdenklich ; auch die Handschrift , womit ich die Sprüche hineingeschrieben , war eine ganz andere und noch diejenige aus der Schule . Die ängstlichen Züge sahen mich traurig an ; Judith sah auch eine Zeitlang still auf das gleiche Bildchen mit mir , dann sah sie mir plötzlich dicht in die Augen , indem sie ihre Arme um meinen Hals legte , und sagte : » Du bist immer noch der gleiche ! An was denkst du jetzt ? « - » Ich weiß nicht ! « erwiderte ich . - » Weißt du « , fuhr sie fort , » daß ich dich gleich fressen möchte , wenn du so studierst , ins Blaue hinaus ! « und sie drückte mich enger an sich , während ich sagte : » Warum denn ? « - » Ich weiß selbst nicht recht ; aber es ist so langweilig unter den Leuten , daß man oft froh ist , wenn man an etwas anderes denken kann ; ich möchte dies auch gern , aber ich weiß nicht viel und denke immer das gleiche , obschon mir etwas Unbekanntes im Kopfe herumgeht ; wenn ich dich nun so staunen sehe , so ist es mir , als ob du gerade an das denkst , woran ich auch gern sinnen möchte ; ich meine immer , es müßte einem so wohl sein , wenn man mit deinen geheimen Gedanken in die Weite spazieren könnte ! « So etwas hatte ich noch niemals zu hören bekommen ; obgleich ich wohl einsah , daß die Judith sich allzusehr zu meinen Gunsten täuschte , was meine inneren Gedanken betraf , und ich tief beschämt errötete , daß ich glaubte , die Röte meiner brennenden Wange müsse ihre weiße Schulter anglühen , an welcher sie lag so sog ich doch Wort für Wort dieser süßesten Schmeichelei begierig ein , und meine Augen ruhten dabei auf der Höhe der Brust , welche still und rein aus dem frischen Linnen emporstieg und in unmittelbarster Nähe vor meinem Blicke glänzte wie die ewige Heimat des Glückes . Judith wußte nicht , oder wenigstens nicht recht , daß es jetzt an ihrer eigenen Brust still und klug , traurig und doch glückselig zu sein war . Ich fühlte mich ganz außer der Zeit ; wir waren gleich alt oder gleich jung in diesem Augenblicke , und mir ging es durch das Herz , als ob ich jetzt die Ruhe vorausnähme für alles Leid und alle Mühe , die noch kommen sollten . Ja , dieser Augenblick schien so sehr seine Rechtfertigung in sich selbst zu tragen , daß ich nicht einmal aufschreckte , als Judith , in dem Gesangbuch blätternd , ein zusammengefaltetes Blatt hervorzog , es aufmachte , mir vorhielt und ich nach langem Sinnen jenes beschriebene und an Anna gerichtete Liebesbriefchen erkannte , das ich vor Jahren einst den Wellen übergeben hatte . » Leugnest du noch , daß dies gute Kind dein Schätzchen sei ? « sagte sie , und ich leugnete es aus Mutwillen zum zweiten Male , das Blatt als eine vergessene Kinderei erklärend . In diesem Augenblicke riefen Stimmen vor dem Hause , welche wir als diejenigen der vier Männer erkannten . Sogleich löschte sie das Licht aus , daß wir im Dunkeln saßen ; doch die unten begehrten nichtsdestominder Einlaß , indem sie riefen : » So macht doch auf , schöne Judith , und wartet uns mit einer Tasse heißen Kaffees auf ! Wir wollen uns ehrbar benehmen und noch ein vernünftiges Wort sprechen ! Aber macht auf , zum Lohn dafür , daß Ihr uns so angeführt habt ; es ist Fastnacht , und Ihr dürft ohne Gefährde einmal die vier ruhmwürdigsten Kumpane des Landes bewirten ! « Wir hielten uns aber ganz still ; schwere Regentropfen schlugen an die Scheiben , es wetterleuchtete sogar , und in der Ferne donnerte es , daß es klang , als wäre es Mai oder Juni . Um Judith kirre zu machen , sangen die Männer mit heuchlerischer Sorgfalt ein vierstimmiges Lied , so schön sie konnten , und ihr überwachter Zustand gab ihren Stimmen wirklich etwas gerührt Vibrierendes . Als dies alles nichts half , fingen sie an zu fluchen , und einer kletterte am Spalier zum Fenster empor , um in die dunkle Stube zu sehen . Wir bemerkten wohl seine spitzige Kapuze , die er über den Kopf gezogen hatte ; da erhellte mit einem Mal ein Blitz die Stube , und der Späher konnte Judith ihres weißen Zeuges wegen erkennen . » Die verwünschte Hexe sitzt ganz aufrecht und munter am Tisch ! « rief er gedämpft hinunter ; ein anderer sagte : » Laß mich einmal sehen ! « Doch während sie sich ablösten und die Stube wieder finster war , huschte Judith schnell zu ihrem Bett , nahm die weiße Decke desselben und warf sie über den Stuhl , worauf sie mich leis nach dem Bett hinzog , welches man vom Fenster aus nicht sehen konnte . Als jetzt ein zweiter