Roberts Füßen . Der Weg war hier plötzlich zu Ende . Das Schauspiel aber , das sich jetzt seinen Augen bot , war schöner und eindrucksvoller als alles bisher Gesehene . In einer Tiefe von vielleicht zehn Metern lag zwischen den Felsen ein blauer See mit regungsloser , spiegelglatter Oberfläche . Anscheinend unergründlich tief lag das Wasser wie ein blauer Teppich da , von allen Seiten stiegen die Felsen steil empor , hier in schlanken , anmutigen Formen , dort verworren und wild zerklüftet , als hätten die alten Götter der Sagenzeit im Kampfe Trümmer auf Trümmer geschleudert , als hätte die Erde unter ihren Fußtritten gebebt und wäre in tausend Scherben zerfallen , die nun hier über- und nebeneinander liegen geblieben waren . Vorspringende Altane streckten sich plötzlich aus der Mauer heraus und spiegelten ihre gefälligen Formen im Wasser des Sees , stumpfe Kegel hoben die wenig schönen Häupter zu Hunderten aus dem zackigen Gestein empor und umgaben eine Säule , die schlank und schmucklos wie ein Kirchturm zum Himmel ragte . Das war eine Welt für sich , das schien nicht mehr der Erde anzugehören , - das überwältigte fast das Herz des Menschen . Bis an den oberen Rand war dieser tiefe , mit Wasser gefüllte Talkessel vollständig ungangbar . Robert befand sich ganz im Schoß der uralten Steinriesen , in geheimnisvoller , tiefverborgener Mitte , aus der kein Ton empordrang zur Oberwelt . Was jeden anderen erschreckt haben würde , das erfüllte ihn mit stolzer Freude . Er hob den Lauf des Gewehres langsam empor und zielte auf die schlanke Turmspitze . Wie hier im eingeschlossenen Raum der Schuß krachen mußte ! - - Und dann wälzte sich der donnerähnliche Schall an den Wänden entlang . Wie betäubender Lärm aus zehn , - zwanzig Geschützen , kaum zu ertragen , so krachte es und rollte und hallte wider . Die höchste Spitze , ein Stückchen wie ein kleiner Stein , war herabgeschossen und fiel plötzlich in das stille , blaue Wasser . An den Wänden spielten kleine , weiße Schaumwellen , während in der Mitte des Sees die zitternden , unregelmäßigen Kreise immer größer und größer wurden . Nach wenigen Minuten war alles so still wie zuvor . Robert lud das Gewehr und hing es an dem Lederriemen wieder über seine Schulter , dann , nach einem letzten , bewundernden Blick auf die Felswand , suchte er durch die Grotte den Rückweg . Erst jetzt fiel ihm ein , daß er weder den Adler , noch den Ausfluß des Wasserfalles gesehen hatte . Es mußte also mitten in dem Gewirr von Klippen , entweder zur Rechten oder zur Linken , etwa auf halber Höhe noch eine Stelle geben , die das Wasser langsam fließend passierte , bevor es in den See einmündete , und wo auch der Adler hängen geblieben war . Diese Stelle wollte er finden . Vor dem ziemlich dunkeln Ausgang der Höhle erhoben sich so viele Stufen und Zacken , daß es auch einem Ortskundigen auf den ersten Blick unmöglich gewesen wäre , hier diejenigen herauszufinden , die ihm vorhin als Treppe gedient hatten . Robert sah hinauf . Von allen Seiten Schluchten und Kuppen , Spalten und Engpässe , - hoch oben in weiter Ferne hier oder da ein Streifen blauen Himmels , aber nirgendwo ein Zeichen des Weges , der ihn hierher gefuhrt hatte . Noch schlug sein Herz so ruhig und gleichmäßig wie immer , er versuchte die einzelnen Stufen des Gesteins der Reihe nach mit den Augen in Verbindung zu bringen und zu berechnen , wie er am besten nach oben kommen könnte . Vergebens ! Dieser mündete nach rechts , jener nach links , der dritte lief in eine steile , ganz glatte Wand , und der vierte zeigte Unterbrechungen , über die kein menschlicher Fuß hätte hinwegspringen können . Robert fragte sich umsonst , wie er durch dieses Gewirr überhaupt bis auf den Boden der Schlucht hinabgefunden habe . Aber was half es . Die Sache mußte auf gut Glück hin versucht werden . Er kletterte mit der Hast der Aufregung in den nächsten Spalten empor und fühlte bald den Wind wieder um seine Stirn wehen . Jedenfalls hatte er an Höhe gewonnen , das gab ihm neuen Mut . Von Zeit zu Zeit prüfte er die Entfernung des Himmels von seinem augenblicklichen Standort . Sonderbar , - sie blieb immer die gleiche . Wo er sich jetzt befand , war er auch vorhin nicht gewesen , daran erinnerte er sich deutlich . Die Zacken hörten auf , und eine Art Rinne oder Durchgang führte tiefer in den Fels hinein . Zugleich hörte Robert ein starkes Rauschen wie von Wasser . Ganz in seiner Nähe plätscherte es , aber sehen konnte er nichts . Vorsichtig weitergehend suchte er überall die Spuren des verlorenen Weges , stellte jedoch dabei fest , daß sich die Rinne , der er folgte , allmählich senkte . Er kehrte um bis zu der Stelle , wo er das starke Rauschen bemerkt hatte . Es war ununterbrochen hinter der Felswand zu hören , doch ließ sich kein Tropfen Wasser erkennen , das Gestein war überall vollkommen trocken und fest . Er kehrte noch einmal um , bis nach einer Wanderung von fünf Minuten der Paß sich dermaßen verengte , daß kaum noch ein Durchschlüpfen möglich war . Robert kroch vorwärts , - er maß besorgt die Entfernung zum Tageslicht . Aber jetzt erschrak er doch so sehr , daß es kalt über seinen Rücken herablief . Was er hoch über sich sah , war die zierliche , schlanke Spitze des turmartigen Felsens , - er befand sich demnach bedeutend unter dem Spiegel des Sees . Einen Augenblick lang stockte das Blut in seinen Adern . Schweiß stand auf seiner Stirn , und seine Knie zitterten . Das geheimnisvolle , unterirdische Wasser hatte ihn verlockt , den Zauberberg zu betreten und aus seinen verschlungenen Irrgängen den Rückweg zur Sonne , zu den Menschen vergeblich