genommen . Im Schlosse herrschte , ungeachtet der zahlreichen Insassen , Totenstille . Es galt ein heimliches Gericht ; die weibliche Dienerschaft war durch verschiedentliche Aufträge für die Morgenstunden entfernt worden ; nur der alte Wagner , ein Getreuer und Vertrauter aus der einstigen Heimat , zurückgeblieben , und sein auch wohl das Verdienst , jene unzuverlässigen Zeuginnen beseitigt zu haben . Schweigend mit zerwühlten Mienen öffnete er die Tür des Ahnensaales . Dezimus hatte ihn seit der Leichenfeier für den Propst nicht wieder betreten . Dessen Bild hing wie dazumal über dem kleinen Betaltar ; da , wo der Sarg gestanden hatte , stand heute eine dunkelverhangene Tafel , an welcher der Familienrat gehalten werden sollte . Die männlichen Mitglieder waren bereits versammelt ; die beiden Geistlichen im Ornat , der Obertribunalsrat und der Kammerherr , die Gatten von Priszilla und Phöbe , das weiße Johanniterkreuz auf den schwarzen Leibrock geheftet ; Martin im Dienstanzug , den Helm unter dem Arm . Alle standen mit den Gesichtern dem Bilde des Vaters zugekehrt und schienen den Eintritt seines ungeratenen Sohnes nicht zu bemerken . Menschen aus einem Gusse - Martin etwa ausgenommen - waren sie über die zu treffende Entscheidung eines Sinnes und der Zweck der demonstrativen Versammlung , neben dem persönlichen Genügen , wohl kaum ein anderer als der , der unglücklichen Mutter in imponierender Weise eine harte Notwendigkeit erklärlich zu machen . Denn ein so schwacher Menschenkenner , daß er erwartet hätte , durch solch feierlichen Aktus einen Philipp zur Zerknirschung und zur Umkehr zu bewegen , ein so schwacher Menschenkenner war doch wohl nur der alte , ehrliche Professor Hildebrand . Philipp hatte beim Überschreiten der Schwelle die Lippen trotzig übereinandergebissen . Glut und Blässe wechselten auf seinem Gesicht . Er hielt des Freundes Hand fest umklammert ; die seinige war eiskalt . Aber nur die Frauen waren es , vor deren Wiedersehen ihm bangte , die geliebte Mutter und die Richterin Lydia . Als er daher gewahr wurde , daß er es nur mit den Männern der Familie zu tun haben sollte und er diese Männer ihm so geflissentlich den Rücken kehren sah , hatte er Mühe , ein Lachen zu unterdrücken , und drehte in Gedanken dem hohen Gerichtshof eine echte , rechte Bösebubennase . Dezimus zog ihn in eine Fensternische , welche der Eingangstür zunächst und der Versammlung zufernst lag ; und da konnte der brave Martin es denn nicht länger über das Herz bringen : er ging auf Dezimus zu , drückte ihm die Hand , zuckte die Achseln , schüttelte den Kopf , schlug mit einem Seufzer vor seinem Nichtsnutz von Bruder die Augen nieder und kehrte dann schweigend zu dem schweigenden Chor zurück . Noch dauerte es eine gute Weile , in welcher Dezimus nichts als das Ticktack des Corpus delicti in seiner Westentasche vernahm . Endlich aber öffnete der alte Wagner die Tür , und in den Saal wankte , von Lydia gestützt , von ihren beiden jüngeren Töchtern gefolgt , die unglückliche Mutter , Martins Töchterchen auf dem Arm . Sie sank wie gebrochen auf den ersten erreichbaren Sessel . Beim Erblicken dieses gramdurchwühlten , gütigen Mutterangesichts , der weiten , leeren Augen , welche in den jüngsten Tagen ihren Tränenborn erschöpft zu haben schienen , riß sich Philipp von des Freundes Hand und stürzte mit einem schrillen Aufschrei zu der Matrone Füßen . So , den Kopf in ihren Schoß vergraben , blieb er liegen während der ganzen Verhandlung . Die Mutter hatte den einen Arm um seinen Nacken geschlungen , als ob sie ihn festhalten wollte gegen den Bannspruch der Gerechtigkeit ; im anderen Arme lag die schlummernde Enkelin , ein spärliches Würmchen , das während der jachen Reise unpaß geworden war und das die treue Pflegerin in all ihrer Angst und Not nicht für eine Stunde aus den Augen gelassen haben würde . Sie weinte auch jetzt nicht ; nur dann und wann vernahm man ein leises Wimmern , ohne daß man unterschied , kam es aus des Kindes oder der Matrone Brust . Die schweigende Gruppe unter dem Bilde hatte sich den Eintretenden zugewendet ; der Vormund schritt auf sie zu ; die drei Schwestern neigten sich bis zur Erde vor dem greisen Seelsorger und Vertreter des Vaters ; sie küßten seine Hand , so wie sie beim Morgengruß die des Vaters zu küssen gewohnt gewesen waren . Die sonst so freundliche Mutter grüßte nicht einmal mit den Augen . Sie hatte nicht daran gedacht , ihren Morgenanzug mit einem der Feierlichkeit entsprechenden zu vertauschen . Lydia trug , wie noch immer seit ihres Vaters Tode , ein Trauerkleid , und die beiden Schwestern hatten es ihr heute nachgetan . Es handelte sich ja wieder um einen düsteren Akt im Ahnensaale . Der Professor bot Frau von Hartenstein den Arm , sie an den Ehrenplatz der Gerichtstafel zu führen . Sie schüttelte schweigend das Haupt und rührte sich nicht aus ihrer mütterlichen Umstrickung . Priszilla und Phöbe hätten sich wohl gern in ihrer Nähe gehalten , doch folgten sie gehorsam ihren Gatten an deren Seite . Der Ehrenplatz blieb unbesetzt , da auch Lydia ihn ablehnte . Sie trat zur Seite in einen zweiten Fensterbogen , von welchem aus sie die Schmerzensgruppe der Mutter mit dem Sohn im Auge halten konnte . Dort stand sie aufrecht mit gefaltenen Händen , ohne sich zu regen ; das , was um sie her laut ward , schien an ihrem Ohr abzugleiten , ein innerlichster Vorgang sich zur Klarheit durchzuringen , aber einer , unter welchem das gebeugte Haupt sich hob . Daß der uneingeweihte Kandidat dem Wink des ordnenden Vormunds an das untere Ende der Tafel nicht Folge leistete , sondern in seinem dunkelumhüllten Fensterwinkel verharrte , wird die Versammlung der Eingeweihten ihm als geziemende Bescheidenheit angerechnet haben . Magister Klein setzte sich an die Orgel ; das alte Lutherlied » Aus tiefer Not schrei ich zu dir « wurde angehoben ; Lydia sang nicht mit ,