Jahr abgelaufen . An den Fenstern des Hauses war niemand zu erblicken , Kleopheas Flügel war verstummt : es war ein recht trauriges Gefühl , in der Dämmerung zu stehen und nichts zu hören als plötzlich den » sprechenden Vogel « , nämlich den Papagei , der mit abscheulich kreischender Stimme seine Gegenwart kundgab und sich sehr wohl zu befinden schien . Hans wich in einen Nebenweg des Parkes zurück ; als er aber in die Nähe jener Bank kam , auf der er Henriette Trublet gefunden hatte , kehrte er schnell um und eilte fröstelnd heim mit der festen Überzeugung , daß es auch an diesem Abend vergeblich sein würde , das Manuskript zu beginnen . Mit Seufzen zündete er seine Lampe an und legte nach einer guten Stunde den ersten Bogen des » Buches « weg , nachdem er nichts als drei große Kreuze auf das unschuldige Papier gemalt hatte . Er schrieb an die Base Schlotterbeck und den Oheim Grünebaum . Der erstern teilte er jetzt ziemlich ausführlich alles mit , was in den letzten Tagen geschehen war , und es konnte nicht fehlen , daß der Brief ziemlich melancholisch ausfiel . An den biedern Oheim richtete er ein munteres Schreiben , über dessen Ton er sich nachher selber verwunderte . Am folgenden Tage nahm er den Bogen mit den drei Kreuzen von neuem vor und schrieb eine Seite , die ihm am Morgen sehr gefiel , welche er jedoch am Abend wieder zerriß . Am zwanzigsten Oktober zerriß er den ersten Bogen des Manuskriptes und fand sich in einer Stimmung , welche nicht zu den » schönsten Hoffnungen für die Zukunft « berechtigte . Er zählte auch seinen Geldvorrat nach , und allmählich dämmerte die Überzeugung in ihm , daß ein Hauptflügel seines Luftschlosses dem Einsturz nahe sei und daß dem Fundament des Gebäudes gar nicht recht zu trauen sei . Er hatte es sich so schön ausgemalt , über den Hunger in der Fülle und zugleich über den Frühling im Winter zu schreiben und als ein freier Mann Gold-und Silberfäden aus dem schwarzen Dintenfaß zu ziehen . Nun fror ihn , und er hatte gegründete Ursache , die Ehrlichkeit seiner Wirtin seinem Holzvorrat gegenüber in Zweifel zu ziehen . Die Schneeflocken konnten aus dem grauen Gewölk über Nacht herabtanzen und - wirbeln und somit ihr Teil zur Verwirklichung der behaglichen Phantasie beitragen ; aber die tanzenden , wirbelnden Gedanken wollten sich nicht bändigen und auf dem Konzeptpapier fesseln lassen . Hungrig ging Hans auf die Jagd nach ihnen , während die Spatzen immer weniger wählerisch wurden , was ihre Nahrung anbetraf . Es mußte die Zeit kommen , wo der » Hungerpastor « einsah , daß es nichts half , die Gedanken zu jagen , wenn man von ihnen gejagt wurde . Die Zeit , wo er auf den Bergen und in den Wäldern der Universitätsstadt den Vögeln , Bäumen , Blumen und Wolken im überströmenden Gefühl so leicht die schönsten Reden gehalten hatte , war auch vorbei . Der Mann , der von der Welt soviel mehr erfahren hatte , als einst der Schüler davon wußte , konnte in solcher Weise nicht mehr reden und schreiben . Die mit Fleisch und Blut begabten Gestalten , die wirklichen , lebendigen Verhältnisse , kurz , die Dinge , wie sie waren , hatten eine völlige Umwälzung im Gemüt hervorgebracht . Eine so völlig subjektive Natur wie Hans Unwirrsch wurde damit auf dem Papier nicht so leicht fertig , wie es vor dem Versuche erschien , und am einundzwanzigsten Oktober brachte ihm der Postbote einen Brief , welcher den in Sorgen , Wehmut und Überdruß verlorenen Schriftsteller vollständig verwirrte und die Vollendung des Manuskriptes ganz und gar in Frage stellte . Es war ein nebeliger Nachmittag , am Himmel über den Dächern konnte man nicht eine scharf gezeichnete Wolkenbildung ausfindig machen und in ihrem langsamern oder schnellern Zuge verfolgen . Mit bänglichen Gefühlen hatte Hans wieder in seinen Geldbeutel geblickt , kein Gott half ihm fort über die jammervolle Gewißheit , daß er nicht ein Millionär sei , wie er vor vierzehn Tagen geglaubt hatte . Wenn man sich nur jedesmal das richtige , passende Wetter für jede krankhafte Stimmung verschreiben könnte , so würde man viel leichter darüber wegkommen . Es war sehr unangenehm , daß Hans sich für diesen Nachmittag keinen klaren , blauen Himmel oder ein lustiges Schneegestöber bestellen konnte : der Nebel scheuchte ihn immer tiefer » in die Melancholey « . Er saß also am Fenster , stützte den Kopf mit der Hand , starrte auf die Wäsche , die vor den Fenstern gegenüber trocknen sollte , und grübelte nach über des Erdballs Ärgernisse . In Wahrheit , es ging schlecht mit Hans , und der Gedanke , daß er für die Freiheit vollständig untauglich sei , erwies sich als sehr peinigend . Was hatte der Kandidat in der gewünschten Freiheit begonnen ? Drei Tage lang hatte er Luftschlösser gebaut , dann hatte er an jedem Morgen bis tief in den Tag hinein geschlafen ; sehr billigen Tabak hatte er zu sehr scheußlichem Kaffee geraucht , und nun hatte er den ersten Bogen seines » Buches « zerrissen . Am einundzwanzigsten Oktober hielt Hans Unwirrsch die Idee , durch seine Hungerpredigten ein berühmter Mann und der Befreier des Fränzchens zu werden , für unpraktisch , töricht und albern , ohne daß ihm ein Verleger seinen Standpunkt klargemacht hatte . Der harte Knöchel des Briefträgers , welcher an seine Tür pochte , riß ihn aus Betrachtungen empor , die nicht heitere genannt werden konnten . Aber mit dem Briefträger pochte wieder das Schicksal an seine Tür . Zum zweitenmal rief der Oheim Niklas Grünebaum als heiserer Unglücksrabe seinen Neffen zu einem Sterbebett , und folgendermaßen schrieb er : » Hochverliebtester Herr Nefö ! Hochzuverachtender Herr Kandidatus ! Mein lieber Junge ! Wenn ich nicht wüßte , daß Du als Pastor in guter Hoffnung und gottesfürchtiger Mensche nicht übelnehmerischer Natur wärest und es nicht