rief Corona , zärtlich an ihren Vater sich schmiegend . Mit froher Überraschung , doch nicht ganz ohne Besorgnis , empfing Onkel Levin die Tochter seiner Seele , seine geliebte Regina . Seit ihrer Rückkehr aus England hatte er eine leise Verstörung in dem Gleichmut ihres inneren Lebens wahrgenommen . Er kannte aber ihre schweigende Art und mochte nicht fragen , bevor sie nicht Veranlassung dazu gab . Wie der Pflanzenleim seine Zeit braucht , ehe er das Erdreich durchbricht , so will auch das Wort seine Zeit haben , bis es sich vertrauend ausspricht . Als Regina den lieben Onkel Levin wiedersah , und wieder in der trauten Kapelle vor dem Allerheiligsten auf den Knien lag , und wieder ihr stilles Zimmer betrat , das in schlichter Einfachheit einer Zelle glich und eher einem Kloster als einem gräflichen Schloß zu gehören schien - da drängte sich all ' ihr Weh über ihr Herz hinaus , und sie ging raschen Schrittes zum Onkel , nachdem sie am ersten Morgen seiner Messe beigewohnt hatte . » Ich erwartete Dich , « sagte er liebreich zuvorkommend , » denn Du sahst verweint aus . Was betrübt Dich , Kind ? Sprich ' ! der liebe Gott wandelt auch unsere bittersten Tränen in Gnadentau um . « Er blickte sie an mit seinen seelenvollen verklärten Augen , die über seinem edeln , blassen , vielfach durchschmerzten und tief gefriedetem Antlitz strahlten , wie stille Sterne über einer Winterlandschaft . In einem Strahl der Morgensonne ruhte sein Haupt mit den Silberlocken . Er sah aus wie jemand , der heimisch ist in einer besseren Welt . Regina sank zu seinen Füßen nieder und bedeckte seine Hände mit Tränen und Küssen . Er ließ sie gewähren und betete still für sie . Endlich erhob sie sich und sagte mühsam gefaßt : » Ich bin abgefallen von meiner ersten Liebe . « » Das glaub ' ich nicht ! « erwiderte Levin freundlich . » Ich bin es ! mein Herz geht nicht mehr geradesweges zu Gott ; meine Gedanken wenden sich nicht mehr ungeteilt dem höchsten Gut zu ; meine Liebe strebt nicht mehr einzig und allein zur ewigen Liebe . Ein Mensch ist mir in den Weg getreten und sucht mein Herz an sich zu reißen ; und dies törichte Herz neigt sich ihm zu - und nur mit meinem Willen hefte ich es an das Kreuz meines Gottes . So sieht es mit mir . « » Nun , bestes Kind , dann steht es ja sehr gut mit Dir . Deine Liebe ist aus der Region des Gefühls in die des Willens übergegangen . Die bloße Neigung hört auf und die Tugend beginnt . Aus der natürlichen Ordnung wandert Deine Liebe aus und strebt heimisch zu werden in der Ordnung der Gnade . Und Du weinst ? und Du zitterst ? O falle auf Deine Knie und danke Gott , daß endlich die Stunde des Kampfes für Dich geschlagen hat . « » Er reibt mich auf , dieser Kampf ! ich kann nicht leben unter der Last meiner Treulosigkeit ! « » Ja Kind , wenn Du stolz bist , dann kann es leicht von Dir heißen : Wie bist Du vom Himmel gefallen , schöner Morgenstern ! - Nimm in Demut Dein Kreuz auf Dich - das schwerste Kreuz : Deine Armseligkeit - und wandele damit weiter ; dann findest Du Gott , denn der kreuztragende Heiland und Millionen von heiligen Liebhabern des Kreuzes geleiten Dich . Bist Du aber stolz , so sagst Du Dich von ihnen los . « » Lieber Onkel ! Du weißt , welch ' ein Entschluß mir aus der Kindheit in die Jugend gefolgt ist und wie ich deshalb die Wünsche meines Vaters nicht erfüllen konnte . Von meiner Familie , von Uriel , von der ganzen Welt mich zu trennen , war mir kein Opfer ; denn ich lebte in einer überirdischen Freudenwelt , und es wäre mir wie ein Gottesraub erschienen , hätte ich mich mit vergänglichem Glück beschäftigen wollen . Seit dem vorigen Herbst ist es anders geworden - anders , seitdem ich in Stamberg auf immer von Uriel Abschied nahm . Warum ? das weiß ich nicht ! - aber seitdem erscheint mir Uriel sehr liebenswürdig und das Leben mit ihm auf Stamberg sehr glücklich ; und eine Stimme sagt mir , es wäre Gott sehr wohlgefällig , wenn ich meinem Vater gehorchte und meine liebe selige Mutter würde im Himmel meine Verbindung mit Uriel segnen . Und das alles spricht so mächtig zu meinem Herzen und lähmt dermaßen meine Verteidigungswaffen , nämlich mein Gebet und die Hingebung meines Willens an Gott , an Gott allein - daß ich nicht weiß , auf welche Seite der Sieg sich neigen wird und nicht weiß , ob ich nicht tausend Tränen weinen werde , wenn er sich auf die Seite Gottes neigt . « » Wohlan , Regina , Dein Gelübde ewiger Jungfräulichkeit kann gelöst werden . Es ist gültig . aber nicht unauflöslich . Hast Du alles wohl erwogen , viel gebetet , viel um die Erleuchtung des heiligen Geistes gefleht « ... - - » Das habe ich getan , lieber Onkel ; doch in der Absicht nie , o nie ! ich will nicht die Lösung meines teuern Gelübdes ! ich will nicht mit Gott angefangen haben , um kläglich mit einem Menschen zu enden ! ich will nicht mein Herz in zwei Lieben und zwei Treuen zerspalten und verkleinern ! sondern ich will dies : mein Herz unberührt von jeglichem Anhauch aus den Niederungen des Lebens zu Füßen des Gekreuzigten hinlegen . Das möchte ich erbitten und erflehen . Deshalb durchwache ich halbe Nächte in Tränen und Klagen . Aber Gott erhört mich nicht - denn wieder und immer wieder werden betörende Stimmen laut , nach denen ein Etwas in meinem Herzen hinhorcht , weil sie süß und schmeichelnd klingen , obschon sie wehe tun . « »